Jeff Wall in Mannheim

von Ulrich Metzmacher

Die Mannheimer Kunsthalle kann sich rühmen, einer der symbolträchtigsten Orte der modernen Kunst im Zwanzigsten Jahrhundert zu sein. Im Jahr 1925 fand hier die von Gustav Friedrich Hartlaub kuratierte Ausstellung Neue Sachlichkeit statt, die der teils verwirrten, teils begeisterten Öffentlichkeit programmatisch das Konzept der damaligen Avantgarde vorstellte. Nahezu ein Jahrhundert später ist es die Kunsthalle selbst, genauer, der hinzugefügte Neubau, der viel Begeisterung auslöst. Die Eröffnungsausstellung ist dem Fotografen Jeff Wall gewidmet.

Über den kanadischen Künstler ist schon viel geschrieben worden. Das muss hier nicht alles wiederholt werden. Eine gute Einstimmung in sein Werk bieten aber zum Beispiel die Artikel in der FAZ vom 4. Juni 2018, in der ZEIT vom 6. Juni 2018 und vom 17. Juni 2010, ein im gleichen Jahr mit ihm geführtes Interview oder ein längerer Beitrag in der New York Times. Die Artikel sind nicht immer tagesaktuell. Aber das macht nichts, ist Jeff Wall doch ein betont langsam arbeitender Künstler, dessen Konvolut bislang nicht mehr als zweihundert Hauptwerke umfasst. Er ähnelt darin den Alten Meistern der Gemäldegalerien, auf die er sich in verschiedener Hinsicht auch immer wieder bezieht.

Fasst man die Beschreibung seiner Bildsprache knapp zusammen, so sieht ein Steckbrief vielleicht so aus: Großformatige Dialeuchtkästen zeigen Szenen, die auf den ersten Blick nahezu dokumentarisch wirken. Aber selbst, wenn man zuvor nie etwas über Jeff Wall gelesen hat, stellt sich wohl schnell das Gefühl ein, dass der erste Eindruck täuscht. Die Szenen sind sorgsam bis ins Detail arrangiert, alles wirkt technisch perfekt aufgenommen. Nichts davon ist spontan entstanden. Wie auch bei vielen klassischen Gemälden mögen einzelne Szenen zwar Unspektakuläres zeigen, gleichwohl wirken die Bilder wie vertraute Hochkunst vergangener Zeiten. Der Vergleich mit Manet wird nicht ohne Grund gezogen.

Nach dem ersten Rundgang durch die Ausstellung mit dem symbolträchtigen Titel Appearance standen erst einmal eine Reihe von Fragezeichen, Gedanken und ambivalente Assoziationen im Raum. Die Faszination hielt sich in Grenzen und fast war ein wenig Enttäuschung dabei. Wo ist denn hier nun das Herausragende?

Besucht man eine Ausstellung, kommt man an der Frage Was wollen die Bilder sagen kaum vorbei. Aber mal ehrlich, stellen wir uns diese Frage eigentlich auch bei einem Stillleben mit Früchten, Wein und Hummer aus der Rembrandtzeit? Eher nicht, wir fragen bestenfalls, warum damals so gerne Stillleben gemalt wurden. Bei einer Fotografie ist das anders. Wir wollen wissen, warum der Künstler oder die Künstlerin genau diese Szene festgehalten hat. Und obwohl wir so einiges wissen über die zweifelhaften Kategorien Wirklichkeit und fotografisches Abbild, schleichen sich immer wieder prüfende Gedanken nach dem Realitätsbezug ein.

Jeff Wall ist gelernter Kunsthistoriker und zitiert in seinen Bildern an vielen Stellen, so wird gesagt, Themen der Kunstgeschichte. Vor dem Besuch der Ausstellung hätte man sich darauf wohl ein wenig intensiver einstimmen sollen, etwa durch die Lektüre der Passagen zu Jeff Wall in dem grandiosen Buch Warum Photographie als Kunst so bedeutend ist wie nie zuvor von Michael Fried. Dann wäre von vorneherein klarer gewesen, dass hier nicht nur Kunstgeschichte zitiert wird, sondern auch zentrale Themen des philosophischen Denkens reflektiert werden. Fragen nach dem Charakter der Wirklichkeit gehören dazu. Appearance eben, Erscheinungen. Aber nun zur Ausstellung.

