Artensterben in der Fotowirtschaft

von Ulrich Metzmacher

Der hochwertige digitale Fotoapparat, ob mit oder ohne Spiegel, wird in wenigen Jahren ein teures Nischenprodukt für Profis und betuchte Amateure sein. Die Branche ist im Niedergang begriffen. Kameras mit APS-C oder MFT Sensoren werden kaum noch eine Rolle spielen. Einige der heute bekannten Produzenten werden sich aus dem Markt für Fotoapparate verabschieden. Schuld an dieser Entwicklung ist nicht nur das Smartphone. Das wäre zu einfach gedacht.

Olympus war nur der Anfang. Der Verkauf der Kamerasparte macht deutlich, dass für eine Weiterentwicklung der MFT-Technik sowohl eine Marktperspektive wie offenbar auch die finanziellen Mittel fehlten. Gegenüber den Kameras mit Vollformatsensoren war Olympus wohl nach Eigeneinschätzung nicht mehr korrigierbar in das Hintertreffen geraten. Da mögen der kleinere Sensor für die allermeisten Anwendungen noch so viele Vorteile geboten haben und die Objektive von hervorragender Qualität sein. Der von der Werbung beeindruckte Kunde will Vollformat. Ob die künftigen Kameras der nun verkauften Sparte, wenn es sie mittelfristig denn überhaupt noch geben wird, weiter den Namen Olympus tragen werden, bleibt abzuwarten. Ebenso spannend dürfte die Frage nach dem Kundenservice sein. Gut hört sich das alles nicht an. Das Ding ist wohl gelaufen.

Selbst die traditionsreichen Hersteller wie Nikon und Canon befinden sich keinesfalls in einer komfortablen Situation. Über die wirtschaftliche Lage von Nikon wird schon lange spekuliert, und auch Canon hatte kürzlich einen herben Rückschlag mit Imageschaden zu verkraften, als die Nachrichtenagentur Associated Press beschloss, künftig alle ihre Fotojournalisten exklusiv mit Kameras und Objektiven von Sony auszustatten.

Der Markt für Kameras befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Die Produktionszahlen sind schon seit längerer Zeit im Sinkflug. Das Jahr 2019 war das schlechteste seit Jahrzehnten. Gleichzeitig erhöhen sich der Innovationsdruck und damit der Aufwand für Neuentwicklungen. Die Parallelität von Systemen mit und ohne Spiegel sowie mit unterschiedlichen Sensorgrößen und dazu passenden Objektivlinien stellt betriebswirtschaftlich eine enorme Belastung dar und verschärft insbesondere bei Nikon und Canon das Problem. Skaleneffekte bei den Produktionskosten für die zahlreichen Modell sind immer schwieriger zu realisieren. Die Folge ist ein Anstieg der Fixkosten. Da in den vergangenen Jahren bereits an allen Ecken und Enden, nicht zuletzt an der Qualität und am Service für Privatkunden, gespart wurde, wird sich diese Entwicklung künftig auch im Preis niederschlagen. Die teilweise niedrigen Endkundenpreise der vergangenen Jahre hatten jedenfalls ganz überwiegend Wettbewerbs- und Überproduktionsgründe, waren jedoch für die Hersteller unrentabel. Die Mutterkonzerne werden sich das nicht lange ansehen.

Die wesentlichen Umsätze und Gewinne wurden, etwa bei Canon, in der Vergangenheit außerhalb der klassischen Fotobranche erzielt. Und hinter Nikon steht Mitsubishi. Denke doch bitte bei dieser Ausgangslage niemand, dass die Konzernverantwortlichen aus lauter Liebe zur Fotografie die unbefriedigenden Ergebnisse einfach weiterlaufen lassen! Im Übrigen sind die mit Fotokameras und Objektiven erzielten Umsätze bei den Großen der Branche im Rahmen der Konzernbetrachtungen zu unbedeutend, als dass sie um jeden Preis gerettet werden müssten. Die völlig anders orientierte Unternehmenskonzentration auf optische Überwachungssysteme in verschiedenen Bereichen bis hin zu Kameras für autonom gesteuerte Autos zum Beispiel ist wesentlich lukrativer. Hier finden die eigentlichen Innovationen statt. Die dortige Nachfrage steigt im Gegensatz zum klassischen Fotomarkt stetig an. Für diesen erwarten kritische Analysten für alle Produzenten zusammen langfristig eine Nachfrage von jährlich gerade einmal drei bis fünf Millionen Kameras. Weltweit wohlbemerkt. Das ist nichts gegenüber dem früheren Boom. In Spitzenzeiten wurden einstmals mehr als 100 Millionen Fotoapparate aller Klassen jährlich produziert. Der Rückgang ist dramatisch und weist auf die Existenznöte der Branche hin.

