Vier auf einen Streich: Wolfgang Tillmans bei TASCHEN

von Ulrich Metzmacher

Anlässlich des 40jährigen Bestehens hat der Verlag TASCHEN als Jubiläumsedition eine Reihe seiner erfolgreichsten Kunstbücher für attraktive zwanzig Euro neu aufgelegt. Für Fotografieinteressierte sei insbesondere auf On Fashion Photography von Peter Lindbergh hingewiesen und Four Books von Wolfgang Tillmans. Letzteres ist, genau genommen, sogar eine Neupublikation, denn Tillmans hat hier vier seiner früheren Bücher um einige Fotografien ergänzt und das Ganze in einem Band zusammengefasst.

Four Books vereint Wolfgang Tillmans (1995), Burg (1998), truth study center (2005) und Neue Welt (2012). Damit wird ein Querschnitt durch einen wichtigen Abschnitt der dreißigjährigen Schaffensphase eines der exponierten zeitgenössischen Fotografen geboten. Man muss den Stil und die Sujets seiner Bilder nicht unbedingt mögen. Und dennoch oder gerade deshalb: Die Fotografien von Tillmans bilden ein Gesamtwerk, das für das Verständnis der Bandbreite moderner Fotografie unbedingte Beachtung verdient. In der Kompilation von TASCHEN wird das besonders deutlich. Ob es dauerhafte Gültigkeit beanspruchen kann, wird sich gleichwohl erst in der Zukunft erweisen.

Die Londoner Tate Modern widmete Tillmans im Jahr 2017 eine große Einzelausstellung, die, ähnlich wie Four Books, einen Überblick über sein Werk bot: Subkulturelle Szenefotografien, Portraits von Freunden, Abstraktes aus der Serie Freischwimmer oder mittlerweile ikonografisch Gewordenes wie das an Rodins Denker erinnernde Anders pulling splinter from his foot. Beispiele für die Video- und Musikprojekte von Tillmans wurden ebenfalls gezeigt. Das Ganze changierte, mal als Bild, mal als Installation, zwischen Lifestyle, Subkultur und großformatiger Museumskunst. Anything goes eben. Auf den ersten Blick wirkte das Arrangement subjektiv wie jede Kunst, hinterließ am Ende jedoch als Dokument eines Zeitgefühls beziehungsweise als Collage des Lebens der jüngeren Generation einen intersubjektiv nachvollziehbaren Eindruck.

Four Books folgt diesem Muster und der Wirkung der Londoner Ausstellung. In der Kompilation werden aber auch bestimmte Entwicklungslinien im Schaffen von Tillmans deutlich. Waren die beiden ersten der ursprünglichen Bände von 1995 und 1998 überwiegend jugend- und subkulturgeprägt, weisen truth study center aus dem Jahr 2005 und Neue Welt (2012) einige zusätzliche Facetten auf. Nun sind auch ruhige Bilder aus dem Alltag, Stillleben, Pflanzen, technische Fotografien und nicht zuletzt Reiseimpressionen zu sehen. Seinem fotografischen Stil bleibt er gleichwohl treu. Auch bei den jüngeren Arbeiten geht es meist nicht um das Einzelbild, schon gar nicht um das Tafelbild im klassischen Sinn, sondern um die impressionistische Gesamtwirkung, die gleichzeitig dokumentarische Ansprüche erhebt.

Wolfgang Tillmans hat, so scheint es, stets eine gewisse Distanz zum Markt der Kunstspekulanten gepflegt. Nur so konnte er den Nimbus subkultureller Authentizität aufrechterhalten. Darüber hinaus wirkt alles, einschließlich seiner Kommentare, nur begrenzt mit Theorie aufgeladen. Die ZEIT hat ihm einmal attestiert, nie Mitglied einer Diskurssekte gewesen zu sein. Jedenfalls passt es zum postmodernen Zeitgeist, eher pragmatisch, bunt und anscheinend beliebig mit den Dingen umzugehen als unablässig reflexionsorientiert. Tillmans scheut sich nicht, mal als subversiver Wilder, mal als künstlerischer Avantgardist und mal als kommerzieller Modefotograf wahrgenommen zu werden. Für manchen mag das nach Beliebigkeit aussehen. Es lässt sich jedoch auch als Angebot verstehen, in einer Zeit ohne letzte Wahrheiten die Freiheit zu nutzen, sich selbst ein Bild zu machen.

Wolfgang Tillmans versteht seine Ausstellungen als Installationen, und man spürt, dass er die Hängung der Bilder selbst bestimmt. Da gibt es die kleinformatigen Fotografien, die mit Klebestreifen an der Wand befestigt sind, oder die größeren Werke, die, ebenfalls rahmenlos, nur mit Klemmen ihren Halt finden. Stets geht es um die Aura des Ganzen. Bei den Gestaltungen seiner Bücher geht Tillmans ganz ähnlich vor. Four Books macht dies mit seiner geballten Kompaktheit deutlich. Der von TASCHEN vorgelegte Band weist den Charakter einer Retrospektive, aber eben auch den eines eigenständigen Buchkunstwerkes auf. Tillmans hat die Ausgabe unter Beibehaltung des ursprünglichen Layouts der vier Einzelbücher sowie mit einigen Ergänzungen neugestaltet und auf diese Weise etwas durchaus Eigenständiges entstehen lassen. Das Ganze ist auch in diesem Fall mehr als die Summe seiner Teile. Prägnant und atmosphärisch dicht, aufregend dynamisch und, nicht zuletzt, fotografisch inspirierend.

Hingewiesen werden soll abschließend auch auf die vier, für das Verständnis von Tillmans aufschlussreichen Textbeiträge, die in den Fotobüchern und nun auch in der Zusammenstellung enthalten sind, darunter drei essayistische Einführungen in den jeweiligen Band sowie ein Gespräch zwischen Wolfgang Tillmans und Beatrix Ruf in Neue Welt. Hier geht es unter anderem um die Unterschiede zwischen der analogen und der digitalen Fotografie, der sich Tillmans erst um 2009 zugewandt hat.

Den entscheidenden Unterschied beider Technologien bildet, wir fassen die Überlegungen von Tillmans im Folgenden mit unseren Worten zusammen, die im Vergleich zum Film höhere Auflösungsfähigkeit moderner Sensoren. Dadurch werden im Bild Mikrostrukturen sichtbar, die weit über die normalen, alltäglichen Sehgewohnheiten hinausführen. Geht es hingegen um die fotografische Vermittlung des spontanen, unmittelbaren Erlebens, erweist sich gerade der analoge Film als adäquates Medium, weil er eine geringere Informationskomplexität aufweist und somit die Konzentration auf das Wesentliche fördert. Setzt man die Fotografie allerdings als ein analytisches Instrument zur gezielten Fokussierung auf substanzielle Materieeigenschaften oder zur Darstellung des Detailreichtums der Dinge ein, werden mit der digitalen Technik nun einmal Ergebnisse mit größerem Informationsgehalt gewonnen. Beide Verfahren haben ihre Berechtigung. Neue Welt beinhaltete als erstes Fotobuch von Tillmans neben analogen Fotografien auch digitale Aufnahmen.

Der Band Four Books von TASCHEN ist unbedingt zu empfehlen. Er gehört in die Basisausstattung jeder Fotobibliothek. Auch die Website von Wolfgang Tillmans ist einen Besuch wert.

 

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