Fotografie als symbolische Konstruktion
In den frühen Jahrzehnten der Fotografie im 19. Jahrhundert mussten Portraits, technisch bedingt, mit langen Belichtungszeiten aufgenommen werden. Die starre Haltung der Abgebildeten ergab dabei inmitten einer Atelierkulisse mit Säulen und Palmen eine Bildanmutung mit Verwandtschaft zur klassischen Statue. Alles wirkte wenig lebendig, und die Beteiligten erschienen wie Rollenträger, die sich an bürgerlichen Statusidealen orientierten. Vergleichbares gab es in der Antike. Schon die Funktion der klassischen Statue bestand in der Repräsentation eines Idealkörpers mit wohl definierten Proportionen. Figuren wurden nicht als Verdoppelung eines lebendigen Realitätsvorbildes geschaffen, sondern als Symbol für eine Idee.
Die Portraitfotografie der Jahrhundertwende in Gestalt der weit verbreiteten Carte de Visite war da kaum anders. Um die individuelle Persönlichkeit ging es meist nicht, dafür um den symbolischen Nachweis bürgerlichen Erfolgs. Wie auch Statuen verwiesen die Fotografien auf Ideale und erhielten so ihren Sinn.
Das Bild eines Apfels repräsentiert sowohl den konkreten Apfel, der fotografiert wurde oder dem Maler als Vorbild diente, wie auch die universelle Idee eines Apfels. Das Bild erklärt sich nicht allein aus sich selbst heraus. Wer noch nie einen Apfel gesehen hat, kann mit dessen Abbild nicht viel anfangen. Vielleicht wird das Objekt in die Kategorie Frucht eingeordnet, aber wirklich verstehen lässt sich das Bild erst bei vorangegangenen eigenen Erfahrungen mit einem realen Apfel. Dies gilt im Übrigen für die Objekte jeder Fotografie.
Stellen wir uns vor, einem Betrachter im ausgehenden 19. Jahrhundert würde die Fotografie oder auch das gemalte Bild eines Computers präsentiert werden. Oder eines Smartphones. Er oder sie würde nichts damit anfangen können. Und wir Heutigen stoßen ebenfalls an die Grenzen des Verständnisses, wenn wir mit Abbildern von Artefakten fremder Kulturen konfrontiert werden, denen wir keine Bedeutung zuordnen können.
Ganz ähnlich wird auch die Botschaft einer Skulptur durch Vorwissen geprägt. Ein möglicher Sinn ist konstruierbar, wenn der kulturelle Kontext des Entstehens sowie der eigene Erfahrungshintergrund einbezogen werden. Dies hat in der Moderne Eingang in das Kunstverständnis gefunden. Umberto Eco hob hervor, dass jedes Kunstwerk ein Angebot ist, das interpretiert werden will. Der Künstler selbst kann den Vorgang beeinflussen, aber nicht hundertprozentig steuern. Beim Bild des Apfels mögen Künstlerintention und Betrachterblick noch eine hohe, kulturunabhängige Sinnübereinstimmung aufweisen. Bei komplexen oder abstrakten Werken ist dies weniger oder gar nicht der Fall.
Kunst ist eine Angelegenheit, die konstruiert wird, zunächst im Kopf des Künstlers oder der Künstlerin, später in dem des entschlüsselnden Betrachters. Beides im Rahmen der jeweiligen sozialkulturellen Kontexte. Letztlich impliziert dies bei radikaler Betrachtung auf der Metaebene sogar eine Verwischung der Begriffe Fotografie und Skulptur. Übrig bleibt ein Kunstbegriff, der keine zeitlose Gültigkeit beanspruchen kann und jedes Artefakt in einen kulturellen Zusammenhang stellt. Den des Künstlers und den des Betrachters. Die Rollen der sogenannten Experten sowie des ebenfalls mitspielenden Kunstbetriebes sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Kunst an sich gibt es jedenfalls aus systemtheoretischer Sicht nicht. Stets geht es um den Kontext, innerhalb dessen ein Objekt als Kunstwerk eingeordnet wird.