Jenseits des urbanen Blicks

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Einige Wandertage am anderen Ende der Republik, zunächst im Odenwald, dann am Feldberg im Schwarzwald, haben mich kürzlich für eine gesunde Zeit vom heimischen Schreibtisch und dem gewohnten Denkumfeld ferngehalten. Urlaub eben. Statt Metropolenkultur und großstädtischer Hektik von einem Tag auf den anderen Roggenfelder, blühende Wiesen, dunkle Wälder und idyllisch erscheinende kleine Städtchen. Schon nach kurzer Zeit, so die Erfahrung, verändert sich auch das fotografische Denken und man beginnt, sich auf das neue Umfeld einzustellen.

Sicher, ich hätte einfach weiterfotografieren können wie gewohnt. Straßenfotografie funktioniert auch an den touristischen Hotspots vor den historischen Fachwerkhäusern am Marktplatz oder bei den Schlössern und Burgruinen. Alles dokumentarisch Angelegte benötigt kein grundlegend neues Denken. Im fotosinn-Essay Die Kamera und das Fremde habe ich deshalb einmal empfohlen, beim Reisen im Prinzip auf die gleiche Weise zu fotografieren wie zu Hause und den persönlichen Stil nicht zu verändern.

Auf dem Land ist aber manches nun einmal ein wenig anders als in der Stadt, und einige der uns vertrauten fotografischen Blickraster wollen einfach keine passenden Motive finden. Da ist etwa die surrealistische Fotografie. Im städtischen Raum ergeben sich unendlich viele Möglichkeiten, Dinge in eine bildliche Beziehung zu setzen, die sie in der Realität gar nicht aufweisen. Das urbane Umfeld ist voller Artefakte und Spiegelungen, die sich bei der fotografischen Umwandlung des Raumes in eine Fläche zu ungewohnten Bildkonstrukten mit überraschenden Sinnbezügen zusammenfügen lassen. In der Natur ist das anders. Oder sind wir es einfach nur nicht gewohnt, auch hier solche Möglichkeiten zu sehen?

Stattdessen registriere ich, dass nun die Natur selbst zum zentralen Motiv wird. Ich entdecke Landschaftsformationen, empfinde entspannte Freude beim Fotografieren von hügeligen Feldern, bizarren Bäumen oder Mohnblumen inmitten der Gerste. Kürzlich hat dies jemand in einem Kommentar als Alte-Männer-Motive belächelt. Das stört mich nun jedoch überhaupt nicht. Im Gegenteil, das intellektuelle Fotografieren scheint hier so etwas wie ein natürliches Gegengewicht zu finden. Gleichzeitig relativiert sich das eine oder andere der fotografischen Philosophie. Jetzt muss nicht mehr jedes Bild tiefsinnig, konzeptuell angelegt oder schwer zu entschlüsseln sein. Feingeistige Konstrukte sind nicht gefragt. Nein, es geht auch ganz einfach, denn die Sinne öffnen sich für Dinge, die wir sonst leicht übersehen. Eine ausdrucksstarke natürliche Form mit ihren Detailstrukturen zu entdecken, das ist etwas anderes als das Fotografieren in der Stadt. Zum Beispiel Holz. Im Wald entwickeln wir, umgeben vom schweren Kiefernduft, eine unwillkürliche Sensitivität für seine unendliche Variation und Farbenvielfalt. Oder wir empfinden Ehrfurcht, etwa vor der riesigen Buche, die schon seit Jahrhunderten an genau dieser Stelle steht und uns an die Kleinheit des eigenen Daseins erinnert.

Fast stellt sich so etwas wie Beschämung ein angesichts des begrenzten heimischen Denkraumes. Vielleicht ist es auch die Idee der relativen Belanglosigkeit unserer vergeistigten Weltkonstruktionen, deren Bedeutung im Verhältnis zu den Naturformen plötzlich dramatisch zu schrumpfen scheint. Aber dann halten wir doch inne auf diesem Pfad der Gedanken. Naive Naturmystik oder Intellektuellenschelte sind nicht unsere Sache, denn es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass angesichts von Umweltzerstörungen und den Folgen der industriellen Landschaftskultivierung weder die Wälder noch das Landleben eine heile Welt darstellen. Auch die rigide Sozialkontrolle im Dorf kann grausam sein. Wer da Zweifel hegt, der lese den Roman Unterleuten von Juli Zeh.

