Blog
Hinweise auf Ausstellungen; Rezensionen von Büchern; Interviews mit Fotografierenden, Kunstschaffenden und Medienaktiven; Anmerkungen zur Geschichte und Theorie der Fotografie; Kommentare zur Kultur; Berichte zum Zeitgeschehen und von Reisen.
Fotografieren als Jagd
In allen denkbaren Lebenslagen Bilder zu schießen, ist zu einer vertrauten Übung geworden. Der Begriff des Schießens weist allerdings darauf hin, dass Fotografieren mitunter mehr ist als nur ein harmloser Vorgang. Die Assoziation zwischen der Kamera und einer Waffe war sogar einmal sehr konkret. Im Jahr 1860 wurde ein Mann mit einem Gerät, das einer Pistole ähnelte, bei einer Parade verhaftet. Man hatte geglaubt, er ziele auf Queen Victoria. Es handelte sich jedoch um einen Pistolografen, eine Kamera in Waffengestalt. Dann gab es den astronomischen Revolver von 1874 für die sequentielle Sternenfotografie oder eine Kamera, die auf einem Gewehrschaft mit Schulterstütze und Abzug montiert war. Spätere Teleobjektive wie die von Novoflex schließlich sahen fast aus wie eine Panzerfaust. Das Prinzip war bei allen diesen Geräten ähnlich. Die Bedienung mit dem Zukneifen eines Auges, dem Anhalten des Atems und dem Krümmen des Zeigefingers ist in mancherlei Hinsicht vergleichbar mit dem Abfeuern einer Waffe. Das erjagte Motiv wird zur Trophäe, die man sich aneignet.
Das Porträt im Rausch der Simulation
Das menschliche Antlitz war für die Fotografie niemals nur ein neutrales Objekt, sondern codiert durch gesellschaftliche Zuschreibungen. Blickt man auf die Geschichte der Porträtfotografie, erkennt man eine Abfolge technischer Innovationen von der versilberten Kupferplatte bis zum hochauflösenden Smartphone-Sensor. Hinzu kommt die Wandlung des menschlichen Subjektverständnisses. Das Porträt hat sich von einem statischen, skulpturalen Monument bürgerlicher Selbstrepräsentation über ein Instrument der soziologischen Dokumentation hin zu einer Währung im Kampf um Anerkennung und algorithmischen Existenzbehauptung entwickelt.
Walter Schels und die Kunst des Alterns
Die Ausstellung 16° Fische im C/O Berlin ist einem Fotografen gewidmet, dessen Bilder in den vergangenen Jahrzehnten regelmäßig in Zeitschriften gezeigt oder als Teil von Werbekampagnen bekannt wurden. Gleichwohl blieb sein Name ein wenig im Hintergrund, wenn es um die Nennung bedeutender Fotografinnen und Fotografen ging. Dies dürfte sich nun ändern. Walter Schels ist als ein Bildkünstler zu würdigen, der nicht nur herausragende Porträts sowie Werbe- und Dokumentarfotografien schuf, sondern auch ein umfangreiches experimentelles Werk, das bislang jedoch weitgehend unbekannt blieb. Aus seinem Archiv wurden für die in Kooperation mit der Stiftung F.C. Gundlach erstellte Ausstellung im C/O Berlin mehr als dreihundert klein- und großformatige Prints, meist in Schwarzweiß oder mit leichter Tönung, ausgewählt, die das weite Feld der fotografischen Möglichkeiten belegen.
