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Hinweise auf Ausstellungen; Rezensionen von Büchern; Interviews mit Fotografierenden, Kunstschaffenden und Medienaktiven; Anmerkungen zur Geschichte und Theorie der Fotografie; Kommentare zur Kultur; Berichte zum Zeitgeschehen und von Reisen.
Fotografieren im Zeitalter der Perfektion
Johann Peter Eckermann notierte aus einem Gespräch mit Goethe am 9. Februar 1831 einige Bemerkungen des Dichters zur Kunst seiner Zeit: Überhaupt geht alles jetzt aufs Technische aus, und die Herren Kritiker fangen an zu quengeln, ob in einem Reim ein s auch wieder auf ein s komme und nicht etwa ein ß auf ein s. – Wäre ich noch jung und verwegen genug, so würde ich absichtlich gegen alle solche technischen Grillen verstoßen, ich würde Alliterationen, Assonanzen und falsche Reime, alles gebrauchen, wie es mir käme und bequem wäre.
Amerika - Quo vadis?
Nahezu täglich werden wir mit verstörenden Bildern konfrontiert, die Fragen zum Zustand der gesellschaftlichen und politischen Kultur der Vereinigten Staaten aufwerfen. Ob es sich noch um ein vereintes Land handelt, wird zunehmend skeptisch beurteilt. Wir sehen Bilder mit maskierten ICE-Agenten, die Jagd auf Immigranten machen, sowie Menschen, die sich ihnen entgegenstellen und zu Tode gebracht werden. Die Aktionen werden von einer Staatsmacht geschützt, die aggressive Polarisierungen zum politischen Konzept gemacht hat. Solche Entwicklungen waren vor einiger Zeit noch kaum vorstellbar. Von einem befriedeten Land konnte aber schon früher nicht die Rede sein. Die Ausstellung American Cycles mit Bildern des Fotografen Philip Montgomery im temporären PHOXXI der Hamburger Deichtorhallen macht dies deutlich.
Chamissos Schatten und die Ketten der Sklaverei
Am 21. August 1838 starb in Berlin der Dichter, Naturforscher und Weltreisende Adelbert von Chamisso. Er war einer der eigentümlichsten Grenzgänger der deutschen Literaturgeschichte. Sein Werk entzieht sich einfachen Kategorisierungen. Es verbindet romantische Naturpoetik mit empirischem Erkenntnisinteresse sowie ethnologische Beobachtung mit scharfer Sozialkritik. Chamisso gehört zu jenen Autoren, für die Dichtung nicht Eskapismus, sondern ein Instrument der Aufklärung war. Kunst und Zeitdiagnose erscheinen nicht als gegensätzliche Diskursformen, sondern als komplementäre Ausdrucksweisen eines Emanzipationsprojekts, das den Menschen zugleich als Natur- und als Gesellschaftswesen begreift.
Postfotografie und Postfaktisches
Lange galt das technische Bild als objektiver Beweis der Realität. Mit der Digitalisierung und vor allem der KI-Bilderstellung verlor es dann jedoch seine indexikalische Garantie. Das Bild ist nun kein physischer Abdruck mehr, sondern eine Konstruktion. Es verweist nicht auf eine existierende Welt, sondern auf die Funktionen eines Algorithmus. Diese technologische Entmaterialisierung liefert auch die visuelle Basis für eine postfaktische Gesellschaft. Hier zählen Narrative und Emotionen mehr als empirische Evidenz. Echokammern in den Sozialen Medien verstärken diesen Effekt. Bilder müssen nicht mehr wahr sein, sie müssen sich richtig anfühlen. Gleichzeitig ermöglichen sie die vollständige Simulation von Ereignissen und Identitäten. Die bloße Existenz von Manipulationsmöglichkeiten erlaubt es dann im Übrigen, selbst authentische Fotografien als Fälschung zu diskreditieren.
Design im Nationalsozialismus
Die Annahme, dass ab 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein radikaler Bruch in der deutschen Designgeschichte stattfand, lässt sich nicht ohne Einschränkung aufrechterhalten, denn es gab zwischen der Formensprache des Bauhauses sowie der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre einerseits und der Gestaltung von Gebrauchsgütern im Dritten Reich auf der anderen Seite durchaus einige Parallelen. Die Verbindungslinie verlief dabei nicht über Ideologien, sondern über Gestaltungsprinzipien, Produktionslogiken und funktionale Anforderungen. Erkennbar sind formale Kontinuitäten bei gleichzeitiger ideologischer Diskontinuität.
