Nahe beim Menschen

von Ulrich Metzmacher

Seit dem Aufkommen handlicher, schneller Kleinbildkameras in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat die Straßenfotografie einen stetigen Aufschwung genommen und bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt. In einem Interview beschreibt der Berliner Straßenfotograf Sebastian Jacobitz, welchen Weg er für sich gefunden hat und wie er die Zukunft dieses Genres einschätzt.

Statue, Saigon (Foto: Sebastian Jacobitz)

fotosinn: Sebastian, leichter ist es für die ambitionierte Straßenfotografie in Zeiten der massenhaften Smartphonebilder sowie einiger rechtlicher Probleme beim Fotografieren in der Öffentlichkeit nicht geworden. in Deinem Blog zur Straßenfotografie gibst Du eine Reihe von Hinweisen, wie man dennoch seinen eigenen Stil finden kann. Wie bist Du selbst zur Straßenfotografie gekommen und wie würdest Du Deinen persönlichen Stil beschreiben?

Sebastian: Zur Straßenfotografie bin ich durch den (un)glücklichen Umstand gekommen, dass ich aufgrund eines Unfalls mehrere Wochen immobil war und daraufhin das Laufen mehr oder weniger wieder antrainieren musste. Während der Zeit der Rekonvaleszenz spürte ich den Drang, das Leben der Stadt näher einfangen zu können. Das war im Jahr 2014, ist also noch nicht so lange her. Um ehrlich zu sein, denke ich nicht, dass ich bereits einen charakteristischen Stil entwickelt habe. Ich bin da noch auf der Suche und glaube auch, dass es Jahre braucht, bis ein persönlicher Stil deutlich zum Ausdruck kommt. Wenn ich ihn mir aussuchen könnte, würde ich diesen als emotional und nahe beim Menschen beschreiben.

fotosinn: Wie findest Du in einer Stadt die interessanten Orte? Gibt es so etwas wie eine inspirierende Umgebung? Begegnest Du auch Stellen, an denen Du gar nicht fotografierst?

Sebastian: Als ersten Anhaltspunkt lasse ich mich von den Bildern ortskundiger Straßenfotografen inspirieren. Das bedeutet nicht, dass ich diese kopieren will, sondern dass sie mir Hinweise auf geeignete Umgebungen geben. Von da an lasse ich mich von dem dortigen Leben treiben und habe meist kein eindeutiges Ziel. Ich versuche bewusst, die Atmosphäre des Ortes aufzunehmen, auf Ablenkung, etwa durch Smartphone oder Musik, zu verzichten und mich von den Geräuschen und den Menschen dort inspirieren zu lassen. Nach einer Weile entdeckt man dann auch immer wieder neue Orte oder bekommt Tipps von Einheimischen. Am besten ist es allerdings, wenn man lokale Straßenfotografen trifft. Diese haben noch einmal einen ganz anderen Zugang, was interessante Plätze anbelangt. Inspirierende Orte finde ich im Übrigen überall dort, wo Leben herrscht, Menschen zusammenkommen, Spaß haben und interagieren. In Berlin fokussiere ich mich auf belebte Gegenden, wo eigentlich immer etwas los ist, zum Beispiel den Bereich um den Bahnhof Zoo, das Brandenburger Tor oder den Alexanderplatz. Orte an denen ich nicht fotografiere, gibt es auch. In Wohnsiedlungen fällt es mir zum Beispiel schwer, wenn kaum eine Menschenseele unterwegs ist. Die Winterzeit ist ebenfalls recht kompliziert. Aber man kann diese inspirationslosen Zeiten auch aktiv angehen. So habe ich mir zum Beispiel einen Monat lang die Weihnachtsmärkte vorgenommen, mit Blitz und kleiner Kamera.

fotosinn: Gehörst Du zu denjenigen, die geduldig warten, bis sich ein Motiv mit einem, wie Henri Cartier-Bresson es nannte, entscheidenden Augenblick, bietet, oder schießt Du eine größere Anzahl von Bildern, von denen am Ende des Tages dann vielleicht nur ganz wenige Bestand haben?

