100 Jahre Zauberberg
Abgründe wurden erkennbar und es deutete sich an, dass die Dinge aus dem Gleichgewicht geraten und in eine Schieflage, gar einen unaufhaltbaren Strudel geraten könnten. Subkutan schlichen sich in der Davoser Höhe die Vorboten der Katastrophen an, die das Zwanzigste Jahrhundert bestimmen sollten. Die Gefühle einiger tuberkulöser Seelen waren Symptome, die sich verallgemeinern ließen. Das Sanatorium oben in den Bergen bot vor dem Kriegsausbruch 1914 eine letzte Bühne für das gerade noch zivilisiert arrangierte Vorspiel.
Der Zauberberg erschien in diesen Tagen vor einhundert Jahren. Er beschreibt differenziert und mit Raffinesse die mentale Lage einer kränkelnden Elite der wilhelminischen Vorkriegszeit. Thomas Mann selbst äußerte sich zur Zeit des Schreibens am Zauberberg in der realen Parallelwelt hingegen dezidiert kulturkampflüstern. Die Betrachtungen eines Unpolitischen weisen kaum eine Distanz zum militärischen Wahnsinn auf und sind darüber hinaus bis heute ein mahnendes Beispiel für intellektuelle Blindheit gegenüber kultureller bzw. zivilisatorischer Diversität. Gleichwohl, der fiktionale Zauberberg ist ein grandioser Roman mit erheblichem Bildungswert. Wer sich auf die Geschichte Hans Castorps einlässt, mag einiges über die Welt und vielleicht auch über sich selbst erfahren. Dabei kann es geschehen, dass der Roman, je nach Lebensalter des oder der Lesenden, gerade auch bei wiederholter Lektüre, unterschiedlich bzw. immer wieder neu wirkt.
Die Sekundärliteratur zum Zauberberg ist umfangreich. Nur selten wird dabei auf das Photographische im Roman Bezug genommen. Vor einigen Monaten gab es deshalb auf fotosinn den Beitrag Photographie auf dem Zauberberg, der sich mit bestimmten Aspekten des technischen Bildverständnisses von Thomas Mann befasst.