And the Winner is Magdeburg ...

von Ulrich Metzmacher

… jedenfalls hinsichtlich der Fotografie. Das Jahr des hundertjährigen Bauhaus-Jubiläums neigt sich dem Ende zu und wir haben eine Menge gesehen und gelernt. Da gibt es die großen Ausstellungen in der Berlinischen Galerie und in den Bauhaus Museen Dessau und Weimar, daneben Begleitendes wie etwa im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale mit der Ausstellung Bauhaus Meister Moderne. DAS COMEBACK sowie im Kunstmuseum Magdeburg und im Museum Ludwig in Köln.

Beginnen wir mit Halle. Zu sehen sind einige tolle Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen rund um die Zwanziger Jahre, davon einiges von Bauhausmeistern. Das Ganze jedoch als Beitrag zum Bauhaus zu verkaufen, geht dann doch ein wenig zu weit. Hier ist man offenbar auf der Jubiläumswelle mitgeritten und zeigt nun alles aus den eigenen Beständen, ergänzt durch Leihgaben, was so irgendwie in die Zeit passt. Ist ja auch legitim. Und, wie gesagt, es werden einige herausragende Gemälde, etwa von Klee, Feininger oder Kandinsky, präsentiert, deren Betrachtung auf jeden Fall lohnt. Die Fotografie, ob Bauhaus oder nicht, spielt hingegen keine Rolle. Auch das ist legitim. Für unser spezielles Interesse war die Ausstellung jedoch nicht wirklich ertragreich. Wer aber in erster Linie Neigungen jenseits der Fotografie folgt, sollte sich die Schau im Kunstmuseum Moritzburg in Halle nicht entgehen lassen.

Die umfangreichste Ausstellung zum Bauhausjubiläum, die so gut wie alle Disziplinen des ursprünglichen Curriculums aus Weimar und Dessau umfasst, darf wohl die Berlinische Galerie für sich in Anspruch nehmen, die aufgrund der Sanierung und Erweiterung im eigentlich dafür zuständigen Bauhaus Archiv zur Ehre der Präsentation gelangt ist. Auch fotografisch ist hier einiges zu sehen, aber eben nur nebenbei. Aber das soll keine Kritik sein. Das Bauhaus lässt sich schließlich nicht auf die Disziplin Fotografie reduzieren. Wer sich mit einer umfassenden Kompilation von Werken und Gedanken aus Weimar und Dessau auseinandersetzen möchte, wird hier hervorragend bedient.

Über die Ausstellungen in den beiden ursprünglichen Bauhaus-Städten wie auch über die anlässlich des hundertsten Jubiläums dort neu errichteten Museumsgebäude ist auf fotosinn in den Blogbeiträgen Ambivalentes in Dessau und Ein neues Paradigma für Weimar berichtet worden. Dies muss hier nicht wiederholt werden.

Denkt man aus fotografischer Perspektive an das Bauhaus, rückt in erster Linie meist László Moholy-Nagy in den Blickpunkt. Dessen Malerei Fotografie Film aus dem Jahr 1927 gilt als Klassiker der Theorie zur Fotografie, und viele seiner Fotogramme sowie Aufnahmen mit dem Blick des Experimentellen und des Neuen Sehens haben über die Jahre einen paradigmatischen, auf jeden Fall ikonischen Charakter erhalten. Dass dieser Ruhm jedoch nicht allein der Genialität Lászlós zuzuschreiben ist, zeigt die Ausstellung Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben im Kölner Museum Ludwig. Lászlós Ehefrau hat maßgeblich zur Entwicklung des spezifischen fotografischen Bauhaus-Stils beigetragen und so das Neue Sehen mitgeprägt. Im Blogbeitrag Lucia Moholy. Auch eine Geschichte der Fotografie wurde dies näher beleuchtet.

Last but not least die Ausstellung Moderne. Ikonografie. Fotografie im Kunstmuseum Magdeburg. Auch hierüber ist auf fotosinn im Blogbeitrag Bauhaus-Fotografie in Magdeburg berichtet worden. Wir haben die Ausstellung jetzt ein zweites Mal aufgesucht, weil wir das Gefühl auf den Prüfstand stellen wollten, hier beim ersten Besuch einige maßgebliche Dinge zur Bauhaus-Fotografie gesehen zu haben. Und der Eindruck hat sich bestätigt. Zwar fehlen neben anderen wichtigen Aufnahmen jener Zeit die Fotogramme Moholy-Nagys, aber dennoch bietet die Ausstellung einen gelungenen Gesamteindruck vom modernen fotografischen Sehen der Epoche. Die gezeigten Fotografien von Bauhausschülerinnen und Schülern wie Xanti Schawinsky, Edmund Collein und Lotte Gerson-Collein, Franz Ehrlich, Gyula Pap, Irena Blühová, Albert Hennig, Ladislav Foltyn und Marianne Brandt belegen dies. Einige Fotografien Lucia Moholys, die man, dies nur nebenbei, auch gerne in Köln gesehen hätte, kommen hinzu. Die Produkt- und Architekturfotografie des Bauhauses wurde nun einmal maßgeblich durch sie geprägt. Dies alles zusammen ist starke Bauhaus-Fotografie jenseits des Großmeisters László Moholy-Nagys. Dass die Magdeburger Ausstellung durch Bilder von Nicht-Bauhäuslern wie Germaine Krull, Wols, Albert Renger-Patzsch, Hans Finsler, Ruth Hallenleben, Lore Krüger, Bernd und Hilla Becher, Margaret Bourke-White, T. Lux Feininger, El Lissitzky und Alexander Rodtschenko ergänz wird, belegt umso mehr die paradigmatische Bedeutung des Neuen Sehens, von dem die Bauhaus-Fotografie einen Teil darstellt. Nicht mehr und nicht weniger.

Leicht entsteht der Eindruck, das uns heute vertraute Design vom Hochpreisigen bis zu Ikea und auch ein Teil des fotografischen Mainstream-Stils sei Ergebnis des Bauhaus-Denkens. Das ist zwar nicht gänzlich falsch, aber in dieser Absolutheit auch nicht korrekt. Vor oder parallel zum Bauhaus gab es einen Henry van de Velde, einen Peter Behrens und den Deutschen Werkbund sowie de Stijl in den Niederlanden. Andere dachten ähnlich. Man muss deshalb davon ausgehen, dass nicht das Bauhaus der Initiator der Moderne war, sondern, umgekehrt, die Moderne, neben anderem, das Bauhaus hervorgebracht hat. Ein wenig Entmystifizierung und ein Blick über den hundertjährigen Jubiläums-Tellerrand hinaus können da nicht schaden. Dass die Magdeburger Ausstellung durch Gegenwärtiges, etwa von Brian Eno oder von Fotografinnen und Fotografen des Studienprojektes Leipzig, ergänzt wird, sei nur am Rande angemerkt. Auch diese Fotografien tragen indirekt dazu bei, das Bauhaus als einen Teil der Geschichte der Moderne einzuordnen, ohne es in seiner Bedeutung gleich heilig zu sprechen.

Insgesamt handelt es sich für Fotografieinteressierte um eine rundum sehenswerte Ausstellung, die im Kunstmuseum Magdeburg noch bis zum 9. Februar 2020 zu sehen ist. Wer speziell in der künstlerischen Fotografie seinen Schwerpunkt sieht, ist jedenfalls gut beraten, zuerst in die Stadt Otto des Großen zu fahren, bevor er/sie nach Weimar, Dessau, Halle, Köln oder Berlin reist. Gratulation an die Ausstellungsmacher in Magdeburg!

 

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