Strandgut

von Ulrich Metzmacher

Etwa seit Mitte der siebziger Jahre hat die Publikation von Büchern zum Thema Fotografie beständig zugenommen. Dies korrespondiert mit der Akzeptanz der Fotografie als Kunstform. Sowohl die Zahl an Ausstellungen mit entsprechenden Begleitkatalogen wie auch Monografien und Texte zu Geschichte und Theorie der Fotografie haben ein zuvor nie bekanntes Ausmaß erreicht. Dies eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, sich mit dem Thema Fotografie zu befassen und auf diese Weise aus den Arbeiten anderer zu lernen.

Aufwändig gemachte Bücher sind zum Teil recht teuer, gerade wenn sie gut gedruckte Bilddarstellungen enthalten. Das dürfen sie auch, schließlich sind die Herstellungskosten nicht gering und nur in besonderen Fällen kann mit hohen Auflagen gerechnet werden. Es mag deshalb interessant sein, auch einmal in gut sortierten Antiquariaten, insbesondere dem modernen Antiquariat, oder auf Flohmärkten gezielt nach vergriffenen Büchern zur Fotografie zu suchen. Da gibt es so manches Schätzchen zu entdecken, das bereits vor Jahren aus dem Verlagsprogramm genommen wurde, um Platz für Neues zu schaffen.

Für seltene künstlerische Bildbände bekannter Fotografen ist allerdings auch im Antiquariat durchaus eine Menge Geld zu bezahlen. Sammler haben dieses Segment längst entdeckt und gute Ware ist rar. Daneben finden sich jedoch zahlreiche Publikationen zur Fotografie, die man oftmals recht günstig erwerben kann. Bei guten Katalogen wichtiger Ausstellungen muss man sich aber ranhalten. Auch diese werden mehr und mehr als Sammlerobjekte entdeckt. Anders sieht es mit Bildbänden, Künstlermonografien und Texten zur Fotografie aus. Das Angebot ist reichlich und es lässt sich eine Menge Hochwertiges entdecken.

Besonders interessant wird es in Buchhandlungen, die man seltener besucht. Man weiß nicht so genau, was einen aktuell erwartet. Wenn diese dann noch eine besondere Abteilung für Fotografie aufweisen, lohnt es fast immer, etwas Zeit mitzubringen. Mein persönlicher Favorit ist hier die Buchhandlung Strand in New York. Jeder Aufenthalt in der Stadt ist unbedingt mit ihrem Besuch verbunden. Strand bietet auf einer riesigen Verkaufsfläche ein großes Angebot an neuen und antiquarischen Büchern aus zahlreichen Gebieten. Kunst und Fotografie sind dabei gut vertreten. Im ersten Stockwerk wird auf, geschätzt, vierzig Regalmetern, und es handelt sich um sehr hohe Regale, alles Mögliche aus der Welt der Fotografie angeboten. Einigermaßen alphabetisch sortiert, finden sich hier nicht nur die amerikanischen Klassiker von Edward Weston über Ansel Adams bis zu Diane Arbus, sondern auch Vielerlei Unbekanntes und weniger Bekanntes. Oder auch Unerwartetes. Ich habe bei Strand schon deutschsprachige Bauhauspublikationen aus Dessau entdeckt. Kurz, man findet hier immer etwas, auch viele neuwertige Restexemplare von Büchern, die aus den regulären Programmen der Verlage genommen wurden. Der Online-Katalog, der über die Webseite von Strand aufgerufen werden kann, weist übrigens aktuell allein für den Bereich Photography knapp zehntausend Titel auf.

Hier mein Ergebnis der letzten Strandsuche:

The New Vision – Photography Between The World Wars: Begleitbuch zu einer Ausstellung von Fotografien der Ford Motor Company Collection im Metropolitan Museum of Art des Jahres 1989. Auf mehr als dreihundert großformatigen Seiten wird ein hervorragender Überblick über die moderne Fotografie jener Jahre geboten. Nahezu alle der bekannten Fotografen, von denen wir heute viele als Vertreter des Neuen Sehens einordnen, sind mit Bildbeispielen vertreten. Hinzu kommen gut geschriebene Begleittexte.

Rough Cuts von David Seltzer aus dem Jahr 1995: Avantgardistische Fotokunst, die unterschiedliche Techniken wie die Übermalung von Fotografien einsetzt. Fünfzehn abgebildete Werke fassen das fotografische Verständnis Seltzers jener Zeit zusammen. Sehr inspirierend, wenn der Sinn einmal wieder nach dem Durchbrechen der traditionellen fotografischen Konventionen trachtet. Sehr ansprechende Druckqualität.

Paul Strand. Circa 1916: Begleitbuch zur Ausstellung des Metropolitan Museum of Art im Jahr 1998. Eine schöne großformatige Monografie dieses herausragenden Fotografen des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts, der von großem Einfluss auf die nachfolgenden Generationen war. Die leichte Sepiatönung des Buches passt hervorragend zu den zahlreichen Fotografien, die überzeugend die frühe Modernität Paul Strands belegen. Lesenswert auch der Begleittext.

Tao of Photography von Philippe L. Gross und S.I. Shapiro: Hier haben sich ein Fotograf und ein Psychologe zusammengetan, um die Affinitäten zwischen einer sich konstruktivistisch verstehenden Fotografie und dem taoistischen Denken deutlich zu machen. Wirklichkeit ist nichts Objektives, sondern Ergebnis von Sozialisation und Konvention. Individuum und Welt stehen sich auch nicht dualistisch gegenüber, sondern konstituieren sich wechselseitig. Was wir sind und was wir sehen, ist Folge eines Lernprozesses. Für jeden, der dies verstanden hat, eröffnen sich vielerlei neue künstlerische Optionen. Soweit kurz der Inhalt. Das Buch hat trotz seines Titels überhaupt nichts Esoterisches an sich und stützt auf erfrischende Weise den Ansatz von fotosinn, der ganz ähnlich angelegt ist. Zahlreiche Bildbeispiele und Zitate bekannter Fotografen, Cartier-Bresson wird, nicht zufällig, mehrfach genannt, illustrieren das Ganze.

Soweit das Ergebnis des letzten Besuches bei Strand am Broadway Ecke 12th Straße, geöffnet täglich von 9:30 bis 22:30 Uhr, sonntags ab 11:00 Uhr. Alles oben Beschriebene wurde übrigens günstig erstanden. Für zwei gute Grillburger und zwei Bier zahlt man im Restaurant in Manhattan ungefähr genauso viel wie für alle Bücher zusammen. Man muss aber, wie gesagt, nicht nach New York reisen, um in einem Antiquariat nach vergriffenen, künstlerisch wertvollen Fotobüchern jeglicher Art zu suchen.

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