Der Kurfürstendamm im Juni

von Ulrich Metzmacher

Im Mai hatte die zweite Welle der Pandemie ihren Höhepunkt erreicht, anschließend gingen die Infektionszahlen zurück. Der Folgemonat zeigte sich als früher Sommer mit einigen heißen Tagen. Hinzu kamen erste Lockerungen. Und dennoch, von der alten Normalität war nicht allzu viel zu spüren. Zwar öffneten die Restaurants und der Besuch von Geschäften wurde erleichtert. Die weiterhin nur vereinzelt auftauchenden Flaneure und Touristen wirkten dennoch auf den breiten Gehwegen wie verloren.

Es gab kaum Gedränge an den Bushaltestellen und weniger Verkehr als früher. Von der Empore des Kranzler ließ sich dies beobachten. Die kollektive Stimmung hat sich im Juni dennoch verändert. Bedrückendes ist weniger spürbar als noch im Mai. Der Rückgang der Pandemie hat dazu ebenso beigetragen wie das sommerliche Wetter und die Gewöhnung an eine Stadt mit reduzierter Hektik. Man begegnet sich wieder. Die gespielte Fröhlichkeit der Werbeschönheit mit dem langgezogenen Kinn, wohl aus dem Photoshop-Baukasten, wirkt dagegen umso alberner.

Die Nutzung der Luca-App und die Vorlage von Impfnachweisen bewirkten, dass einiges, was vor kurzem noch nicht ging, langsam wieder zum potentiellen Bestandteil des Alltags wurde. Auch das Cinema Paris kündigte für den Juli die Aufnahme des Kinobetriebes an.

Einige der in den Vormonaten entstandenen Testzentren sind wieder verschwunden, andere werben weiterhin um Kundschaft. Schließlich ist die Vergütung für abgerechnete Tests lukrativ, genauso wie für die seit Juni neu hinzugekommene Erstellung digitaler Impfnachweise. Die Pandemie ist in mancherlei Hinsicht eben auch ein Wachstumsmarkt. Dass dabei unseriöse Trittbrettfahrer ihre Chance nutzen, verwundert nicht. Abgeordnete, die sich als Maskendealer verdingen, oder Betreiber von Testzentren, die frei erfundene Leistungen abrechnen, sind Ausdruck einer Eigennutzorientierung ohne soziales Gewissen. Überraschte oder empörte Reaktionen lassen sich aber nur mit Naivität erklären. Das Streben nach materiellem Vorteil gehört schließlich zum weitverbreiteten normativen Grundinventar dieser Gesellschaft.

Um Geld geht es nicht zuletzt in der Spielbank. Diese hat mit Verzögerung ihre neue Dependance am Kurfürstendamm eröffnet. Roulette und Kartenspiel mit Mundschutz. Nun ja, das muss man mögen. Ansonsten steht vor der Tür der staatlich lizensierten Spielanstalt als typische Berliner Mischung nun der Bentley neben dem Motorroller und dem geliehenen Trittbrettfahrzeug.

An nahezu jeder Laterne und anderen geeigneten Objekten ist ein Fahrrad angekettet, nicht selten in demolierter Gestalt. Radfahren stellt auf dem Kurfürstendamm jedoch ohnehin kein Vergnügen dar. Eine gesonderte Radspur fehlt, lediglich auf einigen abzweigenden Nebenstraßen finden sich entsprechende Markierungen.

Frühere Blogbeiträge zeigen Fotografien des Kurfürstendamms aus dem Januar, Februar, März, April und Mai.

 

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