Lucia Moholy. Auch eine Geschichte der Fotografie

Sie gilt heute als erste professionelle Bauhaus-Fotografin. Lange Zeit hatte man dies nicht erkannt und das Begriffspaar Bauhaus und Fotografie in erster Linie mit ihrem damaligen Ehemann László Moholy-Nagy assoziiert. Dabei war es Lucia Moholy, die viele der uns heute vertrauten Aufnahmen von Produkten mit dem klassischen Design und der Dessauer Bauhaus-Architektur schuf. Gropius war sich ihrer Bedeutung für die Vermarktung und das Image der Schule jedenfalls bewusst.

Das Kölner Museum Ludwig bietet gegenwärtig mit der kleinen Ausstellung Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben einen Überblick, der mit einigen Bildern und lesenswerten Texttafeln ihre Rolle als Fotografin und Autorin hervorhebt. Das passt gut in das Jahr des hundertsten Bauhausjubiläums und darf als Ergänzung zu den aktuellen Ausstellungen in Weimar, Dessau, Berlin und Magdeburg verstanden werden. Liest man den Einführungstext des Museums Ludwig, aber auch den Beitrag Das Bild der Moderne auf faz.net, den Artikel Raus aus der Fußnote in der Süddeutschen Zeitung oder die biografischen Anmerkungen des Lucia Verlags, ergibt sich das Bild einer Frau, deren Rolle für die Entwicklung der modernen Fotografie und deren Reflexion über die Geschichte des Mediums deutlich höher eingeschätzt werden müssen, als dies bis vor wenigen Jahren der Fall war. Dass viele Bücher zu Geschichte und Theorie der Fotografie Lucia Moholy nicht erwähnen, kann da als symptomatisch gelten. Gleiches gilt für die 1990 erschienene Ausgabe des zum Standard gewordenen Werkes bauhaus von Magdalena Droste. Auch hier findet sich kein Hinweis auf die Bedeutung Lucia Moholys. Inzwischen hat das Berliner bauhaus-archiv. museum für gestaltung, das über Moholys fotografischen und dokumentarischen Nachlass verfügt, dieses Bild glücklicherweise korrigiert und zahlreiche ihrer Aufnahmen in die Publikation bauhaus.photo bauhaus.foto aufgenommen.

Neu ist die Veröffentlichung von Aufnahmen Lucia Moholys allerdings nicht. Nur wurde sie früher in der Regel nicht als Fotografin genannt. Die Bilder blieben oftmals anonym. Damit befinden wir uns schon mitten in ihrer Schattengeschichte. Auch diese ist ein Teil der Bauhaus-Wirklichkeit der Zwanziger Jahre und darüber hinaus.

Lucia Moholy wird 1894 in Prag geboren. Nach dem Studium der Philosophie und Kunstgeschichte arbeitet sie als Redakteurin und Lektorin, unter anderem für den Rowohlt Verlag. 1921 heiratet sie László Moholy-Nagy, mit dem sie 1923 nach Weimar und dann 1925 nach Dessau geht. Während László als Lehrer tätig ist, wirkt Lucia als dessen Ehefrau, ein typisches Konstrukt jener Zeit. Frauen am Bauhaus sind bestenfalls Schülerinnen, nehmen aber zunächst keine formellen Funktionen ein. Lucia lernt in einem Fotoatelier und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo sie sich insbesondere mit Reproduktionstechniken befasst. Die hier erworbenen Fertigkeiten setzt sie in der Rolle als Lászlós Frau gemeinsam mit ihrer publizistischen Begabung für das Bauhaus ein. Ob es die Feste und Veranstaltungen sind, die Portraits der Lehrenden, die qualitativ hochwertigen Produktfotografien, die einem sachlichen Stil ohne jeden Schnörkel und zeittypische Extremperspektiven folgen, oder die klassisch gewordenen Architekturaufnahmen des neuen Dessauer Gebäudes sowie der Meisterhäuser mit ihren Interieurs, stets gehören die Fotografien Lucia Moholys zu den qualitativ hochwertigsten jener Zeit. Viele der uns heute bekannten und immer wieder gezeigten Fotografien zum Bauhaus stammen von ihr. Und auch die damals entstandenen Publikationen sind editorisch stark durch ihre publizistischen Fähigkeiten geprägt. Angemerkt wurde dies in der Regel jedoch nicht.

