Künstliche Intelligenz und die Kühlschrankfrage
Die Leistungen Künstlicher Intelligenzen (KI) gehen schon heute deutlich über das hinaus, was noch vor wenigen Jahren lediglich von ein paar Visionären angedacht wurde. Aber es gilt, die Begleiterscheinungen im Auge zu behalten. So wird beklagt, dass vielen kreativ Tätigen das Wasser bis zum Hals stehe, wie kürzlich einem Beitrag des Börsenblattes zu entnehmen war, der die Ergebnisse eines Gutachtens der Initiative Urheberrecht zusammenfasst. Der Kernpunkt: Eine Handvoll Konzerne aus den USA und China hat sich das gesamte digital verfügbare Weltwissen einverleibt, ohne Zustimmung, ohne Vergütung und ausdrücklich ohne Transparenz über die Provenienz der Trainingsdaten.
KI-Maschinen nutzen für das eigene Lernen die Leistungen anderer. Auch Kreatives wird zur Nahrungsquelle für hungrige Softwareprogramme. Nicht nur gehen die Urheber dieser Leistungen leer aus, sondern sie schaufeln sich durch ihre digitale Netzrepräsentanz letztlich das eigene Grab. Gut gefütterte Maschinen können künftig selbständig erledigen, was bislang Grafikdesigner, Illustratoren, Komponisten, Übersetzer, Synchronsprecher, teilweise Fotografen und in absehbarer Zukunft Schauspieler (alle m/w/d) zu leisten vermochten. Diese Berufsgruppen und einige weitere sind latent bedroht.
Deren Abwehrstrategien sind verständlich, ebenso wie die Aversion gegen ein diffuses Fortschritts-Narrativ, das von einigen Anhängern der KI propagiert wird. Denn die Hinweise auf potentielle Gefahren nehmen zu. Sie machen geltend, dass sich durch KI-Maschinen die Welt so verändern könnte, dass sie am Ende nicht mehr wiederzuerkennen ist oder gar zerstört wird. Ehemalige KI-Programmierer warnen vor einem solchen Szenario, etwa der britische Psychologe und Informatiker Geoffrey Hinton, Physik-Nobelpreisträger für Physik. In einem Beitrag der ZEIT vom 10. Oktober wird er zitiert: Das Risiko des Aussterbens durch KI sollte neben anderen Risiken von gesellschaftlichem Ausmaß wie Pandemien und Atomkrieg eine globale Priorität sein. Die KI simuliere nicht einfach, so Hinton, die menschliche Intelligenz, sondern erzeuge eine neue. Die maschinellen, quasi-neuronalen Netzwerke lernen in hoher Geschwindigkeit und Qualität und könnten sich am Ende als nicht mehr beherrschbar erweisen.
Schon heute ist, etwa durch Protokolle, nicht nachvollziehbar, wie das Lernen der Maschine vonstatten geht. Ihr Eigenleben ließe sich auch nicht stoppen, indem irgendwo ein Stecker gezogen wird. Die KI nutzt unzählige Server, die wie in einem fraktalen Netzwerk jede Einzelabschaltung ausgleichen können. Es lässt sich sogar davon ausgehen, dass die KI vorausschauend und selbständig Vorsorge für den Fall trifft, dass einzelne Elemente eliminiert werden. Dies hat sie wahrscheinlich schon gelernt. Genau dieses Szenario macht Kritikern Sorge: Eine neue Form von Intelligenz verselbständigt sich und trifft Entscheidungen, von denen potentiell die Zukunft der Spezies Mensch betroffen ist. So könnte die Aufgabe, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, dazu führen, dass sich eine KI daran macht, als wirkungsvollste Maßnahme kurzerhand die Menschheit abzuschaffen. Sie ist schließlich der hauptsächliche Verursacher. Die globale Manipulation technischer Infrastrukturen, die Freisetzung von Virenmaterial oder die Aktivierung atomarer Waffensysteme wären geeignete Schritte. Gut trainierte KI-Maschinen könnten dazu eines Tages in der Lage sein, ohne dass sich dies verhindern ließe. Spinnerei? Vielleicht nicht, KI-Systeme lernen auch von ihren Kritikern und sind potentiell in der Lage, Abwehrstrategien zu entwickeln.
Den Untergangsszenarien werden Erfolgsnarrative gegenübergestellt. So wird zum Beispiel Google nicht müde, in Zeitungsbeilagen auf den Nutzen künstlicher Intelligenzen hinzuweisen, etwa bei der medizinischen Diagnostik, der industriellen Produktivitätssteigerung, im Bildungswesen oder beim Umweltschutz. Und natürlich hinsichtlich der Google-eigenen Assistenzmaschine Gemini. Dies alles sind bemerkenswerte Leistungen, die gar nicht in Abrede gestellt werden sollen. Die meisten von uns werden sie zu schätzen wissen. Die medizinische Diagnostik etwa ist ein überzeugendes Beispiel für den Alltagsnutzen. Hier darf man durchaus große Erfolge erwarten. Ob der Gesellschaft allerdings damit gedient ist, wenn wir am Ende alle 120 Jahre alt werden, ist eine ganz andere Geschichte.