Zum Stand der Dinge
Um beim Blick auf die mannigfaltigen Aspekte des Fotografischen nicht die großen Linien zu verlieren, ist hin und wieder eine Besinnung angesagt. Konkret geht es um die Reflexion der fotosinn-Beiträge aus den vergangenen Jahren. Die eigene Sicht des Autors mag da eine gewisse Betriebsblindheit aufweisen. Grund genug für eine externe Beauftragung. Bei dem folgenden Text handelt es sich um das Ergebnis des Experimentes mit einer KI-Sprachmaschine. Diese wurde mit den fotosinn-Texten gefüttert und aufgefordert, aus ihnen eine Zusammenfassung wesentlicher Inhalte zu generieren. Wie und warum die KI genau diese Schwerpunkte ausgewählt hat, bleibt ihr Geheimnis. Aber das Ergebnis ist plausibel. Es wurde lediglich stilistisch sowie mit einigen Kürzungen, Zusätzen und Begriffsveränderungen überarbeitet. Dumm war die KI jedenfalls nicht. Und auch kein Monster. Hier das Ergebnis:
Kulturexport durch Sprachmaschinen
In seinem Buch Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz wirft der Medienphilosoph Roberto Simanowski einen ambivalenten Blick auf das Zeitalter von ChatGPT, Gemini und Co. Aber anstatt dabei in den gängigen apokalyptischen Alarmismus hinsichtlich einer vielleicht unkontrollierbar werdenden KI einzustimmen, untersucht er die subtilen Verschiebungen in unserer Kultur und unserem Denken. Die Sprachmaschinen selbst denken nicht. Sie besitzen kein Bewusstsein im herkömmlichen Sinne, keine eigene Überzeugung und keine Lebenserfahrung. Wenn eine KI spricht, betreibt sie Statistik und ermittelt die Wahrscheinlichkeit von Wortfolgen, basierend auf den Textmengen, mit denen sie trainiert wurde. Wahrheit und Relevanz sind für sie ein Produkt mathematischer Häufigkeiten. Soweit sind die Dinge bekannt.
Das Babylon-Syndrom
Steigt man bei frühsommerlichen Außengraden hinab in das temperierte Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie, vollzieht sich vordergründig ein klimatischer Wechsel. Man gelangt zur kleinen Sonderausstellung Ruin und Rausch. Berlin 1910 – 1930 mit rund 45 ausgewählten Exponaten der Klassischen Moderne, meist aus den eigenen Beständen. Die Schau seziert das Lebensgefühl einer Epoche, die zwischen Übermut und existentieller Angst oszillierte. Es ist eine konzentrierte Erzählung, die ambivalente Gedanken auslöst und auch als seismographischer Spiegel der Gegenwart gelesen werden kann. Die aktuelle Außentemperatur macht dann doch keinen großen Unterschied mehr zum schwülen Klima der 1920er Jahre.
Abstraktion als Narkotikum
Das Jahr 1945 ging als Stunde Null in die deutsche Geschichte ein. Es war eine Metapher, die gleichermaßen biologisches Überleben, moralischen Bankrott und materiellen Ruin zusammenfasste. Die Städte lagen in Trümmern, die Infrastruktur war kollabiert und die nicht mehr zu leugnende Existenz der Konzentrationslager offenbarte einen Zivilisationsbruch ungeheuerlichen Ausmaßes. Doch inmitten dieser totalen Verheerung zeigte sich eine Erscheinung, die auf den ersten Blick zynisch anmuten mag: Die Kunst hatte es nach dem Krieg mit nahezu idealen Neustartbedingungen zu tun.
Warum wir die Moderne der 1920er Jahre so lieben
Wir leben im Zeitalter der visuellen Adipositas. Jede Sekunde werden tausende Bilder in den digitalen Äther gespült, gefiltert, KI-generiert, hochglanzpoliert und sofort wieder vergessen. Wir sind gesättigt von ihrer Beliebigkeit. Aber wenn wir dann vor einer körnigen Schwarz-Weiß-Aufnahme aus den 1920er Jahren stehen, halten wir inne. In der heutigen Welt, in der es scheinbar nichts Neues mehr unter der Sonne gibt, wirkt der Blick auf eine einhundert Jahre alte Ästhetik fast paradox. Aber vielleicht wollen wir uns ja noch einmal zurück in eine Welt begeben, die durch positive Zukunftsbilder geprägt war und in der man den weiteren Verlauf des Zwanzigsten Jahrhunderts noch nicht antizipieren konnte.
Fotografinnen der Moderne
Frauen spielten im Umfeld des Bauhauses eine stärkere Rolle, als dies lange Zeit in der Kunstgeschichtsschreibung sichtbar wurde. Die Fotografie entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem experimentellen Feld, in dem jedoch auch Fotografinnen prägend wirkten. Die Ausstellung Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen des Bauhaus-Archivs im Museum für Fotografie in Berlin macht dies deutlich. Einige der gezeigten Fotografien sind als Dokumente der Bauhaus-Ästhetik zwar bekannt, nicht immer jedoch ihre Urheberinnen.