Sebastian: Normalerweise gehöre ich zur geduldigen Kategorie. An einem „normalen“ Tag in Berlin, wenn ich mal zwei Stunden unterwegs bin, komme ich vielleicht mit 20 Bildern nach Hause. Für ein einzelnes Motiv verweile ich aber auch gerne eine Stunde, wenn ich das Gefühl habe, dass da etwas Gutes bei herauskommen könnte. Wenn ich allerdings etwas Außergewöhnliches entdecke oder neue Städte erkunde, können es auch mal ein paar hundert Aufnahmen werden.

fotosinn: Eine häufige Grundsatzfrage bei der Straßenfotografie lautet, Schwarzweiß oder Farbe? Wie hältst Du es damit, oder wechselst Du auch einmal von dem einen in den anderen Modus?

Sebastian: Zu Beginn war es für mich ganz natürlich, in Schwarzweiß zu fotografieren. Nun aber merkte ich, dass die Farbe ebenfalls Ihren Reiz haben kann. Auch wenn es zunächst eine Herausforderung darstellt, so sehe ich dies als nächsten Schritt der persönlichen Entwicklung. Selbst wenn die Digitalfotografie grundsätzlich beide Sichtweisen zulässt, sollte sich ein Fotograf im Klaren sein, ob er ein Farbfoto aufnehmen möchte oder ein monochromes, ähnlich wie ein Analogfotograf, der sich den passenden Film einlegt. Es sind einfach zwei unterschiedliche Disziplinen, die nicht ohne Weiteres gewechselt werden können, sondern eine Zeit der Anpassung benötigen. Natürlich gibt es auch einmal eine nachträgliche S/W-Konvertierung, obwohl es eigentlich ein Farbfoto werden sollte. Dies ist aber eher die Ausnahme.

Railtrack Cat (Foto: Sebastian Jacobitz)

fotosinn: Welche Bedeutung hat für Dich die Postproduktion am Bildschirm? Thomas Leuthard meinte einmal, wenn man viel Zeit dafür benötige, stimme etwas mit dem Bild nicht.

Sebastian: Damit gehe ich absolut konform. Die Postproduktion sollte eigentlich nicht mehr als fünf Minuten dauern. Das Arbeiten mit Lightroom ist schon so komfortabel, dass die wenigen Regler in dieser Zeit bedient werden können. Viel Wert sollte jedoch auf die Auswahl der Bilder gelegt werden, ebenso auf deren Reihenfolge, wenn eine Serie geplant ist. Ein Bild in der Postproduktion „geradezubiegen“, geht jedenfalls nicht. Aus einem schlechten Bild wird so kein gutes.

fotosinn: Verrätst Du uns etwas zu Deinem Equipment? Welche Kameras setzt Du ein und gibt es für die Straßenfotografie ein richtiges Objektiv?

Sebastian: Ich benutze die Ricoh GRII und die Fuji X100F, beide mit sehr viel Leidenschaft. Die Ricoh schätze ich für Ihre Kompaktheit in Kombination mit einer hohen Bildqualität. Die Fuji X100F ist in Sachen Bildqualität allerdings noch ein bisschen besser. Dennoch haben beide Kameras ihre Anwendungsgebiete. Die Ricoh kommt zum Einsatz, wenn ich wirklich lange unterwegs bin oder es vom Wetter her kritischer werden könnte. Auch ist die Kamera in Kombination mit einem Off-Camera Flash einfach klasse zu bedienen. Die X100F nutze ich, wenn ich mehr Wert auf die Bildqualität lege oder das nicht ganz so weitwinklige 35mm Objektiv zum Einsatz kommen soll. Das „optimale“ Objektiv gibt es aber wahrscheinlich nicht. Ich habe schon Straßenfotografien mit Fish-Eye Optiken gesehen, genauso wie es auch mit 50mm geht. Ein Freund von Tele-Objektiven bin ich allerdings nicht. In der Straßenfotografie sollte der Fotograf auf die Menschen zugehen, nicht das Objektiv.

fotosinn: Ein ganz anderes Thema, das vielen Fotografen, die ihre Bilder auch veröffentlichen wollen, einige Kopfschmerzen bereitet: Wie gehst Du mit der nicht unproblematischen Rechtslage beim Fotografieren fremder Menschen um? Ist die Grundhaltung keine Gesichter eine Option? Oder gehst Du das Risiko möglicher Beschwerden bis hin zum Rechtsstreit bewusst ein?

