Das Märchenschloss in Berlins Mitte

von Ulrich Metzmacher

Der Nachbau des Berliner Stadtschlosses nimmt langsam seine endgültigen Formen an. Der Kubus ist platziert und die Fassadenimitationen werden nach und nach angeklebt. Die Politik gibt sich, wie kürzlich beim Besuch des französischen Präsidenten, reichlich Mühe, das Ganze hübsch darzustellen und das Volk auf die neue Attraktion vorzubereiten: Das Humboldt Forum in Gestalt des Stadtschlosses. Die Frage bleibt. Was soll das Ganze und welches Konzept verbirgt sich hinter der Idee, statt zeitgenössischer Architektur der Nostalgie Vorrang einzuräumen?

Humboldt Forum, das klingt nach etwas anderem als Preußens Gloria und wilhelminischem Machtgehabe. Entdeckungen, Wissenschaft, ja Aufklärung als Synonym für rationales Denken bieten sich an als Assoziationen zum ehrwürdigen Namen Humboldt. Die Akteure der bereits kurz nach der Wende ins Leben gerufenen Initiative zum Abriss des Palastes der Republik und dessen Ersatz durch die Schlossreplik ahnten, dass man etwas bieten musste, das über die Könige und Wilhelms der Vergangenheit hinausging. Humboldt war schließlich das Vehikel, um das Projekt politiktauglich und somit finanzierbar zu machen. Respekt vor dieser Strategie. Der Plan ist aufgegangen, das Märchenschloss steht vor der Vollendung. Um gerecht zu bleiben, sei allerdings erwähnt, dass sich die östliche Fassade modern und ohne angeklebten Stuck präsentiert. Das sieht nicht schlecht aus, hat aber im Gesamtkontext eher einen Alibicharakter. Der prägende Gesamteindruck des Ganzen bleibt rückwärtsgewandt.

Was hat sich die Stadt da bloß eingehandelt? Gegenüber dem neuen Schloss auf der anderen Straßenseite steht der Berliner Dom, ein architektonischer Klotz aus der Zeit wilhelminischen Gottesgnadentums und der unseligen Vermengung von Kirche und Staat. Machtarchitektur vom Feinsten, heute gerne genutzt als größte evangelische Kirche der Stadt. Historie egal. Und nun streitet man beim neuen Schloss, ob auf die Kuppel, wie weiland, nicht ebenso das Kreuz gehöre. Ist den Streitern eigentlich klar, für was sie sich da einsetzen? Kaiser, Staat, künftig dann Museum und das Kreuz obendrauf. Mir wird schwindelig. Mit der christlichen Botschaft hat das jedenfalls so wenig zu tun wie der Hase mit dem Osterfest.

Zurück zum Humboldt Forum. Um die Schlossdiskussion publikumsfähig zu machen, wurde versprochen, dass hier nicht in wilhelminischer Nostalgie gebadet werden solle, sondern, natürlich, dem kritischen Blick auf die Geschichte Vorrang gegeben wird. Und was gehört zu den Wilhelms des ausgehenden 19. Jahrhunderts? Natürlich der Kolonialismus. Also musste etwas Kolonialismuskritisches her, um so zu belegen, dass es bei der Schlossattrappe nicht nur um die gute alte Zeit geht. Schnell wurden die Dahlemer Museen geplündert, um deren Exponate für die neue Show im künftigen Schloss zu nutzen. Dort gab es genug Geraubtes und auf andere Weise Erlangtes aus aller Welt, nicht zuletzt den ehemaligen deutschen Kolonien. Alles jedenfalls hübsche Dinge, mit denen man die neue Spielstätte würde füllen können. Gleichzeitig versprach man, sich kritisch mit diesen Gegenständen zu befassen und die Geschichte ihrer zumindest teilweise anrüchigen Reise nach Berlin zu erzählen. Eine Zeitlang durfte man deshalb hoffen, dass im Humboldt Forum die Zeit des Kolonialismus nicht nur eine adäquate Aufbereitung finden, sondern es darüber hinaus zu einer grundsätzlichen Reflexion unseres euro- und ethnozentrischen Weltbildes kommen würde.

Die aktuellen Berichterstattungen zur künftigen Programmatik des Humboldt Forums, so zum Beispiel in der ZEIT vom 26. April, lassen die Hoffnungen mehr und mehr schwinden. Eine Etage des Disneyschlosses soll nun für die Dokumentation der Berliner Stadtgeschichte genutzt werden. Na super! Warum nicht dann auch eine weitere Etage zu Preußens Ehren und seiner, zweifellos ja auch vorhandenen, kulturellen Errungenschaften? Ich weiß, das ist polemisch. Aber man muss befürchten, dass von einem kritischen Blick hinsichtlich des kolonialen Weltbildes auf den Rest der Welt, insbesondere deren schwarzen Teil, nicht viel übrigbleiben wird. Hinter den Kulissen werden sich einflussreiche Streiter dafür einsetzen, dass nach der Nazikatastrophe künftig nicht noch ein weiteres Schuldthema auf dem kollektiven deutschen Gemüt lastet. Meine Prognose: Das Ding ist gelaufen. Sicher, man wird uns auf einigen pädagogisch gut gemachten Schautafeln und mit Einsatz moderner interaktiver Medien deutlich machen, dass der Kolonialismus böse war, und vielleicht wird man auch andeuten, dass es in Deutsch-Südwest, heute Namibia, so etwas wie einen Völkermord gegeben hat, aber das alles wird ein eher wohlfeiles Bekenntnis bleiben, das im Kontext des ganzen schönen Schlossbrimboriums eine Randnotiz bleibt. Rückgabe geraubter Kunst aus den Kolonien? Auch diesem Thema wird man mit diplomatischem Geschick zwar nicht gänzlich ausweichen, aber im Vordergrund wird es ein unterschwelliges Verstehen für die europäischen Entdecker geben, die, ganz im Sinne Humboldts, doch nur ihrem intrinsischen Interesse für die fremden Kulturen folgten.

