Interview: Ein neuer Blick auf die Fotografie?

von Ulrich Metzmacher

Die Fotografie als Kunstform boomt. Das Interesse am Medium scheint größer als jemals zuvor. Dies schließt die kritische Reflexion ihrer Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen mit ein. Der Podcast Fotografie Neu Denken nimmt verschiedene Aspekte dieses Diskurses auf. In einem Gespräch mit fotosinn beschreibt der Fotograf und Herausgeber des Podcasts, Andy Scholz, seine Intentionen.

fotosinn: Andy, vor einigen Monaten hast Du den Podcast Fotografie Neu Denken ins Leben gerufen. Was hat Dich dazu bewogen?

Andy: Der gleiche Gedanke, warum ich 2016 gemeinsam mit Martin Rosner in Regensburg das FESTIVAL FOTOGRAFISCHER BILDER gegründet habe. Nämlich der besonderen Bedeutung fotografischer Bilder ein Forum zu bieten. Ein Festival zu gründen, eine Plattform ins Leben zu rufen, die sich weniger der Technik als mehr dem Bild, der Bildwerdung und dem Arbeiten am Bild widmet.

fotosinn: Inzwischen hast Du eine Reihe ganz unterschiedlicher Gesprächspartnerinnen und Partner in Deinem Podcast vorgestellt. Welche Überlegungen leiten Dich bei der Auswahl?

Andy: Meistens ganz persönliche Gründe. Ich lese etwas von oder über jemanden und dann schreibe ich den- oder diejenige an. So wie bei Dir, als ich von deinem Blog erfuhr. Ich freue mich sehr, mit Dir und all diesen Menschen zu sprechen und ins Gespräch zu kommen, die für fotografische Bilder glühen.

fotosinn: Inzwischen stehen über 35 Podcastfolgen zur Verfügung, momentan läuft die zweite Staffel. Lassen sich aus Deiner Sicht bestimmte Thesen zur Fotografie erkennen, die in den Gesprächen auffallend häufig genannt werden, oder handelt es sich um einen bunten Reigen unterschiedlicher Meinungen und Einschätzungen?

Andy: Vielleicht die Erkenntnis, dass wir im Moment eine ganz normale Entwicklung nehmen, was die Allgegenwart des fotografischen Bildes angeht. Dass aber in der Lehre und in den Schulen zu wenig getan wird, um der heranwachsenden Generation alternative Fragestellungen an die Hand zu geben. Ansonsten auch sicher der bunte Reigen, denn das macht das Medium aus. Kein anderes Medium ist so vielfältig und einflussreich.

fotosinn: Vielleicht eine schwierige Frage, aber gibt es aus Deiner Sicht so etwas wie Ansätze zu einer Theorie der Fotografie?

Andy: Ich denke schon. Auf jeden Fall. Irgendwo (lacht). Im Moment aber eher immer dann, wenn Menschen zu Wort kommen, die aus ganz anderen Disziplinen stammen. Wie in meinem Podcast. Ich habe den Eindruck, die Fototheorie-Szene ist etwas schmallippig und festgefahren. Und weil ich das Neu-Denken, das Neu-Drüber-Nachdenken vermisse, habe ich einfach mal angefangen, die Leute, die mich interessieren anzurufen und zu fragen. Daraus wächst gerade ein wunderbares Archiv der gegenwärtigen Fotoszene. Es waren schon u.a. dabei Dr. Stefan Gronert (Fotokurator vom Sprengelmuseum), Prof. Birthe Piontek (Emily-Carr-University Vancouver), Dr. Franziska Kunze (Sammlungsleiterin Fotografie und Neue Medien Pinakothek der Moderne München), Ann Gripp (Chefredakteurin PHOTONEWS), Barbara Hofmann-Johnson (Leiterin Museum für Photographie Braunschweig), Dr. Rupert Pfab (Galerist und Kunsthistoriker Düsseldorf), Prof. Dr. Volker Jansen (Hochschule der Medien Stuttgart), die Künstler Olaf Unverzart, Florian Jänicke, Juergen Staack, Berit Schneidereit, Johanna Reich.

fotosinn: Du hast ja auch Philosophie studiert. Profitierst Du davon, wenn es um Fragen der Fotografie geht?

