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Hinweise auf Ausstellungen; Rezensionen von Büchern; Interviews mit Fotografierenden, Kunstschaffenden und Medienaktiven; Anmerkungen zur Geschichte und Theorie der Fotografie; Kommentare zur Kultur; Berichte zum Zeitgeschehen und von Reisen.

Ulrich Metzmacher Ulrich Metzmacher

Kompensation von Verlustängsten oder Kulturgutbewahrung

Warum werden immerzu neue Museen gebaut? Gibt es nicht schon genug von ihnen? Offenbar soll möglichst viel von dem aufbewahrt werden, was in der Vergangenheit an Artefakten entstanden ist und künftig entstehen wird? Dabei handelt es sich nicht nur um Kunstwerke im strengen Sinne. Museen gibt es ebenso für technische Geräte, Lippenstifte, Briefmarken, Kuckucksuhren und dergleichen, daneben für historische Epochen, ganze Kulturen, subkulturelle Lebensweisen sowie Sportaktivitäten, Hobbys und Seltsames aller Art. Kurz, Künstlerisches, Profanes und Ideelles soll durch Museen vor dem Vergessen geschützt werden. Dahinter verbirgt sich offenbar eine Angst vor Verlusten.

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100 Jahre Zauberberg

Abgründe wurden erkennbar und es deutete sich an, dass die Dinge aus dem Gleichgewicht geraten und in eine Schieflage, gar einen unaufhaltbaren Strudel geraten könnten. Subkutan schlichen sich in der Davoser Höhe die Vorboten der Katastrophen an, die das Zwanzigste Jahrhundert bestimmen sollten. Die Gefühle einiger tuberkulöser Seelen waren Symptome, die sich verallgemeinern ließen. Das Sanatorium oben in den Bergen bot vor dem Kriegsausbruch 1914 eine letzte Bühne für das gerade noch zivilisiert arrangierte Vorspiel.

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Die Stahlhäuser in Dessau

Um den Hausbau zu rationalisieren, widmeten sich die Architekten des Bauhauses, voran Walter Gropius, in den 1920er Jahren der Idee des Seriellen. So entstanden in Dessau neben dem ikonischen Lehrgebäude auch die Meisterhäuser, die bereits das Prinzip der Wiederholung andeuteten. Noch prägnanter zeigte sich dieses bei den mehr als 300 Reihenhäusern der Siedlung Törten im Süden der Stadt.

Zur gleichen Zeit rückte der Werkstoff Stahl in den Fokus, nicht zuletzt aufgrund seiner Möglichkeit zur Vorfertigung. So entwarfen und realisierten der Bauhaus-Meister Georg Muche und der Architekt Richard Paulick ein Stahlhaus in der Nähe der Reihenhaussiedlung Törten.

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Plapperei im Kunstbetrieb

Was unter guter oder gar künstlerischer Fotografie verstanden wird, unterliegt Schwankungen und Entwicklungen. Vieles von dem, was heute als ansprechend betrachtet wird, ist morgen, vielleicht auch erst übermorgen, nichts weiter als Schnee von gestern. Bestenfalls werden die Dinge in der Abteilung Fotografiegeschichte abgelegt. Ist dieser volatile Mechanismus erkannt, öffnet sich der Weg zum befreiten Fotografieren. Hier liegt der grundlegende Unterschied etwa zum Wissenschaftssystem. Um dort anerkannt zu werden, hat man dessen Regeln zur Hypothesenbildung und ihrer Prüfung zu folgen. Ganz anders in der Kunst einschließlich der Fotografie.

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Die Neue Sachlichkeit der 1920er Jahre

Das Jahr 1925 lässt sich als eines der Schlüsseljahre der Moderne bezeichnen. Grund für einen Rückblick. So bereitet sich etwa die Kunsthalle Mannheim auf die Ausstellung Die Neue Sachlichkeit – ein Jahrhundertjubiläum vor, die im November eröffnet wird. Als Appetizer ist im alten Jugendstilgebäude schon jetzt die Sonderausstellung Hart & direkt – Zeichnung und Grafik der Neuen Sachlichkeit zu sehen. Der Titel klingt nach einer Veranstaltung für Spezialisten. Aber auch hinsichtlich der Geschichte der Fotografie bietet sie einiges zu derem Verständnis.

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Künstliche Intelligenz und die Kühlschrankfrage

Die Leistungen Künstlicher Intelligenzen (KI) gehen schon heute deutlich über das hinaus, was noch vor wenigen Jahren lediglich von ein paar Visionären angedacht wurde. Aber es gilt, die Begleiterscheinungen im Auge zu behalten. So wird beklagt, dass vielen kreativ Tätigen das Wasser bis zum Hals stehe, wie kürzlich einem Beitrag des Börsenblattes zu entnehmen war, der die Ergebnisse eines Gutachtens der Initiative Urheberrecht zusammenfasst. Der Kernpunkt: Eine Handvoll Konzerne aus den USA und China hat sich das gesamte digital verfügbare Weltwissen einverleibt, ohne Zustimmung, ohne Vergütung und ausdrücklich ohne Transparenz über die Provenienz der Trainingsdaten.

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Über den Rahmen hinaus

Im Jahr 2009 erschien in deutscher Übersetzung der Roman Unrast der späteren Nobelpreisträgerin für Literatur, Olga Tokarczuk. Als bequemes Werk mit eingängigem Handlungsstrang lässt es sich nicht lesen, eher als Montage verschiedener Genres. Mal sind es Reiseberichte der polnischen Autorin, mal Kurzgeschichten und Tagebuchnotizen. Oder Reflexionen zur Zeitgeschichte beziehungsweise Themen der Philosophie sowie Überlegungen zur Reisepsychologie. Alles ist in Bewegung.

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Wunderknabes Schnappschüsse

Wohin soll es führen, wenn so ziemlich alles, was mit irgendeinem Gerät geknipst wird, in einer Ausstellung auftauchen kann? Oder schon ein paar Smartphonebilder ausreichen, um vom Feuilleton beachtet zu werden? Allerdings werden es kaum die von Erika oder Max Mustermann fotografierten Bilder sein, die uns da begegnen. Da braucht es schon eines prominenteren Namens. Und eines Kunstbetriebes, der das Ganze befeuert. Erst der Bekanntheitsgrad eines Fotografen erzeugt bei professioneller Vermarktung eine einigermaßen verlässliche Aufmerksamkeit. Dazu passt als Resonanzboden ein Publikum, das sich willig dem gut vorbereiteten Hype hingibt. Eigentlich nichts Neues in der Kunstszene.

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Die Fragilität des Alltags

Beim Einsturz der Dresdener Carolabrücke ist niemand zu Tode gekommen oder verletzt worden. Aber das war reine Glückssache. Die Folgeschäden sind hingegen gravierend. Der Stadtverkehr und die Schifffahrt werden für längere Zeit beeinträchtigt sein. Soweit die nüchternen Tatsachen. Darüber hinaus erinnert der Einsturz an die Zerbrechlichkeit des Seins und berührt eine emotionale Komponente. Die technische und zivilisatorische Konstruktion des Alltags scheint ständig bedroht. Das mag man negieren oder verdrängen wollen. Der Alltag wäre ohne eine gewisse Grundsicherheit schließlich kaum zu ertragen.

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