Gibt es überhaupt noch Grund für einen Rest Hoffnung, die Dinge könnten sich anders entwickeln? Wie ließe sich denn die Kultur anderer Völker und anderer Zeiten darstellen, ohne den weißen Blick als Standard zu setzen? Und genau darum ginge es: Deutlich machen, dass der bis heute wirksame Ethnozentrismus das eigene Sein als unhinterfragten Ausgangspunkt der Interpretationen, als perspektivischen Nullpunkt nimmt und alles Übrige von dieser Warte aus betrachtet. Das muss gar nicht bewusst aggressiv gemeint sein, abstrahiert jedoch von der Vorstellung anderer Perspektiven mit eigenen Identitäten. Sähe man die Dinge nämlich auf eine solche Weise, würde deutlich, dass mit dem Ende des Kolonialismus nicht auch das Ende des Ethnozentrismus gekommen war, sondern dieser Teile der westlichen Kultur bis heute prägt.

Zurück zu der Frage, ob Hoffnung bezüglich des künftigen Humboldt Forums möglich ist. Vorbilder gibt es ja, etwa die Documenta. Sicher, auch in Kassel ist nicht immer alles gelungen und der agitierende Holzhammer wurde hier und dort ein wenig aufdringlich eingesetzt. Aber, und das muss man den Veranstaltungsmachern lassen, es ging in den vergangenen Jahrzehnten in Kassel immer wieder um die Frage, wie sich Kunst und Kultur in einer globalisierten Welt so präsentieren lassen, dass der eigene Blick nicht zum Maßstab aller Dinge wird. Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt die aktuelle Ausstellung Hello World der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin. Die Veranstaltung trägt den Untertitel Revision einer Sammlung und fasst damit die Intention bündig zusammen: Wie kann die Nationalgalerie die hier vorgestellten Entwürfe zum Umgang mit den Beständen künftig weiterentwickeln, um dem weltweiten künstlerischen Austausch in seiner Vielfalt wie in seiner Besonderheit im Einzelnen gerecht zu werden?  In dreizehn Ausstellungsabteilungen wird dieser Frage nachgegangen. Den Abschnitt Colomental – Die Gewalt der miteinander verbundenen Geschichten sehen wir uns anhand der Arbeit Archive (Afrika, Afrika, Afrika?) aus dem Werkkomplex Desire in Representation von Peggy Buth ein wenig näher an. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Fotografie.

Aufnahmen aus dem Archiv der Deutschen Kolonialgesellschaft in Frankfurt am Main bilden die Grundlage einer wandfüllenden Bilderzusammenstellung, die sowohl die koloniale Landnahme zeigt wie auch das in der Heimat genutzte Propagandamaterial sowie Privatbilder der Eroberer mit ihren Eigendarstellungen. Montagen, Bildüberlagerungen und insbesondere Filmnegative verwischen den eingeübten Blick und verwirren den Betrachter. Höchst beeindruckend die Bilder, in denen Schwarz zu Weiß und Weiß zu Schwarz wird. Die Kolonisatoren nehmen im Negativ die Farbe der Kolonisierten an, so dass auf der phänomenologischen Ebene der Spieß umgedreht wird. Andererseits jedoch machen die Körpersprache und das Setting der Personenaufstellung weiterhin unmissverständlich klar, wer sich im Zentrum der Macht befindet und wer nicht. Andere Arbeiten von Peggy Buth, die Video und Textliches einbeziehen, nehmen den Gedanken der Infragestellung üblicher Betrachtungen vom weißen Nullpunkt auf und machen deutlich, wie sich auch im vermeintlich postkolonialen Zeitalter das weiße Selbstbewusstsein nicht zuletzt durch seine Abgrenzung zum Nichtweißen definiert. Oder, wie in einem Video im Eingangsbereich der Ausstellungsabteilung Colomental von einem Schwarzafrikaner sinngemäß gesagt wird: Ich bin da, um Euch Eure Identität und Stärke zu bestätigen.

Die Ausstellung Hello World im Hamburger Bahnhof ist unbedingt sehenswert. Sie läuft noch bis zum 26. August 2018. Bleibt zu hoffen, dass sich die künftigen Macher des Humboldt Forums ein wenig inspirieren lassen von den hier gezeigten Möglichkeiten einer kritisch-reflexiven Sicht, nicht nur auf die Dinge der vergangenen Kolonialgeschichte, sondern ebenso auf den bis in die Gegenwart andauernden Postkolonialismus in vielen weißen Köpfen.

Beim Fotografieren auf Reisen kommt man mit diesen Themen mitunter in direkte Berührung. Der fotosinn-Essay Die Kamera und das Fremde, der sich mit solchen Begegnungen befasst, ist gerade auch im Fotomagazin kwerfeldein erschienen.

 

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