Schreiben über Fotografie
Im Moment des Fotografierens herrscht eine gewisse Ruhe. Diese hat nichts mit der Abwesenheit von Geräuschen zu tun, sondern mit der vorrangigen Präsenz des Visuellen. Wenn die Kamera einen bestimmten Augenblick inmitten der Bewegungen erfasst, tritt man aus der Zeit heraus. Die Welt reduziert sich auf Licht, Schatten, Linien oder den flüchtigen Ausdruck eines Gesichts. Wir wissen jedoch nicht immer, was uns da eigentlich gerade angezogen hat. Und warum lässt sich der Moment der Betätigung des Auslösers so schwer in Worte fassen? Eine mögliche Antwort liegt in der Natur beider Zustände. Fotografieren ist ein Akt der Bejahung. Das ist so gewesen, schrieb Roland Barthes. Die Kamera fragt nicht nach dem Warum, sie konstatiert das Geschehen. Schreiben hingegen ist ein Akt der Dekonstruktion und des Nachdenkens. Zwei unterschiedliche Vorgänge. Man kann nicht im Alltag der Wirklichkeit den perfekten Winkel suchen und gleichzeitig die Bedeutung der Dinge analysieren.
Fotografie und Poesie
An der Wand eine Fotografie. Ein schweigendes Bild. Und auf dem Tisch ein Band mit Gedichten. Auch diese schweigen. Aber hier ist es eine Stille, die darauf wartet, durch Sprache oder auch nur im Kopf des Lesers zum Laut zu werden. Fotografie und Poesie scheinen verschiedenen Welten anzugehören. Hier die Optik als mechanisches Auge, dazu der unbestechliche Sensor, der das Licht verarbeitet. Dort der Rhythmus, die Metapher, die subjektive Sprache, die aus Gedanken schöpft. Doch je länger man beide betrachtet, desto mehr beginnen die Grenzen zu verschwimmen. Fotografie und Poesie wollen die Dinge bannen und rebellieren gegen das Vergehen.
Urbane Meditation
Die Stadt ist ein Organismus aus Beton, Asphalt und Bewegung, pulsierend im Takt von Ampeln, Verkehr und Eile. In ihren Strom zu treten, scheint wie das Gegenteil von Meditation. Gleichwohl kann Ungewöhnliches geschehen, wenn man durch abgelegene Nebenstraßen streift. Die Kamera verliert hier ihren Charakter als Werkzeug der schnellen Dokumentation und wird zum Instrument feinerer Wahrnehmung. Man geht langsamer und öffnet den Blick für Unscheinbares. Sensationelles gibt es hier nicht. Der Geist, sonst ein sprunghafter Affe und stets auf der Suche nach dem spektakulären Motiv, wird ruhig und nimmt Linien, Formen und einen besonderen Lichteinfall wahr. Wenn etwa die Sonne an einem trüben Tag kurz durch die Bäume bricht und ein verpacktes Auto anstrahlt, eingehüllt in eine graue Plane, festgezurrt mit einem orangefarbenen Gurt. Es steht da wie ein sich selbst überlassenes Objekt, umgeben von Pflanzen, die sich einen Weg durch die Fugen des Pflasters gebahnt haben. Die kleinen Bäumchen hinter dem Heck wachsen offenbar schon länger da.
Das fotografische Porträt
Im Oktober des Jahres 1918 erschien in der Zeitschrift Die neue Rundschau der Beitrag Das Problem des Portraits. Autor war der Soziologe Georg Simmel. Zentrales Thema waren die Herausforderungen, mit denen sich der Maler konfrontiert sieht. Mit der Fotografie befasste sich Simmel nur beiläufig. Sie war für ihn keine Ausdrucksform, die es mit den etablierten Künsten aufnehmen konnte. Diese hatten stets besondere Aufgaben. Vom Mittelalter bis zum Beginn der Renaissance wurde das Porträt überwiegend als Mittel der Funktionsdarstellung von Rollenträgern und deren Status eingesetzt. Erst in den Jahrhunderten der Individualisierung hat es durch Aufklärung, Romantik und bürgerliche Ich-Findung mehr und mehr den in der Neuzeit vertrauten Charakter angenommen. Wir wollen in einem Porträt etwas Persönliches erkennen. Dem Mittelalter war diese Sichtweise noch fremd.