Rafal Milachs Dekonstruktion der Realität

von Ulrich Metzmacher

Das Medium Fotobuch fordert die Aufmerksamkeit des Betrachters in besonderer Weise. Da werden Geschichten erzählt, die sich mitunter erst erschließen, wenn nach und nach die visuellen Botschaften erkennbar sind und deren Gesamtheit einen Sinn ergibt. Manchmal bietet ein begleitender Text hilfreiche Dienste, manchmal aber auch nicht. Dann wirken die Bilder eher subkutan, als dass sie sich unmittelbar kognitiv ordnen lassen.

Der polnische Fotograf Rafal Milach, seit kurzem nominiertes Mitglied der Agentur Magnum, verbindet die Ausdrucksmöglichkeiten der Fotografie mit einer Tiefenreflexion gesellschaftlicher Transformationsprozesse. In metaphorischen Einzelfotografien, thematischen Serien sowie einer Reihe preisgekrönter Fotobücher befasst er sich vor allem mit dem Übergang der ehemaligen Ostblockstaaten nach der sowjetischen Hegemonie sowie mit der Dekonstruktion alter wie neuer Systemmechanismen. Inszenierte Fotografien, Collagen, surrealistisch Anmutendes, Abstraktes, Rätselhaftes, aber auch streng dokumentarisch Erscheinendes ergänzen sich. Das sich ausbreitende Wettbewerbsdenken in vielen Lebensbereichen bildet dabei inhaltlich einen von Milachs Schwerpunkten. Erscheinungsformen des Politischen wie behördliche Kontrollbestrebungen, staatliche Propaganda oder mediale Manipulationen kommen hinzu, ebenso andere Symptomatiken gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse.

Als ausgebildeter Grafikdesigner beherrscht Milach unterschiedliche Techniken und visuelle Sprachen. Die freie künstlerische Gestaltung scheint dabei auf den ersten Blick einen Kontrast zur realitätsgebundenen Fotografie zu bilden. Milach hat sich jedoch gerade die Entschlüsselung dessen, was wir auf den ersten Blick für wirklich halten, als Thema gesetzt und nutzt die fotografischen Techniken in freier Form. Seine Arbeiten erhalten dadurch nicht selten einen abstrakten Charakter, der den Betrachter zur Entwicklung eigener Positionen einlädt. Milach selbst spricht davon, mit seinen Bildern lediglich Werkzeuge zur Dekonstruktion anbieten zu wollen, nicht jedoch fertige Antworten.

Von Rafal Milach darf man in Zukunft noch viel erwarten. Magnum Photos hat ihn kürzlich in einem lesenswerten Interview einschließlich einer Reihe von Bildbeispielen vorgestellt. Zu empfehlen ist auch die Website von Rafal Milach.

 

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