Sebastian: Das ist ein Thema, das natürlich in Deutschland viele und vor allem angehende Straßenfotografen beschäftigt. Ich denke, dass Fotografen und Fotografierte gleichberechtigt sein sollten. Das heißt, ich versuche so zu fotografieren, dass ich im ersten Moment zwar unentdeckt bin, um ein authentisches Bild einzufangen, aber auch gleichzeitig so, dass die Person erkennen kann, dass ich fotografiere, und so die Möglichkeit hat, dies zu unterbinden. Das bedeutet auch, dass ich keine Personen fotografiere, denen dies nicht so einfach möglich wäre, zum Beispiel Kinder.

fotosinn: Wie nutzt Du die Social Media Kanäle und wie schätzt Du sie als Forum für die Straßenfotografie ein? Bringt Dich das Feedback, das Du dort erhältst, weiter?

Sebastian: Als Straßenfotograf verlasse ich mich beim Feedback lieber auf ein Umfeld, dessen Meinungen ich besser einschätzen kann als diejenigen aus dem Internet. Aber ich nutze Social Media, um meine Bilder zu verbreiten und interessanten Fotografen aus allen Orten dieser Welt näher zu sein. So kann ein Blick in die neuesten Instagrambilder wie eine kleine Reise sein, wenn die fantastischen Bilder aus der Türkei, Kuba, oder Vietnam auf dem Bildschirm zu sehen sind.

fotosinn: Deine englischsprachige Website enthält die Rubrik The Berlin-Guide for Photographers. Verstehst Du Dich als Teil einer internationalen Szene und gibt es da auch Netzwerkstrukturen?

Sebastian: Aufbauend auf die ersten Kontakte, die ich durch Facebook knüpfen konnte, brach ich zu einer Rundreise in Südostasien auf, um genau diese Straßenfotografen auch einmal live erleben zu können. Aufgrund dieser Erfahrungen lässt sich ganz klar sagen, dass die Straßenfotografieszene international ist, fast wie eine kleine Familie. Zu erleben, wie Menschen in 8.000 Kilometern Entfernung ein ähnlich „schräges“ Hobby ausleben und es sich zum Ziel gesetzt haben, die Welt zu dokumentieren, ist einfach klasse. Zudem merke ich, dass über jede einzelne Kontaktperson auch wieder neue Kontakte geknüpft werden können, so dass man eigentlich überall auf der Welt Ansprechpartner hat, die einem weiterhelfen können.

Railtrack, Hanoi (Foto: Sebastian Jacobitz)

fotosinn: Du arbeitest mit anderen Fotografen zusammen und bist Mitglied bei Berlin 1020 - The Berlin Street Photography Collective. Kannst Du beschreiben, was es für Dich bedeutet, Teil dieser Gruppe zu sein.

Sebastian: Die Gründung des Kollektivs ist gerade aus der Idee geboren, sich stärker zu vernetzen und auch abseits von Social Media in Kontakt zu treten. Gemeinsame Projekte, etwa im Hinblick auf Ausstellungen, sind dabei die zentrale Idee, auch wenn es natürlich nicht immer ganz leicht ist, alle kreativen Gedanken auf einen Nenner zu bringen. Der Hauptgewinn ist jedoch, dass es auf menschlicher Ebene passt und ich Kollegen gefunden habe, die mich motivieren und zugleich auch fotografisch weiterbringen können. Alleine gibt es mitunter Täler, die man individuell erlebt, aber gemeinsam findet sich immer wieder eine Inspiration und die Leidenschaft für die Straßenfotografie wird neu entfacht.

fotosinn: Beschäftigst Du Dich ausschließlich mit der Straßenfotografie, oder bist Du fotografisch auch in anderen Genres unterwegs?

Sebastian: Die Straßenfotografie ist für mich nur ein kleiner Teil der Dokumentarfotografie. Langfristig möchte ich stärker an Serien und Projekten arbeiten, die nicht nur im Einzelbild eine Aussage aufweisen, sondern auch in Ihrer Gesamtheit. Das bewusste Arrangieren der Reihenfolge von Bildern ist zum Beispiel etwas, das mir in der Straßenfotografie fehlt, da hier eigentlich immer das Einzelbild im Vordergrund steht. Die Anordnung als Serie kann die Geschichte aber von Grund auf verändern. Die Straßenfotografie an sich wird jedoch niemals aus der Mode kommen. Der Alltag bietet so viele Einzelszenen, die es Wert sind abgebildet zu werden. Für sie bedarf es keiner Serie oder aufwändiger Projekte.

fotosinn: Herzlichen Dank für das Gespräch. Wir werden Deine Website im Auge behalten und dürfen gespannt sein, wie sich die Dinge weiterentwickeln.

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