Zusammen mit László experimentierte Lucia mit der Fotogrammtechnik. Bei einigen dieser kameralos entstandenen Werke, die später ausschließlich László zugeschrieben werden sollten, handelt es sich tatsächlich um Gemeinschaftsprodukte. Die Kölner Ausstellung macht dies an einem abstrakten Doppelportrait deutlich.

Trotz der Experimente mit der Fotogrammtechnik unterschied sich ihr fotografisches Verständnis. Während László im Feld des Neuen Sehens den Weg der künstlerischen Lichtbildnerei suchte, auch wenn er die Kunstorientierung im coolen Understatement als irrelevant bezeichnete, strebte Lucia von vorneherein gänzlich kunstfern eine sachliche, klare Linie an, nicht unähnlich des Ansatzes, der nach dem Weggang von László Moholy-Nagy von Walter Peterhans verfolgt werden sollte. Walter Gropius schätzte diesen Stil und nutzte die Fotografien Lucias für die Produktwerbung sowie die Eigendarstellung des Bauhauses. Nach dem Krieg sollte er auf eigennützige Weise ihre in seinen Besitz gelangten Archivbestände weiterhin für die Vermarktung des Bauhaus-Erbes einsetzen, freilich ohne Lucia als Urheberin zu nennen oder an den Erlösen zu beteiligen. Sie wehrte sich dagegen, ein Rechtsstreit mit Gropius folgte.

Nach der 1929 erfolgten Trennung von László war Lucia Moholy bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 in Berlin als Fotografin und Dozentin für Fotografie an der Kunstschule des ehemaligen Bauhäuslers Johannes Itten tätig. Auch im erzwungenen Londoner Exil setzte sie die Arbeit mit der Kamera fort und arbeitete darüber hinaus als Autorin. Im Jahr 1939 erschien als Pelican Special das Taschenbuch A Hundred Years of Photography 1839 – 1939, eine damals höchst erfolgreiche Publikation. Vom Bauhaus-Archiv Berlin wurde sie vor wenigen Jahren in einer hervorragenden Übersetzung neu veröffentlicht. Leider ist das Buch momentan als vergriffen oder nicht lieferbar gelistet, im Kölner Museum Ludwig war es kürzlich jedoch noch zu bekommen. Lucia Moholy gibt hier einen sachkundigen Überblick, der sowohl die technische Entwicklung der Fotografie in ihren ersten hundert Jahren wie auch deren soziologische und kulturelle Bedeutung umfasst. Dass sie einige kritische Gedanken zu den ideellen Höhenflügen der Bauhaus-Meister und ihrer Epigonen hinzufügte, darf im Jubiläumsjahr als besonders lesenswert gelten. Da fehlt uns heute vor lauter Lobpreisung des Bauhausstils ja mitunter ein wenig die kritische Distanz.

Die Geschichte Lucia Moholys ist somit in doppelter Weise Auch eine Geschichte der Fotografie. Einmal zeigt ihre Biografie, wie im Bauhaus und darüber hinaus die Welt der Fotografie lange Zeit als eine männliche verstanden wurde, die nicht anerkennen wollte, dass Frauen mindestens ebenso gekonnt den Auslöser zu bedienen wussten. Daneben stellt ihre Arbeit über die ersten hundert Jahren der Fotografie ein in technischen Dingen faktenreiches und darüber hinaus kultursoziologisch anregendes Werk dar, das nicht nur einen hervorragenden Überblick gibt, sondern wohl auch die eine oder andere Geschichtsschreibung der Fotografie nach ihr beeinflusst hat. Vielleicht ja wiederum ohne Nennung der Quelle.

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