Die Stahlhäuser in Dessau

Um den Hausbau zu rationalisieren, widmeten sich die Architekten des Bauhauses, voran Walter Gropius, in den 1920er Jahren der Idee des Seriellen. So entstanden in Dessau neben dem ikonischen Lehrgebäude auch die Meisterhäuser, die bereits das Prinzip der Wiederholung andeuteten. Noch prägnanter zeigte sich dieses bei den mehr als 300 Reihenhäusern der Siedlung Törten im Süden der Stadt. Hier wurde das Prinzip im größeren Maßstab realisiert, jedoch weniger mit einer Vorproduktion von Teilen, die vor Ort zusammengefügt würden, sondern organisiert als industrielle Taktstraße beim Bau in der Siedlung selbst. Dennoch ein wichtiger Schritt zur Rationalisierung.

Zur gleichen Zeit rückte der Werkstoff Stahl in den Fokus, nicht zuletzt aufgrund seiner Möglichkeit zur Vorfertigung. So entwarfen und realisierten der Bauhaus-Meister Georg Muche und der Architekt Richard Paulick ein Stahlhaus in der Nähe der Reihenhaussiedlung Törten. Einige Jahre später kamen, zwar außerhalb des unmittelbaren Bauhaus-Kontextes, aber von diesem beeinflusst, die Versuchsbauten von Hugo Junkers hinzu, der das im Flugzeugbau verbreitete Konzept der industriellen Fertigung auf den Wohnungsbau übertrug. Wie Muche und Paulick entwarf Junkers ein Wohngebäude aus Stahlbauteilen, geeignet für die industrielle Serienproduktion.

Stahlhaus von Muche und Paulick

Das von Muche und Paulick geschaffene, heute zur Bauhaus-Stiftung gehörende Stahlhaus im Süden Dessaus hat eine Wohnfläche von ca. 90 qm. Der Stahl wurde im Inneren gedämmt und verputzt. Übrige Ausbauten entsprachen konventionellen Techniken. Das äußere Erscheinungsbild ist geprägt durch zwei ineinander geschobene, futuristisch anmutende Kuben. Wärmeisolierung, Geräuschdämmung und Wetterfestigkeit entsprachen den damaligen Normen. Gleichwohl blieb es beim Experiment. Der Werkstoff Stahl erwies sich hinsichtlich der Außenflächen als zu unflexibler und schwer zu bearbeiten. Darüber hinaus bildeten klimatechnische Beschränkungen ein Hindernis. Das Material verhinderte ein Atmen der Gebäudewände.

Stahlhaus von Hugo Junkers

Mit ähnlichen Herausforderungen hatte Junkers zu tun. Dessen 1931 erstellte Blechbauten im Baukastensystem entsprachen zwar noch konsequenter und kostengünstiger dem Prinzip der industriellen Serienproduktion, konnten sich aber am Ende ebenso wenig durchsetzen wie der Bau von Muche und Paulick. Vielleicht auch, weil einige der nichtrealisierten Ideen zu visionär waren. Sonnenkollektoren, Dächer mit Wasserabsorption und lichtumleitende Prismen galten vielen als Spinnerei. Das einzig erhaltene Haus wurde 1935 nach München umgesetzt und kehrte erst um die Jahrtausendwende nach Dessau zurück. Es kann dort in einer Halle des Technikmuseums Hugo Junkers inmitten zahlreicher Exponate wie der berühmten JU 52 und anderer Produkte aus dem Hause Junkers besichtigt werden. Das Stahlhaus wirkt in dieser Umgebung allerdings wenig futuristisch und entfaltet eher den Charme eines Bürocontainers für die Baustelle. Das Erscheinungsbild kann nicht verbergen, dass es sich um einen technischen Ingenieurentwurf ohne große gestalterische Ambitionen handelt.

Neben anderen vereinzelt gebliebenen Ansätzen nahm zwischen 1948 und 1953 das MAN-Stahlhaus das Konzept von Muche und Paulick wieder auf. Von diesem wurden etwa 400 Einheiten gefertigt, von denen heute noch einige existieren. Bei den meisten anderen sogenannten Stahlhäusern der letzten Jahrzehnte im Serienhaussegment handelt es sich hingegen um Konstruktionen, die ihren Namen allein aufgrund tragender Stahlstrukturen erhalten. Ihre Wände bestehen aus Beton, Stein oder Holz. Weiterhin sind Stahlcontainer zu erwähnen, insbesondere für temporäre Nutzungszwecke. Das klingt nach Junkers. Die Idee von Muche und Paulick bleibt hingegen eine Episode der Architekturgeschichte.

Weitere Informationen zu den Stahlhäusern in Dessau-Törten und im Technikmuseum bieten die Sites Bauhaus Dessau, bauhaus kooperation, Technikmuseum „Hugo Junkers“ Dessau und Junkers-Siedlungshaus.

 

Zurück
Zurück

100 Jahre Zauberberg

Weiter
Weiter

Plapperei im Kunstbetrieb