von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (29)

Völlerei bei Tisch steht seit jeher für Maßlosigkeit, aber indirekt auch als Zeichen für Lebensüberdruss. Eine sich ausbreitende Sinnlosigkeit sucht nach Kompensation in Form von Genussorgien, deren Dosis aufgrund leidiger Abnutzungseffekte beständig erhöht werden muss. Extensive Bedürfnisbefriedigung und subkutane Todessehnsucht gehen eine Verbindung ein, deren Dynamik, ist sie erst einmal in Gang gebracht, kaum noch aufzuhalten ist. Der italienische Kinofilm Das große Fressen aus dem Jahr 1973 hat dem Verfall allegorisch ein Denkmal gesetzt.

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von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (28)

Begibt man sich in der Literatur oder im Theater auf die Suche nach der Darstellung des Geizigen, kommt man an Molière kaum vorbei. Dessen berühmte Komödie wurde erstmals 1668 aufgeführt und gehört bis heute zum Standardrepertoire vieler Bühnen. Auch wenn die Handlung in einer uns fremd gewordenen Zeit spielt, sind die Charakterzüge Harpagons, der reichen und überaus geizigen Hauptfigur, in nahezu idealtypischer Form mit Wiedererkennungseffekt bis in die Gegenwart gezeichnet.

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von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (27)

Nicht selten wird Trägheit schöngeredet als passiver Widerstand gegen die Forderungen der Leistungsgesellschaft oder als Erscheinung feingeistiger Kontemplation. Aber es gibt eben auch jene nervende Antriebslosigkeit, der Iwan Gontscharow mit dem Roman Oblomow einst ein literarisches Denkmal gesetzt hat. In der Psychiatrie wurde seine Titelfigur gar zum Namensgeber eines Trägheitssyndroms. Dieses ist jedoch nicht unbedingt Ausdruck einer depressiven Erkrankung, sondern kann auch als Phänomen einer kulturell geformten Seelendispositionen verstanden werden.

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von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (26)

Wer da zürnt, wo der Anlass und die Personen den Zorn rechtfertigen, wer in der rechten Weise, zur rechten Zeit und die rechte Zeitdauer hindurch zürnt, dessen Verhalten findet Billigung. ... Die Entscheidung darüber, auf welche Weise, welchen Personen, aus welchem Anlass, wie lange Zeit man zürnen soll, und wo die Grenze liegt zwischen dem richtigen und dem falschen Verhalten, lässt sich nicht leicht treffen. ... Soviel geht aus alledem mit Sicherheit hervor, dass die Charaktereigenschaft, die Mitte innezuhalten, diejenige ist, nach der man zu streben hat.  (Aristoteles)

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von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (25)

Ähnlich wie bei den griechischen Dramen der Antike waren auch für Shakespeare die menschlichen Leidenschaften und Laster ein zentrales Thema. Nicht selten machte er sich in Komödienform über die kleinen und größeren Nicklichkeiten des Zusammenlebens lustig, bestimmte Konflikte und Intrigen jedoch forderten das Format der Tragödie. Neben Hamlet, King Lear und Macbeth ist dies nicht zuletzt beim Othello der Fall, dem klassischen Lehrstücke zum Thema Neid und Eifersucht.

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von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (24)

Beim Hochmut wie auch bei Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Völlerei und Wollust handelt es sich um Dinge, mit denen sich die Menschen zu allen Zeiten konfrontiert sahen. Das christliche Register der sieben Todsünden bildet deshalb nur eines der Konzepte zum Umgang mit ihnen. Auch in anderen Religionen, Mythologien und kulturellen Deutungssystemen fand eine vergleichbare Auseinandersetzung statt. Die Kunst und die Literatur von der Antike bis in die Moderne spiegeln dies wider. So zählte der menschliche Hochmut und seine Folgen bereits zu den zentralen Themen der griechischen Tragödie. Wer der Hybris verfällt, muss zwangsläufig scheitern.

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von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (23) - Eine Rotation

Der Versuch, den Gehalt und den Wert des altkirchlichen Konzeptes der sieben Todsünden als potentielles Element einer zeitgemäßen Ethik zu prüfen, erweist sich mehr und mehr als problematisch. Die Loslösung des Sündenkatalogs aus dem ursprünglichen religiösen Kontext und seine gedankliche Übertragung ins Säkulare ist dabei noch die leichteste Übung, auch wenn sich dabei kein einheitliches Bild ergibt. Da zeigt sich eine große Bandbreite, von der Akzeptanz bis zur vollständigen Ablehnung.

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von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (22)

Nun noch einmal zur Wollust. Das Verbotene reizt bekanntlich in besonderer Weise. Es ist deshalb Vorsicht angebracht, wenn man die warnenden Hinweise auf die böse Existenz des Nichterlaubten für bare Münze nimmt. Wer akribisch dem Verbotenen nachforscht, bis endlich seine Spuren entdeckt sind, um dann mit Empörung zu reagieren, ist nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit selbst fasziniert von den aufgedeckten Abgründen.

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von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (21)

Völlerei macht gedankenlos und stumpfsinnig, so lässt sich der Kern des mittelalterlichen Sündenverdikts knapp zusammenfassen. Wer in Saus und Braus lebt, hat jegliche Demut abgelegt. Alles wird als selbstverständlich empfunden, auch die Gaben der Natur. Missernten und Hungersnöte konnte jedoch nur diejenigen ignorieren, die im oberen Bereich der gesellschaftlichen Machtpyramide lebten. Existenzielle Armut stellte für sie ein entferntes Phänomen dar. Wer im Mittelalter, ohne arm zu sein, bescheiden lebte, tat dies freiwillig.

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von Ulrich Metzmacher

Die sieben Todsünden (20)

Es kann nicht verwundern, dass die mittelalterliche Kirche den Geiz auf die Liste der Todsünden gesetzt hat. Geizige Menschen gelten als knickrig, und da die päpstlichen Geldeintreiber nun einmal allzu gerne nahmen, konnte eine Motivation zum Geben nicht schaden. Der Handel mit Ablassbriefen funktionierte bis in Luthers Zeiten aber nur, weil erstens das höllische Drohkonzept jede sündhafte Tat anschließend zum inneren Alptraum werden ließ und zweitens das Verbot des Geizes alle Bedenken hinsichtlich der befreienden Gaben an den Klerus vom Tisch wischte.

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