Anmerkungen zu den Sieben Todsünden
Das alte Kirchenkonzept der Sieben Todsünden weist zahlreiche Unschärfen und Ambivalenzen auf. Vor allem jedoch hindert der antiquiert wirkende Beiklang daran, sich näher mit Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Völlerei oder der Ausschweifung zu befassen. Die Begrifflichkeiten scheinen zu sehr mit Vorstellungen eines Fegefeuers verbunden, als dass sie zu einer diskursiven Beschäftigung einladen. Subkutane Abwehrhaltungen erschweren oder verhindern eine inhaltliche Reflexion. Mit mittelalterlichen Kirchendogmen, mit Sünde und Teufel will man nichts mehr zu tun haben. Dabei wird übersehen, dass in Teilen der Gegenwartskultur bestimmte Elemente dieser Normen weiterhin eine Rolle spielen. Dass es dabei auch zu einer Umkehrung der Verbote in ihr Gegenteil kommt, macht die Sache nicht einfacher.
So bilden Habsucht, Neid oder Maßlosigkeit im Rahmen der Gegenwartsmoral auf den ersten Blick zwar negativ konnotierte Verhaltensattribute, andererseits sind sie wesentliche Triebkräfte der konsumorientierten Warenwirtschaft. Deren Prinzip ist ohne das massenhafte Habenwollen begehrter Produkte kaum vorstellbar. Nahezu alle Todsünden weisen einen Doppelcharakter auf. Einerseits werden sie verurteilt oder als unangenehme Charaktereigenschaften anderer betrachtet, andererseits jedoch werden sie heimlich oder verschämt geschätzt. Alles Verbotene reizt nun einmal in besonderer Weise. Wer sich hochmütig verhält, erhält schnell das Label eines Angebers aufgedrückt. Gleichzeitig werden mediale Superstars aufgrund arroganter Frechheiten und ihrer grenzenlosen Egozentrik bewundert. Sie bieten sich als Projektionsfläche für eigene Omnipotenzphantasien an.
Ähnliches gilt für Neid und Geiz als Verwandte der Habsucht. Der Vergleich mit den Konkurrenten im Attraktivitätswettbewerb und der Wunsch, diese zu übertrumpfen, sind zentrale Motive einer kollektiven Konsumorientierung. Man will haben, was auch der Nachbar besitzt oder die Werbung als ein Muss suggeriert. Und das für möglichst wenig Geld. Da reichen dann auch schon einmal die billige Nachahmung einer Louis Vuitton Tasche oder eine Rolex aus Fernost.
Schwieriger wird es beim Zorn. Selbstbeherrschung als Ausdruck persönlicher Autarkie, die in sich ruht und keine Störungen durch andere zulässt, ist die eine, geschätzte Seite. Coolness eben. Zorn passt da nicht. Daneben gibt es jedoch die Idee eines legitimen Zorns, der auf Ungerechtigkeiten reagiert und sich gegen Unterdrückung wehrt. Man darf deshalb, im korrekten Kontext, durchaus zornig sein.
Mit der Trägheit ist es auch so eine Sache. Gemessen am calvinistischen Arbeitsethos gilt sie aufgrund der Nichtnutzung persönlicher Ressourcen als Verschwendung. Andererseits ist es in der Gegenwartskultur mitunter schwierig, zwischen akzeptabler sinnlicher Kontemplation und antriebsloser Faulheit zu unterscheiden. Ist man auf dem Sofa jetzt gerade weise oder träge? Oder vielleicht krank und depressiv?
Ähnlich ambivalent die Völlerei. Während das heutige Schönheitsideal durch Schlankheit, Fitness und ewige Jugend geprägt ist, stopfen wir uns mit allen möglichen Dingen voll und verschlingen Mengen an billigen oder mit ressourcenverschlingendem Aufwand hergestellten Produkten. Was für die einen die Chips auf dem Sofa, sind für andere die Austern oder das eingeflogene Steak handmassierter Edelrinder. Die Grenze zwischen Genuss und Dekadenz ist fließend.
Die Wollust als weitere der traditionellen Sünden macht es besonders schwierig. Kirchliche Dogmen spielen bis in die Gegenwart eine unrühmliche Rolle, und alles, was mit repressiver Sexualmoral zu tun hat, muss sich eine kritische Würdigung gefallen lassen. Dass sich in den letzten Jahrzehnten unter dem Vorzeichen einer vermeintlich freien Sexualmoral auch Dinge ereignet haben, die Ausdruck asymmetrischer, vergewaltigender Beziehungsmuster sind, ist die andere Seite der Wahrheit. Der Umgang mit der Wollust ist stets eine Gratwanderung, bei der sowohl der Wunsch nach eigener Entfaltung wie auch das Aushandeln der wechselseitigen Akzeptanzen der Beteiligten mitspielen.
Die Anmerkungen zu den Sieben Todsünden bleiben fragmentarisch. Aber sie deuten einen möglichen heuristischen Wert an. Nimmt man die Begrifflichkeiten und löst sie aus dem ursprünglichen Kontext, um nach ihrer Bedeutung für eine zeitgemäße Sozialethik zu fragen, eröffnen sich Diskursräume, die sich weiterverfolgen lassen.
Hinter dem alten Sündenregister verbergen sich normative Vorstellungen, die grundsätzlich auch im Rahmen einer modernen Ethik ihre Berechtigung haben. Grenzenlose individuelle Freiheit ist kollektiv nun einmal nicht vorstellbar. Jedes Sozialsystem benötigt Regeln. Ein pauschales Abtun der sogenannten Todsünden als mittelalterliche Dogmatik wäre deshalb kein besonders anspruchsvolles Urteil. Der Verdacht, dass auf diese Weise eine Auseinandersetzung mit eigenen Impulsen vermieden werden soll, liegt im Übrigen nahe. Es darf vermutet werden, dass nur wenige frei sind von Erscheinungen des Hochmuts, von Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Völlerei oder Impulsen zur Ausschweifung. Genau das aber macht die Beschäftigung mit den Sieben Todsünden auch heute noch zu einer Herausforderung. So wie alles Ambivalente meist mit einer besonderen Spannung verbunden ist.