Die Unheimlichkeit des Banalen

von

Die Ausstellung Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU im Berliner Martin-Gropius-Bau ist bis zum 19. November 2017 verlängert worden. In bedrückenden Schwarzweißfotografien wird den Opfern der von 2000 bis 2007 andauernden rechtsradikalen Mordserie gedacht, die in der Mitte der Gesellschaft stattfinden konnte, ohne dass man den Zusammenhang zwischen den einzelnen Taten und auch nicht die politischen Hintergründe wahrnehmen wollte. Die Bilder Regina Schmekens weisen eine Möglichkeit auf, wie man sich einem solch ungeheuerlichen Thema mit einer zeitgemäßen und sachgerechten Dokumentarfotografie nähern kann.

Die jetzt im Martin-Gropius-Bau gezeigten Bilder waren bereits im Dresdener Militärhistorischen Museum zu sehen, und im Jahr 2016 erschien auch der gleichnamige Bildband. Drei Jahre zuvor hatte Regina Schmeken begonnen, die Tatorte der Verbrechensserie, deren Opfer überwiegend türkischer oder griechischer Abstammung waren, in acht deutschen Städten quer im Land zu fotografieren. Die Ideologie der Täter wird spürbar in der Auswahl der Opfer. Blut und Boden als Bestandteil des Ausstellungstitels nimmt Bezug auf den Wahn, ein Land ohne kulturelle Vielfalt herbeimorden zu wollen. Die meisten der Opfer gerieten in das Fadenkreuz der tödlichen Gewalt, weil sie keine Deutschstämmigen waren. Aber auch eine Polizistin und Schwerverletzte bei den Sprengstoffanschlägen gehören zu den Opfern.

In ihrer Serie geht es Schmeken um das Gedenken an die Ermordeten ebenso wie um die Erinnerung an die Ungeheuerlichkeit der xenophoben Ideologie der Täter und die Auseinandersetzung mit den Tatorten, die auf den ersten Blick keinerlei Spuren der Gewalt aufweisen. Die Banalität des Anscheins zeigt eine graue Normalität, die das Grauen mit Asphalt, Beton und Rauputz überlagert. Auf den Fotografien selbst gibt es keinerlei Hinweise auf die Täter oder die Opfer. Dafür sind die Aufnahmen in der Ausstellung chronologisch angeordnet und in den Informationen zum einzelnen Bild werden die Namen der Ermordeten genannt. Auf diese Weise bekommen die vermeintlichen Allerweltsfotografien eine Konkretion, die aus dem Grau der Szenen das Wissen um das Leiden tödlich getroffener Menschen und ihrer Angehörigen herausdestilliert.

Regina Schmeken hat alles in kontrastreichem Schwarzweiß fotografiert. Die Verwendung eines Weitwinkelobjektivs und der häufig niedrige Aufnahmestandpunkt betonen den Vordergrund und den Boden. Eine leicht gekippte Perspektive deutet dabei an, dass irgendetwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, und Wasserpfützen auf dem Asphalt suggerieren eine Assoziation zu geflossenem Blut. Menschen laufen mit Einkaufstüten in den Händen durch die Straßen, nahezu immer alleine. Nur auf einem der Bilder ist es eine Gruppe von drei Türkinnen. Wartende an der Bushaltestelle, hier und dort ein Radfahrer oder ein Motorroller, verschlossene Rollläden vor aufgegebenen Geschäften und ein unkenntlich gemachtes Autokennzeichen bilden die Szenerie, die dem Betrachter irgendwie bekannt, wenn nicht gar vertraut erscheint. Das letzte Bild schließlich zeigt, abgelöst von der Reihe der Tatorte, eine Tür, durch die Beate Tschäpe an den Verhandlungstagen zum Gerichtssaal im Oberlandesgericht München gehen muss.

Regina Schmeken hat mit dieser Form subjektiver Dokumentarfotografie einen überzeugenden Weg gefunden, das Geschehene zu umschreiben, ohne es dem Betrachter allzu direkt oder gar effektreißerisch aufzudrängen. Die Reduktion auf ein hartes Schwarzweiß sowie die wiederkehrenden Assoziationen an die Metapher von Blut und Boden sind vollkommen ausreichend. Die Aufnahmen bedrücken und wirken auch nach dem Verlassen der Ausstellung heftig nach. Die banale Normalität der Fotografien erinnert daran, dass die Taten inmitten einer Gesellschaft verübt wurden, deren hervorstechendes Merkmal für Viele eben nicht die Party, das Glamouröse oder die intellektuellen Kulturwelten sind, sondern ein Alltag ohne materiellen Reichtum mit kleinen und größeren Sorgen. Inmitten dieser Welt wurden einige zu Tätern, weil sie in ihrer beengten ängstlichen Weltsicht wohl meinten, dass sich mit der Vernichtung des fremdartig Erscheinenden das eigene Grau vertreiben ließe.

Die Ausstellung Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU im Berliner Martin-Gropius-Bau hat einen besonderen Stellenwert. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen.

Eine gänzlich andere Seite der Fotografin Regina Schmeken mit Bewegungsstudien aus der Sphäre des Sports zeigt übrigens noch bis zum 28. Oktober die Münchener Galerie Jordanow. Der souveräne Umgang mit so unterschiedlichen Genres ist Ausdruck der Stärke einer Fotografin, die mit ihrer Arbeit deutlich macht, dass der zeitgenössischen Dokumentarfotografie eine stilistisch große Bandbreite an Möglichkeiten zur Verfügung steht. Jedes Thema hat den Anspruch auf ein eigenes, der Sache angemessenes Herangehen. Regina Schmeken jedenfalls beherrscht die fotografische Umsetzung dieses Grundsatzes.

Zurück