Das Private wird politisch
Seit es Gesellschaften gibt, besteht ein Spannungsverhältnis zwischen den kollektiven Anforderungen an den Einzelnen und dessen Behauptungen gegenüber dem sozialen Umfeld. Gleichwohl bilden Individuum und Gesellschaft zwei Pole, die nicht voneinander zu trennen sind. In der Öffentlichkeit treffen sie aufeinander. Den Gegenpart bildet das Private. Die Verhaltensweisen in beiden Bereichen haben sich im Laufe der Zeit grundlegend verändert. Einiges von diesem Prozess spiegelt sich in der Praxis der Fotografie wider. Der heute in den Sozialen Medien zur Gewohnheit gewordene öffentliche Umgang mit privaten Bildern war noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar.
Mit der Aufklärung wurde die Dichotomie von Öffentlichkeit und Privatheit zu einem Grundmerkmal bürgerlichen Lebens. Ausgeprägt zeigte sich dies im 19. Jahrhundert. In der Öffentlichkeit wurden Dinge von kollektiver Bedeutung verhandelt, das Private verstand man hingegen als Rückzugsraum, der vor den Blicken anderer abzuschotten war. Dass dieses Konstrukt zu keiner Zeit frei war von Verklärung, ist hinlänglich bekannt. Privatheit und Familie lassen sich nicht losgelöst von gesellschaftlichen Prägungen und Beeinflussungen verstehen. Bis in das Alltagsleben hinein finden soziale Transferprozesse statt. Ereignisse der Konsum- und Arbeitswelt durchdringen die Mauern des Privaten, das heute im Übrigen nicht nur dem klassischen Familienmuster folgt, sondern eine immer größer werdende Varianz aufweist. Im Gegenzug wird die Gesellschaft, unabhängig von den konkreten individuellen Lebensformen, stabilisiert, indem das Private Kompensationsleistungen zum Funktionieren des Einzelnen, etwa in der Arbeitswelt, erbringt.
Familiensoziologie und Genderforschungen haben gezeigt, dass der öffentliche Raum im Bürgertum der vergangenen Jahrhunderte überwiegend männlich dominiert war, während das Private als Bereich weiblichen Wirkens angesehen wurde. Zum Ende des 19. Jahrhunderts befand sich dieses Familienleitbild auf dem Höhepunkt. Anschließend begann sein Zerfall als gesellschaftsdominantes Muster und es verlor an Glaubwürdigkeit. Das Private ist politisch. Mit dieser provokativ gemeinten Ansage machten SDS-Studentinnen aber auch 1968 noch deutlich, dass viele männliche Genossen weiterhin geprägt waren von traditionellen Vorstellungen. Und selbst die sexuelle Befreiung stellt sich im Rückblick in mancherlei Hinsicht als eine Strategie dar, die trotz antiautoritärem Wortgeklingel insbesondere die männliche Freiheit vor Augen hatte.
Es waren vor allem Künstlerinnen, die dem vermeintlich Privaten den Ideologieschleier nahmen. Was vordergründig wie Voyeurismus aussah, war durch und durch politisch, nicht zuletzt geschlechterpolitisch, inspiriert. Nan Goldin öffnete in den 1980er Jahren ihr Privatleben bis hin zu intimen Ereignissen und zeigte etwa ein Selbstportrait mit blauem Auge, das ihr von einem Lover zugefügt worden war. Andere Fotografinnen und Videokünstlerinnen, später auch Männer, wählten ähnliche Wege. Oftmals ging es darum, mit Hilfe von Bildern die ideologisch formulierte Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum zu dekonstruieren. Dies und die Hinwendung zu intimen Themen war in der Kunst allerdings nicht neu. Literatur, Theater, Malerei und der Kinofilm zogen aus ihnen schon immer einen Teil ihrer Stoffe. Aber das alles blieb artifiziell, künstliche Kunst eben. Leser und Betrachter konnte sich zwar wiedererkennen, stets jedoch gab es den Schutzschild des Imaginären. Schließlich war nur fiktiv, was man da lesen oder sehen konnte. Die Fotografie und das Video wiesen einen grundlegend anderen Charakter auf. Sie zeigten Szenen, von denen man annehmen konnte, dass sie authentisch waren und im Augenblick der Aufnahme eine Entsprechung im Realen hatten.
Solange die Fotografie nicht als kritisches Instrument eingesetzt wurde, sondern normenkonform für die Schaffung netter Erinnerungsbilder, hatte sie kein Störpotential. Es blieb beim Harmlosen aus dem Privaten. Die Bilder konnten problemlos im Freundeskreis vorgeführt werden. Oder es handelte sich um heimlich Angefertigtes, etwa mit erotischen Inhalten. In früheren Jahrzehnten blieben solche Bilder unter Verschluss und wurden nicht dem Licht der Öffentlichkeit ausgesetzt. Einen Sonderfall bildeten vorgeblich künstlerische und pornografische Aktaufnahmen, die von vorneherein für die Ausstellung, die Fotozeitschrift oder für den Handel mit einschlägigen Bildchen gedacht waren. Von ihrem Entstehen im 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre hielt sich die Fotografie an die Regeln. Abgesehen von wenigen Ausnahmen gab es die moralgerechten, öffentlichkeitsgeeigneten Bilder und daneben die unter Verschluss gehaltenen oder nur im besonderen Raum vorzeigbaren.
Durch die Sozialen Medien und aufgrund der massenhaften Verwendung des Smartphones als Kamera haben sich die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre verschoben beziehungsweise aufgelöst. Was mit dem antiautoritären Das Private ist politisch in den 1960er Jahren begonnen hatte, zeigt heute seine Fortsetzung in einer Form, an die vor fünfzig Jahren kaum jemand gedacht hat. Ohne Ende werden private Bilder öffentlich gemacht. Einer der Gründe liegt in der Suche nach Anerkennung. Die Präsentationen in den Sozialen Medien wollen möglichst häufig konsumiert und im besten Fall mit einem Gefällt versehen werden. Kommerzielle Kampagnen kommen hinzu. Bei diesen geht es um Umsatzsteigerung oder um Politisches. Private Posts hingegen rufen nach Anerkennung. Ihre Absender möchten wahrgenommen werden und bei den Likes vorne liegen. Es wird gepostet, wo auch immer man sich befindet. Je ungewöhnlicher der Ort oder der Selfieblick auf das eigene Ich, umso besser. Das gibt Punkte im Singularitätswettbewerb. Aber alles hat seinen Preis. Das Private unterwirft sich der öffentlichen Normierung. Je besser der Mehrheitsgeschmack getroffen ist, umso erfolgreicher der Beitrag in den Sozialen Medien. Gezahlt wird mit der partiellen Aufgabe des Privaten.
Beim vorstehenden Text handelt es sich um einen überarbeiteten Auszug aus dem fotosinn Essay Soziologie mit der Kamera.
Die Ausstellung This Will Not End Well mit Multimediainstallationen von Nan Goldin aus den 1980er Jahren bis in die Gegenwart ist noch bis zum 06. April 2025 in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen. Das Werk steht exemplarisch für die künstlerische Auflösung der Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. In der Begleitbroschüre heißt es: Die Erzählungen in Goldins Werk basieren stets auf eigenen Erfahrungen. Die Themen reichen von der traumatischen Familiengeschichte bis zu ihrem künstlerisch geprägten Freund*innenkreis, von den Geheimnissen der Kindheit bis hin zu den Schrecken der Sucht.