Die großen Leuchtkästen faszinieren mit ihrer strahlenden Farbigkeit. Das Ganze ist enorm aufwändig in der Herstellung und durch die meist riesigen Formate auch nur für das Museum oder bestenfalls ein außergewöhnliches privates Anwesen geeignet. Das erinnert an Rubens oder Menzel und deren repräsentationsgierige Gemälde. Vom traditionellen Charakter der Fotografie ist das aber reichlich weit entfernt. Was ja nichts Schlimmes bedeuten muss. Ist das Ganze nicht auch ein Mittel, um Fotokunst exquisit und teuer zu machen? Gerade im Zeitalter der Massenfotografie wäre das eine nachvollziehbare Strategie künstlerischer Abgrenzung. Ein Blogbeitrag von fotosinn hat diesen Aspekt des Kunstmarktes vor einiger Zeit einmal näher beleuchtet. Wir gehen aber nicht soweit, dem Künstler hier ein Schielen auf die Verwertungsbedingungen seiner Werke zu unterstellen. Und wenn doch etwas dran wäre, na und? Von Moral und Ästhetik allein lässt sich bekanntlich nicht leben.

Wir wissen, dass Jeff Wall mit digitalen Montagen arbeitet, und machen uns auf die Suche, diese zu entdecken. Bei Andreas Gursky zum Beispiel, für den, wie auch für die anderen der Düsseldorfer Schule, Jeff Wall so etwas wie ein Vorbild ist, war uns das nicht schwergefallen. Bei Wall selbst hingegen gelingt uns dies beim ersten Durchgang in der Kunsthalle nicht so leicht. Die Technik der digitalen Pixelmontage einmal mit der klassischen Tupfer-für-Tupfer Malerei zu vergleichen, wäre allerdings ein interessanter Ansatz. Das werden wir im Auge behalten.

Warum die Bilder, wie es heißt, zum Teil einer jahrelangen Vorbereitung bedurft haben, verstehen wir trotz des technischen Aufwands nicht so recht. Es sei denn, der Künstler hat so lange an der Idee gebrütet, bevor es an die Umsetzung ging. Gut, die Bilder wollen wie Werke Alter Meister verstanden werden – warum auch nicht? Auch diese haben ja teilweise reichlich banale Sachen gemalt, eine Zitrone etwa auf dem silbernen Tablett. Trotzdem gelten ihre Gemälde nicht selten als Meisterwerke. Der Inhalt des Bildes ist also zweitrangig, es kommt auf die künstlerische Umsetzung an. Oder ist eher die handwerkliche Perfektion gemeint? Und was heißt das für die naturalistische Fotografie? Jeff Walls Bilder sind auf eine bestimmte Weise ja auch naturalistisch (oder vielleicht doch nicht?), auf jeden Fall sind sie nicht dokumentarisch im gebräuchlichen Sinne. Sie sind Wirklichkeitserfindungen. Das ist schon klar.

Weisen die Bilder nun unterschwellige oder subtile Botschaften auf? Ich weiß es nach dem ersten Rundgang immer noch nicht. Zur Erholung dient eine Pause im Museumscafé und ein Bestaunen der Architektur. Der neue Bau und sein Raumkonzept überzeugen auf ganzer Linie, jedenfalls für die Präsentation moderner Gegenwartskunst. Die Stuttgarter Nachrichten haben aber zu Recht angemerkt, dass sich klassische Werke der Malerei demgegenüber nicht wirklich wohl fühlen werden in dem eher kühlen Betonbau. Die alte Kunsthalle nebenan, als Kontrast alles andere als architektonisch nüchtern, wirkt mit dem dunklen Interieur und der traditionellen Museumsfassade jedenfalls besser geeignet, aber eben auch etwas verstaubt, trotz des Wissens um die charismatische Ausstellung Neue Sachlichkeit im Jahr 1925. Im fotosinn Essay Moholy-Nagy und die neue Fotografie wird die damalige künstlerische Aufbruchstimmung übrigens ein wenig näher beleuchtet.