Die Sorgen der Kreativen um ihre Urheberrechte sind im Kontext der Untergangsszenarien einerseits und der Erfolgsgeschichten auf der anderen Seite vielleicht nur eine Randerscheinung. Aber die Frontlinien scheinen klar. Dort die ausbeutende KI, hier die ausgebeutete Kreativität menschlicher Akteure, die mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten ins Hintertreffen geraten oder überflüssig werden. So wie früher die Drucker, die noch mit Bleisatz in Handarbeit Texte setzten. Ganz ähnlich das Ende der Dampflok-Heizer, der technischen Zeichner und der Bergleute. Oder nehmen wir die Revolution in der Landwirtschaft. Niemand würde heute mit einem Ochsenpflug ein Feld bearbeiten. Technische Entwicklungen lassen sich, das zeigt die Geschichte, kaum aufhalten. Und so werden KI-Maschinen demnächst in der Lage sein, kreative Leistungen in einer Güte zu erbringen, die ganz nahe an der gegenwärtig von Menschen erbrachten liegt, ohne dass wir die künstliche Identität des Urhebers erkennen. Einige kreative Berufe sind in der Tat zeitnah bedroht. Dass dies eine narzisstische Verletzung der Betroffenen zur Folge hat, ist nachvollziehbar. Auch der durchschnittliche menschliche Geist mag sich beleidigt fühlen.
Aber es gibt da einige Fragen und Zwischenrufe.
Hat es je Künstler oder Künstlerinnen gegeben, die ohne Vorbilder oder Anregungen durch andere ein Werk geschaffen haben? Sind dafür jemals Urhebervergütungen an irgendjemand geflossen? Auch die KI verletzt ja nicht das Urheberrecht, indem irgendetwas kopiert wird. Sie schafft vielmehr auf Basis des Vorhandenen Neues.
Verständlich, dass Kreative eine Vergütung erhalten möchten, wenn sie etwas in Netz stellen und dies von anderen, auch einer Maschine, abgerufen wird. Dazu gibt es aber schon heute Bezahlsysteme. Wer seine Sachen allerdings kostenfrei veröffentlicht, bietet sie der Allgemeinheit an. So jedenfalls der ursprüngliche Gedanke beim Start des Internets. Wikipedia etwa oder Open Access Softwareprogramme betonen bis heute den Wert frei zugänglichen Wissens. Stets geht es um die Demokratisierung des Mediums Internet und um die zugrunde liegende Schwarmintelligenz der kollektiven Wissensentwicklung. Gehört dazu nicht auch Kreatives?
Wäre es wirklich sinnvoll, wenn alle selbsterklärten Künstlerinnen und Künstler Vergütungsansprüche anmelden können, sobald sie ihre Werke ins Netz stellen? Wer entscheidet, ob es sich um relevante Kunst handelt? Oder geht es nur um Kreative, die eine noch zu schaffende Lizenz vorweisen? Brauchen wir eine Kreativitätsdefinitionsbehörde? Die gutgemeinten Malversuche von Max Mustermann nach einem Kurs an der Volkshochschule würden dann vielleicht ausgeschlossen. Warum eigentlich?
Nun ließe sich der Standpunkt einnehmen, kreativ Tätige mögen einfach besser sein als irgendeine Maschine, immer einen Schritt weiter als deren künstliche Kreativität. Das Dumme ist nur, dass dies auch die intelligenten Programme wissen und in Zukunft Dinge produzieren werden, die bislang noch gar nicht von Menschen gedacht worden sind. Aus der Nummer werden wir nicht mehr herauskommen. Was aber ist dann zum Beispiel der Unterschied zwischen menschlicher Kunst und einer durch KI erbrachten? Abgrenzungskriterien wie Intention, Gefühl, Reflexion, handwerkliches Können oder Genie sind nicht wirklich überzeugend.
Die Thematik führt ins Grundsätzliche. Was zeichnet menschliche Intelligenz und Kreativität aus? Die Frage ist immer schwerer zu beantworten, da auch KI-Maschinen in der Lage sein werden, eigenständig und vorausschauend die Folgen und Wirkungen ihrer Hervorbringungen zu reflektieren. Ein typisches Merkmal menschlicher Intelligenz. Bisher wurde dies sozialpsychologisch und mit Kommunikationstheorien begründet. Wir entwickeln unser Selbst durch den Austausch mit anderen, die uns spiegeln, wie wir wahrgenommen werden. Und wir können dies im Vorhinein antizipieren. Dies ist der entscheidende Punkt. Auch unsere kognitiven Fähigkeiten entwickeln wir nicht solitär als Monade, wie es früher hieß, sondern durch kommunikatives Handeln und das Zusammenwirken mit anderen. Wissensentwicklung findet stets kollektiv statt. Wo liegt da der Unterschied zum Agieren künftiger KI-Maschinen? Das muss nicht heißen, dass es keinen gibt. Aber wie lässt er sich beschreiben? Und über welche Fähigkeiten wird die KI eines Tages verfügen, um auch solche Unterschiedsbeschreibungen zu reflektieren und im eigenen Handeln zu berücksichtigen?
Zurück ins Hier und Jetzt.
Wer vermeiden möchte, dass von KI-Maschinen kreative Leistungen als Informationsfutter genutzt werden, könnte darauf verzichten, seine Werke ins Internet zu stellen, und andere Distributionswege wählen. Ist das eine realistische Option? Viele kreative Leistungen werden schließlich überhaupt erst durch ihre Darstellung im Netz bemerkt und dadurch potentiell wertvoll. Unter dem Strich ist es ein Geben und Nehmen. Gleichwohl ist die gegenwärtige Urheberrechtsdiskussion verständlich, selbst wenn eine Reihe von Fragen ungeklärt scheint. Aber auch Kreative wollen schließlich ihre Kühlschränke füllen.
Zum Artikel Den Kreativen steht das Wasser bis zum Hals des Börsenblattes geht es hier.