Das Fotografieren mit eigens dafür gebauten Kameras, also ohne Smartphone, befindet sich auf dem Weg zu einer randständigen Kulturtechnik mit nur noch wenigen Anwendern. Die früher einmal auflagenstarken Fotomagazine bekommen das schon heute zu spüren, haben sich aber gleichwohl dafür entschieden, das Spiel der Produzenten, und damit ihrer Anzeigenkunden, vorerst mitzuspielen. Penetrant wird behauptet, dass die neuesten Generationen von Kameras und Objektiven einen technischen Meilenstein bedeuten und alles Vergangene in den Schatten stellen. Richtiges Fotografieren beginne eigentlich erst jetzt. Wer das glaubt, möge selig werden und weiter sein Geld ausgeben. Glücklich bleibt er/sie aber meist nur bis zum nächsten Produktzyklus. Das Spiel beginnt dann von Neuem. Und auf bessere Fotos jenseits laboranalytischer Testbilder warten wir sowieso meist vergeblich.

Viele Leser der Magazine sind stark technikaffin und eher an Zahlen/Daten/Fakten interessiert als an der Frage nach einer inhaltlich überzeugenden, ästhetisch anspruchsvollen, überraschenden Fotografie. Ihr Geschmack orientiert sich nicht selten an reichlich konventionellen Bildvorstellungen, wie sie seit Opas Zeiten verbreitet sind. Aber sie werden in den nächsten Jahren seitens der Hersteller einige narzisstische Verletzungen zu verkraften haben. Diese interessieren sich nämlich überhaupt nicht für ihr schönes Bild und schon gar nicht für Fotokunst. Es geht ihnen, ganz schnöde, um den Beitrag zur Konzernbilanz, und sonst nichts.

Noch einmal zur Preisentwicklung. Die Einführung spiegelloser Kameras von Nikon und Canon mag unvermeidlich gewesen sein, um nicht weitere Marktanteile an Sony zu verlieren. Verbunden war der Wechsel mit der Einführung neuer Objektivbajonette, so dass alle bisherigen Linsen bestenfalls mit zweifelhaften Adaptern verwendet werden können. Der Nutzer ist düpiert und kann seine Investitionen in die bisherige Kameratechnik schlichtweg abschreiben. Hinzu kommt, dass die Hersteller ihre spiegellosen Produkte als Meilensteine für die Bildqualität beworben haben. Bei genauerer Betrachtung sind die Unterschiede jedoch marginal und auch nur dann überhaupt zu realisieren, wenn an der neuen Spiegellosen auch neu entwickelte Objektive zum Einsatz kommen. Diese werden allerdings zu horrenden Preisen verkauft, so dass vielen Nutzern nichts anderes übrig bleibt, als mit Adaptern zu arbeiten, um die alten Linsen weiter zu verwenden, oder ein simples, beim Kauf mitgeliefertes Billigzoom an die teure Spiegellose zu montieren. Beides ist unbefriedigend und bietet vom Bildergebnis her keinen Vorteil gegenüber der Vergangenheit. Dass die Verkaufszahlen der Spiegellosen unter den Erwartungen der Hersteller bleiben, ist unter diesen Umständen verständlich. Wird die neue Technik gleichwohl weiter in den Markt gedrückt, auch weil die Parallelität zweier Produktlinien, wie oben angedeutet, mittelfristig nicht vertretbar ist, bedeutet dies unvermeidlich das Ende der klassischen DSLR mit Spiegel.

Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Entwicklung der Sensortechnik mit Fortschritten bei der Bildqualität verbunden ist, etwa beim Fotografieren unter schlechten Lichtverhältnissen. Aber es gibt einige Nebenwirkungen zu beachten. Erstens wird die Entwicklung neuer Sensoren immer teurer. Auch hier wird es deshalb eine Marktbereinigung geben. Vielleicht bleiben am Ende nur die Vollformatsensoren aus dem Hause Sony übrig. Ob in einem solchen Fall auch die Konkurrenz zeitnah mit den jeweils neuesten Sensoren beliefert wird, dürfte eine spannende Frage sein. Zweitens verlangen die immer leistungsfähigeren Sensoren entsprechend gerechnete Objektive. Sollen diese im Übrigen neben optischen Besserleistungen die mechanische Qualität der bisherigen Hochleistungslinsen etwa von Nikon oder Canon aufweisen, wird es richtig teuer. Drittens sind die riesigen Bilddateien auf dem heimischen Rechner nur dann verkraftbar, wenn auch dieser mit Einsatz von viel Geld entsprechend konfiguriert ist. Viertens fördert die Entwicklung der Sensortechnik die Konvergenz von Stand- und Bewegtbild. Aus Filmsequenzen, die mit 8K oder künftig gar 16K aufgenommen werden, lassen sich ohne Weiteres Einzelbilder auf hohem Niveau extrahieren. Wozu da noch klassisch fotografieren? Das sehen im Übrigen die Hersteller nicht anders und konzentrieren sich mehr und mehr auf die Filmtechnik. Hier liegt auch der Grund, warum der Beruf des klassischen Fotojournalisten am Aussterben ist. Für die Übergangszeit gibt es Hybridsysteme, also spiegellose Fotokameras, mit denen man auch halbwegs professionell filmen kann. Die Zukunft im professionellen Segment gehört jedoch den 16K Videokameras, mit denen sich, nebenbei und bei Bedarf, auch Fotos produzieren lassen. Das Rollenvorbild des klassischen Berufsfotografen, von dem sich in der Vergangenheit viele Amateure inspirieren ließen, verliert seine Bedeutung. Fotografieren ist schon lange nicht mehr so cool oder hip wie früher einmal.

Neben den Profis werden einige betuchte Fotofreunde auf spiegellose Systeme umsteigen und dafür schnell einmal mehr als zehntausend Euro auf den Tisch legen. Aber was ist mit dem Massengeschäft? Schauen wir uns in diesem Zusammenhang die demografische Entwicklung an. Nicht zuletzt liegt hier der Schlüssel für das Dilemma. Die junge Generation fotografiert heute mit dem Smartphone. Aus welchen Gründen sollte sie auch auf einen klassischen Fotoapparat zurückgreifen? Das Smartphone macht immer bessere Fotos, ist wesentlich leichter zu bedienen, passt in jede Tasche und hat einen höheren Coolnessfaktor als Vaters Fotoapparat. Eine spiegellose Systemkamera mit entsprechenden Objektiven können sich im Übrigen nur Gutbetuchte leisten. Klar, es wird auch Einstiegsmodelle geben. Und dennoch, für junge Menschen fehlt neben dem nötigen Kleingeld jeder Anreiz, mit einer schwarzen Kiste am Hals der früheren Generation fotografisch nachzueifern. Aber auch diese hat im Übrigen altersbedingt mit den Jahren immer weniger Lust, eine schwere Fotoausrüstung mit sich herumzuschleppen. Man sehe sich einmal das Gewicht der neuen Hochleistungsobjektive für spiegellose Systeme an. Unattraktiv für den Alltag! Ganz abgesehen vom Preis. Zweieinhalbtausend Euro für ein lichtstarkes Normal(!)objektiv sind da keine Ausnahme. Da kommen selbst Älteren Zweifel, und der Nachwuchs bleibt weg. Die Entwicklung ist absehbar: Immer weniger Kaufinteressenten werden mit immer kostspieligeren Kamerasystemen konfrontiert.

Bei dem ganzen Wirrwarr um die Entwicklung der Spiegellosen kann nicht verwundern, dass so mancher Anhänger der Fotografie irgendwann die Nase voll hat und sich auf analoge Vorgängertechniken zurückbesinnt. Ganz ähnlich war das schon bei den Tonträgern. Compact Discs sind komplett out. Wer es digital haben möchte, streamt die Songs auf seinen Rechner oder gleich auf das Smartphone, um sich dann zwei Knöpfe in die Ohren zu stecken. Aber ein paar übriggebliebene Musikliebhaber reaktivieren ihren Plattenspieler oder kaufen sich einen neuen, um dem Zirkus zu entfliehen und die Welt auf einer altmodischen HiFi-Anlage zu genießen. Die Parallelen zur Fotobranche sind nicht zufällig. Diese wird dem Schicksal der HiFi-Welt folgen. Das Artensterben ist mit großer Wahrscheinlichkeit unabwendbar.

Im vorangegangenen Blogbeitrag Zum Wandel fotografischer Paradigmen haben wir die Thesen vom Postfotografischen Zeitalter und vom Tod der Fotografie, zwar unter einer anderen Perspektive, noch zurückgewiesen. Ein paar Zweifel kommen aber doch auf.

Details zur wirtschaftlichen Entwicklung der Kamerabranche der letzten Jahre sowie Analysen zu den Hintergründen und Prognosen finden sich zum Beispiel bei heise online oder auf der Website von Dr. Schuhmacher. Im Übrigen sprechen die Geschäftszahlen der Fotowirtschaft eine deutliche Sprache.

 

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