Wir haben uns im Museumscafe bei einem Glas Riesling erholt und es ist Zeit für einen zweiten Rundgang durch Appearance. Nun sehen wir die Dinge schon ein wenig klarer. Einige der Bilder bleiben zwar auch jetzt noch rätselhaft und wir können ihnen teilweise nicht so recht etwas abgewinnen. Aber wahrscheinlich sind wir kunstgeschichtlich nicht bewandert genug, um überall ihre Anspielungen und Zitate zu verstehen. Andere Bilder hingegen sind klar narrativ angelegt. Unwillkürlich beginnt man, passende Geschichten zu erfinden. Springt man anschließend gedanklich auf die Metaebene und fragt sich, warum einem genau diese einfallen, ist man mittendrin in der schönsten Vorurteilsreflexion. Ähnliches geschieht bei der Betrachtung von A man with a Rifle. Ein Mann scheint mit einem imaginären Gewehr auf drei Personen zu zielen, die sich auf der anderen Straßenseite befinden. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings deutlich, dass der Lauf der unsichtbaren Waffe offensichtlich an ihnen vorbeizielt. Der erste Blick hatte also zu einer Spontandeutung geführt, die sich am Ende als möglicherweise falsche Fährte erweist. Aber dafür muss man schon genau hinsehen, was sich eigentlich immer empfiehlt. Zu schnell entgehen bei einer nur oberflächlichen Betrachtung der Bilder Jeff Walls wichtige Details. Auch seine digitalen Montagen sind so subtil angelegt, dass man den Collagecharakter des Bildes nicht sofort wahrnimmt. Bei A View from an Apartment hingegen vermutet man recht unwillkürlich, dass es sich bei den Fensterausblicken um einmontierte Szenen handelt. Gleiches gilt für den Surrealismus in The Flooded Grave, bei dem man in einem offenen, mit Wasser gefüllten Grab rote Seesterne erkennt. Einen Gegensatz hierzu stellen vermeintlich dokumentarisch angelegte Bilder dar wie etwa die bekannten Werke Passerby, Search of Premises oder das mit dem komplizierten Titel Adrian Walker, artist, drawing from a specimen in a laboratory in the Dept. of Anatomy at the University of British Columbia, Vancouver, mit dem sich im Übrigen Michael Fried im oben genannten Buch ausführlich befasst hat. Die beiden BilderSummer afternoon schließlich erinnern trotz völlig unterschiedlicher Sujets von Bildaufbau und Farbgebung her an Meistergemälde früherer Jahrhunderte.

Der zweite Rundgang hat sich jedenfalls gelohnt, und der Titel der Ausstellung Appearance wird nun noch einmal klarer. Kernthema der Werke Jeff Walls ist das Spiel mit der Wirklichkeitsfrage. Die Bilder weisen oftmals die formale Klarheit der Dokumentarfotografie auf, sind aber gestellte und digital montierte künstliche Produkte. Am Beispiel von The Flooded Grave lässt sich dies verdeutlichen. Das Ausgangsmaterial entstand im Laufe mehrerer Monate auf zwei verschiedenen Friedhöfen. Hinzu kamen im Studio entstandene Aufnahmen eines künstlichen, dem originalen Grab in seiner Größe nachempfundenen Wasserbeckens mit roten Seesternen und Polypen. Anschließend wurden die verschiedenen digitalen Quellen am Bildschirm zum endgültigen Werk zusammengefügt. Man kann das Ganze Hyperrealismus nennen. Geläufiger wäre wohl der Begriff Surrealismus.

Man muss seinen Kopf bei den Werken Jeff Walls schon ziemlich anstrengen. Umso erfrischender ist es dann, wenn man in der Mannheimer Kunsthalle die langen Treppen nach oben steigt und dort einen der Ausstellungsbereiche, der dem Südafrikaner William Kentridge und seinem Werk The Refusal of Time aus dem Jahr 2012 gewidmet ist, aufsucht. Dieses raumfüllende, multimediale Totaltheater lässt keine Effekte aus. Eine dynamische maschinenähnliche Skulptur in der Mitte, mit Videos bespielte Wände sowie hämmernde Tonwelten stürzen auf überwältigende Weise auf den Betrachter ein und versetzen nicht nur kognitive, sondern insbesondere emotionale Hirnzentren in Erregungszustände. Das Ganze war schon auf der Documenta 13 in Kassel zu sehen, hat aber nichts von seiner Faszination eingebüßt. Neben Jeff Walls Appearance ist das unbedingt empfehlenswert. Gratulation zur neuen Mannheimer Kunsthalle!

 

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