Andy: Schwer zu beantworten, weil ich ja die andere Seite nicht erlebt habe. Das Interesse an Fotografie hat für mich begonnen, als ich mich mit existenziellen Fragen auseinandergesetzt habe. Das begleitet mich bis heute in meiner Arbeit als Künstler, als Kurator, als Autor und als Podcaster. Ich denke, das war auch immer der Grund, warum ich das Gespräch mit Künstlern, Kunststudenten, Schriftstellern, Schauspielern usw. suche und gesucht habe. Fotografische Bilder haben die Kraft, weil sie so nah an der eigenen Wahrnehmung sein können, Bilder in unserem Innern zu bestärken, zu festigen, zu manipulieren und zu zerstören. Das war bis zur Entdeckung der modernen Fotografie nur der Malerei vorbehalten. Ich finde, der Vergleich mit Musik ist ein schöner. Die Entwicklung der modernen und aktuellen musikalischen Möglichkeiten ist durchaus sehr vergleichbar mit der fotografischen. Und nicht minder umstritten – auch was die Reichweite und Monetarisierung anbelangt.

fotosinn: Andy, Du stellst Deinen Gesprächspartnern meist einige wiederkehrende Fragen, so zum Beispiel die nach dem Wandel von der analogen zur digitalen Fotografie. Wie gehst Du selbst als Fotografierender mit beiden Techniken um?

Andy: Ich bin ja kein ausgebildeter Fotograf. Vielleicht ist das auch etwas, was einen Unterschied macht. Ich habe mir mehr oder weniger autodidaktisch das Fotografieren beigebracht. Was wir dann im Studium vermittelt bekommen haben, ist ja eben jenseits der Technik. In Essen an der Folkwang, wo ich u.a. bei Bernhard Prinz und Jörg Sasse studiert habe, haben wir ganz wunderbar Anfang der 2000er Jahre den Wechsel mitbekommen. Alle waren neugierig und haben sich auf die neuen Möglichkeiten gestürzt. Insofern ist das für mich bis heute keine Frage. Mich haben immer das Bild und das Ergebnis interessiert. Warum ich im Podcast die Frage danach stelle, hat damit zu tun, dass ich herausfinden will, wie das grundsätzliche Interesse gelagert ist.

fotosinn: Und wann ist ein Foto ein gutes Foto?

Andy: Eine kleine Korrektur an dieser Stelle. Die Frage, die ich im Podcast an meine Gesprächspartnerinnen und Partnern richte, lautet: Wann ist ein Foto ein gutes Bild! Mit Abstand meine Lieblingsfrage, die ich jedem Gast stelle. Denn das ist eine Frage, wenn nicht sogar die Frage, bei der kann es dann in dem einen oder anderen Gespräch sehr interessant werden. Denn es geht darum, Stellung zu beziehen und sich selbst zu fragen, ob es um das gute technische oder um das gute inhaltliche Foto geht? Oder gar um beides? Für mich persönlich ist ein Foto ein gutes Bild, wenn es mich herausfordert, wenn es mich auffordert hinzusehen, wenn es mich dann nicht mehr loslässt und ich es vor dem geistigen Auge habe. Dabei spielt es keine Rolle, ob mir jemand auf Instagram oder in einer Galerie ein fotografisches Bild präsentiert.

fotosinn: Du vermittelst in Deinem Podcast den Eindruck, dass Dir medienpädagogische Fragen sehr am Herzen liegen. Ist dieser Eindruck richtig?

Andy: Ja. Es gibt nicht viele Podcastfolgen, in denen ich die Frage nach der Fotografie in der Bildung nicht gestellt habe. Die Antworten waren meist eindeutig. Es muss mehr getan werden. Es muss mehr getan werden, um den Stellenwert von fotografischen Bildern und ihren medialen Auswirkungen deutlich zu machen. Wir lernen Texte zu verstehen, können aber Bilder nicht dechiffrieren. Warum? Dabei sind sie schon lange das beherrschende Kommunikationsmedium unserer Zeit. Ich frage mich wirklich, warum wir uns in Deutschland so schwer damit tun.

fotosinn: Ein ganz anderes Thema. Oder vielleicht ja auch nicht. Du wirkst als Intendant und Kurator des Festivals Fotografischer Bilder Regensburg. Worum geht es bei diesem Festival?

