Wittgenstein: Logik und Kunst

Es bleibt verwirrend. Jeder Versuch einer Definition von Kunst und damit auch der künstlerischen Fotografie endet in der Regel mit dem Hinweis auf die notwendige Berücksichtigung ihrer Entstehungsbedingungen. Kunst an sich gibt es nicht, eine zeitlose, kulturunabhängige Definition ebenso wenig. Ewig Geltendes ist nicht zu haben, obgleich es seit Menschengedenken eine Suche, ja eine Sehnsucht nach zeitlosen Wahrheiten gibt. Ein Ausdruck dafür sind Mythen und Religionen. Diese kollidieren in der Moderne jedoch mit dem Rationalismus der Aufklärung und dem szientistischen Herangehen der instrumentellen Vernunft. Bei dieser geht es um nutzbares Wissen, während Mythos und Religion den Normen eines wissenschaftlichen Urteils und der Verwertbarkeit gerade nicht entsprechen. Gleichzeitig jedoch können sie dem aufnahmebereiten Empfänger logikunabhängige Gewissheiten verschaffen. Ähnlich scheint es mit der Kunst zu sein. Es gibt sie, so wie es Mythisches und Religiöses gibt. Wir können künstlerische Phänomene mit unseren Sinnen erfahren, sie aber nicht unbedingt logisch fassen.

Wissenschaftliche Aussagen sind bestenfalls darüber möglich, was zu bestimmten Zeiten in bestimmten Kulturen unter Kunst verstanden wird. So wie sich auch Religiöses aus der Metaperspektive als Religionsgeschichte analysieren lässt. Der Kern des Mythos, der Religion und der Kunst ist jedoch innerhalb des szientistischen Denkmodells mit rationaler Sprache nicht wirklich beschreib- oder erreichbar. Jeder Versuch einer Definition von Kunst endet an dieser Hürde. Nicht alles auf dieser Welt lässt sich rational herleiten oder begründen.

Diese Feststellungen erinnern an Ludwig Wittgenstein und den Tractatus logico-philosophicus sowie einige seiner späteren Schriften. Man muss nicht den Anspruch erheben, das Gesamtwerk Wittgensteins zu verstehen, wer hat das schon?, aber einige seiner Gedanken scheinen evident für die Frage nach dem Umgang mit künstlerischen Phänomenen.

Im Tractatus wird zunächst eine rein logische Perspektive eingenommen, wir übersetzen dies mit: eine szientistische Sichtweise. Was sich überhaupt sagen läßt, so Wittgenstein 1918 im Vorwort, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Die Grenze zwischen Sagbarem und Nichtsagbarem macht er am Kriterium logisch möglicher Sprachaussagen fest. Was jenseits dieser Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein. Wittgenstein zeigte sich zu jener Zeit als radikaler Logiker. Gleichwohl war ihm stets bewusst, dass es daneben noch etwas anderes gibt. Seine Biografie und die Affinität zu Religiösem zeigen dies.

Der Tractatus konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Sprache und Welt. Wittgenstein entwickelt dabei hinsichtlich der Frage, ob und wie Worte die Realität abbilden, ein hochabstraktes System und untersucht vor allem die Grenzen des Sinnvollen und Sagbaren. Kunst wird dabei nicht explizit behandelt. Sie passt nicht in die Welt der Logik. Dennoch gibt es einige indirekte Hinweise und Interpretationsmöglichkeiten, die eine Verbindung herstellen. So spricht Wittgenstein wiederholt über das Unsagbare, das sich in logischer Sprache nicht ausdrücken lässt, gleichwohl aber gezeigt werden könne. Dazu gehören Ethisches, Ästhetisches und Metaphysisches. Auch Kunst lässt sich, führt man den Gedanken Wittgensteins fort, als eine solche Form des Zeigens verstehen. Sie vermag sprachlogisch nicht vollständig Ausdrückbares wie etwa emotionale, spirituelle oder existenzielle Erfahrungen zu thematisieren, ganz ähnlich dem Mythischen und Religiösen.

Kunst spielte im Tractatus keine explizite Rolle, aber die Unterscheidung zwischen dem Sagbaren und dem Nichtsagbaren verweist auf die Möglichkeit einer Mitteilung des sprachlich Unzugänglichen in Form des Zeigens. In Wittgensteins späterem Werk, insbesondere in den Philosophischen Untersuchungen, wird dies weiterentwickelt. Nun finden auch künstlerische Praktiken eine Berücksichtigung. Sie sind, so Wittgenstein, stets in einem konkreten kulturellen und sozialen Kontext entstanden und folgen eigenen Regeln der Bedeutungserzeugung. Außerhalb des Logischen. Kunst geht wie Religion und Mythos über die Grenzen der diskursiven Sprache hinaus und nutzt symbolische, metaphorische oder rituelle Ausdrucksformen.

Auch in den Vorlesungen über Ästhetik, gehalten in den 1930er Jahren in Cambridge, formuliert Wittgenstein keine systematische Theorie der Kunst. Eine allgemeine Definition wird nicht geboten. Stattdessen geht er der Frage nach, auf welche Weise Begriffe wie Schönheit oder Harmonie in konkreten Alltagssituationen Verwendung finden. Ästhetische Urteile sind dabei, so das Ergebnis, keine Beschreibungen von Eigenschaften eines Werkes, sondern bringen die Reaktion oder Haltung des Rezipienten mit seinen Gefühlen, Einstellungen und Wertschätzungen zum Ausdruck. Diese wiederum sind nicht rein individuell zu verstehen, da sie kollektiv in eine konkrete kulturelle und soziale Lebenswelt eingebunden sind. Ästhetische Wertungen sind deshalb nicht zeitlos, universell gültig. Sie hängen von den jeweiligen Praktiken, Traditionen und Kontexten ab, in denen sie entstehen.

Obwohl Wittgenstein in den Vorlesungen über Ästhetik nicht systematisch auf das Unsagbare eingeht, zuvor ein zentrales Thema im Tractatus, stellt sich eine Verbindung ein. Kunst ist eine Ausdrucksform, die das sprachlogisch nicht Beschreibbare zeigt, ohne es zu benennen. Auf diese Weise wird sie, die Kunst, davor bewahrt, logisch eingefangen und eingehegt zu werden. Ohne Definition. Aber als ein real wirkendes Phänomen. Kunst eben.

Eine umfangreiche Monografie zu Leben und Werk Ludwig Wittgensteins liegt vor von Ray Monk: Wittgenstein. Das Handwerk des Genies; Klett-Cotta; Stuttgart, 1992 (überarbeitet und als Taschenbuch 2021 neu aufgelegt).

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