Hallenser Allerlei

von Ulrich Metzmacher

Die Ausstellungsmacher haben sich da vielleicht ein wenig zu viel vorgenommen. Was gegenwärtig unter dem Titel Ins Offene im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale gezeigt wird, stellt sich trotz einiger herausragender Fotografien am Ende weniger als Kompendium der ostdeutschen Fotokunst der letzten Jahrzehnte dar als vielmehr eine am Ende doch etwas beliebige und lückenhafte Schau. Dabei hätte es eine verdienstvolle Sache werden können, die Entwicklung stilprägender Fotografinnen und Fotografen der früheren DDR nach den Wendejahren zu verfolgen sowie diese mit der Arbeit der nachfolgenden Generation zu vergleichen.

Der Titel Ins Offene – Fotokunst im Osten Deutschlands seit 1990  fasst auf der einen Seite die Situation nach dem Wegfall des Begrenzenden und dem Entstehen einer neuen Offenheit zusammen, wie es mit dem Fall der Mauer gegeben war. Auf der anderen Seite kennen wir aus dem Militärischen das offene Feld oder das offene Feuer, in das man nur unter Gefahren hineinrennt. Auch das offene Meer kann sich zu einer heiklen Angelegenheit entwickeln. Ins Offene ist deshalb eine durchaus ambivalente Betitelung. Von der damit angelegten Spannung ist in der Ausstellung aber nicht allzu viel zu spüren. In vier thematischen Feldern werden Arbeiten gezeigt, deren Gemeinsamkeit einzig darin liegt, dass die Künstlerinnen und Künstler irgendetwas mit dem Osten zu tun haben. Dies muss nicht bedeuten, dass sie in der früheren DDR geboren wurden. Es genügt schon, irgendwann nach Berlin gezogen zu sein oder sich mit einem fotografischen Ostthema befasst zu haben, wie es zum Beispiel der aus München stammenden Michael Wesely in Form extremer Langzeitbelichtungen der Neubebauung des Potsdamer Platzes zeigt. Ist das jetzt ostdeutsche Fotokunst? Andere wie der jüngst verstorbene Stefan Moses oder auch Floris M. Neusüss, Katharina Sieverding oder Claudia Angelmaier gehen ebenfalls nur mit viel Phantasie als ostdeutsche Fotografen und Fotografinnen durch. Bei den Arbeiten von Neusüss gelingt es mir im Übrigen selbst mit bestem Willen nicht, irgendeinen Bezug zum Ausstellungstitel zu konstruieren. Da müsste man schon sehr die banale Weisheit bemühen, dass doch schließlich alles irgendwie miteinander zusammenhängt.

Die Ausstellung lässt trotz dieser Einwände die große Bandbreite der Arbeiten ostdeutscher Fotografinnen und Fotografen erahnen. Da sind überzeugende Portraits und sozialdokumentarische Serien dabei, etwa von Ute und Werner Mahler, Hans-Christian Schink oder der unvergessenen Sibylle Bergemann mit Bildern aus der Reihe RambaZamba. Experimentelles steuern Künstler mit Leipziger Hintergrund wie Florian Merkel, Erasmus Schröter, Laura Bielau oder Ricarda Roggan bei. Auch Thomas Florschuetz ist gut vertreten. Gezeigt werden starke Bildergleichwohl wird man in der Moritzburg das Gefühl des Zufälligen nicht los. Das muss ja nichts Schlimmes sein. Nahezu jede Ausstellung ist nun einmal eine kontingente Angelegenheit. Den Titel der Schau etwas niedriger zu hängen, hätte der Sache dennoch gutgetan, zumal es sich räumlich nicht um eine Großausstellung handelt. Erst recht gilt der Einwand für die bildliche Umsetzung der vier Themenblöcke. Der erste von ihnen, Ins Offene. Ein Prolog, mag ja im Sinne einer atmosphärisch angelegten Einstimmung noch angehen, aber die Titel Fotografie und Gesellschaft sowie Fotografie als Medium erscheinen doch ein wenig zu breit, als dass man sie, noch dazu ohne große Kommentierung, mit einigen wenigen Bildern auch nur einigermaßen adäquat hätte abbilden können. Der vierte Block Fotografie der Dinge und Räume wiederum erscheint so viel- oder auch nichtssagend, dass hier alles möglich ist. Und so wirkt es auch. Das grenzt an postmodernes Allerlei.

Manch einer der Einwände wird durch die Textbeiträge des parallel zur Ausstellung erschienenen Katalogs ein wenig relativiert, aber bleibt man bei der reinen Ausstellungsbewertung, so liegt das Urteil Thema verfehlt nicht fern. Da hat man zwar eine ansehnliche Reihe interessanter Fotografien zusammengetragen, aber ein verbindender roter Faden hat sich, zumindest mir, nicht erschlossen. Und ostdeutsch ist das Ganze, wie gesagt, nur bedingt. Insgesamt hätte man sich mehr Konsequenz gewünscht oder eben einen anderen Ausstellungstitel.

Das alles spricht aber nicht gegen einen Besuch, zumal das Kunstmuseum Moritzburg neben der aktuellen fotografischen Sonderausstellung mit seiner beeindruckenden Sammlung moderner Kunst des Zwanzigsten Jahrhunderts immer eine Reise wert ist. Die Ausstellung Ins Offene – Fotokunst im Osten Deutschlands seit 1990 ist noch bis zum 16. September 2018 zu sehen.

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