Washington D.C.

von Ulrich Metzmacher

An der Ostküste, auf dem Weg von South Carolina nach New York, bietet sich ein Besuch der Hauptstadt an. Aber gleich vorweg und um gerecht zu bleiben: Die Eindrücke, die man in nur wenigen Tagen wahrnimmt, können nicht bestimmend sein für die ganze Stadt. Dies gilt besonders dann, wenn man überwiegend die markanten Hotspots aufsucht. Und dennoch, die geballte Demonstration amerikanischen Selbstverständnisses will erst einmal verarbeitet sein.

Washington 2019

Natürlich gibt es mehr zu sehen als das White House und die National Mall vom Capitol bis zum Lincoln Memorial oder den Arlington National Cemetery, aber man kommt an diesen Orten kaum vorbei. Und das ist auch gut so, bieten sie doch Einblicke in einen Teil des amerikanischen Selbstbildes. Nun könnte man es sich leicht machen und die vertraute europäische Brille aufsetzen. Man erkennt dann in diesem Selbstbild eine Attitüde nationaler Größe und Überlegenheit, God´s Own Country eben, die dem Land nach eigener Überzeugung im Weltgeschehen einen natürlichen Spitzenplatz zusichert. Das wirkt schnell überheblich. Gleichwohl, die Bedeutung der amerikanischen Verfassungsgeschichte für das moderne Demokratieverständnis westlicher Prägung ist auch aus fremder, insbesondere europäischer Sicht unbestritten. Und wo sonst in der Welt hat das Prinzip der Gewaltenteilung als ein permanentes Checks and Balances der Verfassungsorgane über so lange Zeit eine im Kern immer wieder neu erstrittene Tradition? Da darf man sich nicht allzu heftig durch aktuelle politische Phänomene verwirren lassen. Was aber noch nicht bedeutet, dass dies auch in Zukunft gutgehen wird. In Amerika selbst ist die deutliche Sorge zu vernehmen, das Prinzip der Gewaltenteilung könne während der gegenwärtigen Präsidentschaft ausgehöhlt oder irreparabel beschädigt werden.

Die zwischen dem Capitol und dem Lincoln Memorial gelegenen Monumente sind bereits millionenfach fotografiert worden. Wir beschränken uns deshalb auf ein Bild der einladenden Rampe vor der entfernten Silhouette des Washington Monuments, die den Enten, bitte nicht füttern, einen bequemen Weg ins Wasser bahnt.

Gut zu Tieren

Dann, wenige hundert Meter weiter, die Erinnerungsstätten für die gefallenen Soldaten und Veteranen des Zweiten Weltkriegs, in Korea, Vietnam, dem Irak und anderswo. Unabhängig von allen politischen Bewertungen bedrückt die unendliche Zahl junger Männer und auch Frauen, die auf den Schlachtfeldern ihr Leben ließen. Dass man sie als Helden darstellt, kann als Traumaverarbeitung verstanden werden, die dem Leiden einen Sinn geben will. Und in der Tat, angesichts des amerikanischen Opfers, das in Europa im Kampf gegen den Faschismus erbracht worden ist, verstummen zumindest an dieser Stelle alle kritischen Gedanken. Das Wort von der Verteidigung der Freiheit gegen die Barbarei des Totalitarismus wirkt hier vollkommen gerechtfertigt.

Unwillkürlich zuckt man dann aber beim Anblick der Three Servicemen Statue, die den Soldaten des Vietnamkrieges gewidmet ist und in ihrer heroischen Ausstrahlung recht eindimensional wirkt. Noch stärker fällt das Zucken beim Seabee Memorial auf dem Weg zum Arlington National Cemetery aus, das an die Gefallenen der Navy erinnert. Die Heldenpose des Befreiers sowie die Gestik zeugen von einem Selbstverständnis, das zur Versicherung der eigenen Großartigkeit offenbar des Kontrastes zu einem von ganz unten Heraufblickenden bedarf. Eine ähnliche Bildsprache kennen wir sonst nur aus den Zeiten des sozialistischen Realismus.

Three Servicemen Statue

Seabee Memorial

Der Arlington National Cemetery fordert dann noch einmal die volle Ambivalenztoleranz. Auf der einen Seite die vielen Grabstellen, davon zahlreiche Soldatengräber, auf der anderen Seite die bunten Besuchergruppen im Freizeitlook und quirlige Schulklassen, die meisten von ihnen im weitläufigen Gelände unterwegs in Sightseeing-Zügen für Lauffaule, wie man es von Touristenorten kennt. In den einzelnen Sektionen des Friedhofs wird Persönlichkeiten aus verschiedenen Epochen der amerikanischen Geschichte gedacht, am Rande der Anlage beim Confederate Memorial übrigens auch der im Sezessionskrieg gefallenen Gegner der amerikanischen Verfassung aus den Südstaaten. Alles zusammen bildet eine riesige Zusammenstellung der amerikanischen Totengeschichte, abgesehen von derjenigen der Ureinwohner aus der Zeit der weißen Kolonialisierung. Deren Gräber liegen hier nicht.

Wir verlassen den Friedhof, nicht ohne an den schlicht gehaltenen Grabstellen der Kennedys innegehalten zu haben, und denken an die sechziger Jahre mit der tiefen Spaltung der Nation inmitten der Bürgerrechtsauseinandersetzungen und des Vietnamkrieges. In Erinnerung bleiben jedoch insbesondere die endlosen Reihen mit Grabsteinen.

Arlington

Zurück geht es noch einmal über den Potomac ins Zentrum zum Weißen Haus. Es liegt auch heute eine Spaltung des Landes in der Luft, die wir noch vor wenigen Jahren in dieser Intensität nicht wahrgenommen haben. Spürbar wird das an dem Ort, von dem bei Krisenereignissen die TV-Journalisten meist ihre Bilder senden. Da steht im Regen auf der einen Straßenseite der Pennsylvania Avenue direkt vor dem Weißen Haus der Mann mit dem Pappschild, auf dem er, ansonsten stoisch schweigend, den Bau der Mauer zu Mexiko fordert. Und ihm gegenüber auf der anderen Straßenseite befindet sich seit jetzt 37 Jahren das permanente Protestcamp Peace Vigil, einstmals als Mahnung vor der Gefahr eines Nuklearkrieges begründet, nun jedoch auch allgemein vor Hass und Intoleranz warnend.

Build the Wall

Peace Vigil

That´s America, denkt man da. Widersprüchlich, herausfordernd, voller Spannungen, hier und dort auch befremdlich erscheinend, aber in jedem Fall auf lebendige Weise streitbar. Europäische Arroganz ist da vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte und Gegenwart nicht angebracht.

 

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