Am Ende gleicht sich wohl manches wieder aus und auch das ländliche Selbstverständnis kann ganz gut die Reflexion aus der Perspektive der Gesellschaftskritik vertragen. Da macht es auch nichts, dass der Landmensch diese aufgrund einer eher reservierten Haltung gegenüber dem Urbanen nicht selten ablehnt. Aber es haben nun einmal beide, die Städter wie das Landvolk, ihre wechselseitigen Vorurteile und mitunter auch Vorbehalte. Das sind idealtypische Betrachtungen, ich weiß. Stadt und Land gehen in vielerlei Hinsicht diffus ineinander über und die Menschen pendeln hin und her. Dennoch handelt es sich für viele um zwei unterschiedliche Lebenswelten. Die Arbeit in und mit der Natur folgt anderen Rationalitäten und Rhythmen als die Tätigkeit im Büro oder bei der fabrikmäßigen Warenproduktion.

Auch beim Fotografieren besitzt niemand das Privileg einer allein richtigen Perspektive. Infragestellungen, Relativierungen, ja selbst Verunsicherungen durch bestimmte Genres tragen dazu bei, dass wir nicht allzu selbstgewiss werden. Es gibt keine unzulässigen Motive. Deshalb darf sich der durchtrainierte Intellektuelle auch am Fotografieren der schönen Landschaft und des Organischen erfreuen. In den Makrostrukturen der Natur mag er sogar Abstraktionen finden, die selbst strengen formalen Gestaltungsanforderungen genügen. Es müssen nicht immer urbaner Surrealismus, sozialkritische Straßenfotografie oder subkulturelle Szeneveranstaltungen sein.

Noch einmal zurück zur Urlaubslektüre, dem erwähnten Roman von Juli Zeh. Unterleuten ist ein fiktiver Ort im Brandenburgischen, nicht allzu weit entfernt von der Hauptstadt. Alteingesessene mit komplizierten Beziehungsstrukturen, deren Urgründe bis weit in die Zeit des nicht mehr existierenden ostdeutschen Staates zurückreichen, treffen auf Zugezogene, unter ihnen radikale Naturschützer mit einem Faible für seltene Vögel, andere, die sich in der Stadt offensichtlich nicht behaupten konnten, sowie Neuunternehmer und windige Spekulanten. Eine wilde soziale Mischung mit starken Frauen und schwachen Männern. Aber auch das Gegenteil kommt vor.

Juli Zeh entwickelt das Personeninventar ihres Romans nach und nach auf eine subtile Weise. Der vermeintliche Schurke zeigt in bestimmten Situationen seine sensible Seite, der Gutmensch hingegen ist am Ende auch durch einige höchst unangenehme Charaktereigenschaften geprägt. So geht es allen. Niemand ist nur gut oder nur böse, nur friedfertig oder nur aggressiv. Alle haben eine ganz persönliche Geschichte, oftmals mit traumatisierenden Erlebnissen, die lange zurückliegen. Städter und Landmenschen unterscheiden sich da nicht mit ihren angeknacksten Biografien. Für Überlegenheitsphantasien bleibt jedenfalls kein Raum und liebgewonnene Projektionen verlieren an Wirksamkeit. Klugheit kann sich sowohl auf dem Land entwickeln wie in der Stadt. Dummheit allerdings auch.

Der Roman hat als Begleitlektüre zum Fotografieren jenseits des urbanen Blicks trefflich gepasst. Unterleuten von Juli Zeh ist im vergangenen Jahr bei Luchterhand erschienen. Ein wenig Krimi steckt übrigens auch in dem Buch.

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