Andy: Vielleicht ist Arles ein bisschen Schuld (lacht). Ich fand das immer toll. Südfrankreich, Sommer, die Stimmung, viele Menschen. Überall Fotografie und fotografische Bilder. Die ganze Stadt, in der ganzen Stadt und mit der ganzen Stadt. Diskussionen, Ausstellungen, Wettbewerbe, Workshops, Mappen-Reviews. Alle waren da. Ich erinnere mich noch, wie ich mir spontan ein Taxi teilte von dem winzigen eingleisigen Bahnhof in die Innenstadt mit einer Frau, die sich während der Fahrt als Galeristin aus New York herausstellte. Sowas passiert da im Vorbeigehen, und dann verabredet man sich am Place du Forum zum Abendessen. Aber das ist nur das Drumherum. Mir und Martin Rosner geht es um die Allgegenwart und die Zukunft des fotografischen Bildes. Aber nicht in dem Sinn, dass wir uns fragen, wie und womit fotografieren wir morgen, sondern was und warum. Und was macht das mit uns, mit der Gesellschaft und unseren Kindern.

fotosinn: Wie lief das Festival in Regensburg unter Corona-Bedingungen? Gab es öffentliche Veranstaltungen? Oder fand das Ganze im Netz statt?

Andy: Es hat tatsächlich, also real stattgefunden. Maske, Abstand ... das ganze Programm. Der Kulturreferent der Stadt Regensburg konnte es kaum glauben und hat uns immer wieder gedankt. Wir haben durchgezogen. Alle Referenten sind gekommen. Und trotz harter Bedingungen haben das Festival und das Symposium stattgefunden. Es wurde am 22. Oktober 2020 eröffnet. Dann kam uns der kleine Lockdown dazwischen und die Ausstellung musste nach etwas mehr als einer Woche geschlossen werden. Das war sehr, sehr schade. Mittlerweile ist alles online. Wir haben zum Glück direkt im Juni entschieden, alles vorzubereiten für eine komplette Online-Präsenz des gesamten Festivals. Was, mit Verlaub für ein Zwei-Mann-Team, eine echte Herausforderung war. Danke nochmal und einen herzlichen Gruß an Martin Rosner an dieser Stelle.

fotosinn: Du bist fotografisch und auch als Dozent tätig. Kannst Du zum Abschluss etwas über Deine Ausbildung und Deinen Werdegang sagen. Wo liegen heute die Schwerpunkte Deiner Tätigkeit?

Andy: Ich bin 1971 in Varel am Jadebusen geboren und in Wilhelmshaven aufgewachsen. Ich wollte eigentlich Malerei studieren, wurde aber mit den ersten Mappen nicht genommen und begann Philosophie und Medienwissenschaften in Düsseldorf zu studieren. Ich stellte dann fest, dass mich nicht die Malerei an sich, sonders das Kunst-Machen interessierte. Vor allem etwas, das medienübergreifend, medienintegrierend funktioniert. Ich begann Filme zu drehen, Bilder zu fotografieren und in Werbe-Agenturen als Gestalter zu arbeiten. Das führte dann dazu, dass ich an verschiedenen Kunsthochschulen angenommen wurde. Ich entschied mich für Essen. Für einen Kommunikationsdesign-Studiengang u.a. mit mehreren Professuren für Fotografie. Ich studierte Typografie, Zeichnen, Film und Fotografie. Seit 2005 bin ich freier Künstler, Autor, Kurator und Dozent. In den vergangenen drei Jahren ist meine praktische Arbeit etwas in den Hintergrund getreten und meine theoretische und kuratorische in den Vordergrund. Aber das sehe ich nicht als Nachteil, sondern im Gegenteil: Die Gründung des Festivals und die Produktion des Podcasts sind für mich künstlerische Äußerungen. Ganz im Sinne meiner Suche nach, wie anfangs erwähnt, medienübergreifenden Ausdrucksformen.

fotosinn: Andy, herzlichen Dank für das Gespräch. Weiterhin viel Erfolg bei Deinen verschiedenen Aktivitäten. Der Podcast ist gut gemacht. Er füllt eine Lücke und das Format scheint sehr geeignet, in konzentrierter Form Gedanken und vielleicht sogar Antworten auf die Frage nach der Zukunft der Fotografie anzubieten. Wir dürfen uns auf weitere Folgen freuen.

Andy: Herzlichen Dank für das Vernetzen und das Gespräch. Gern bleiben wir da dran. Alles Gute, und gesund bleiben!

Der Podcast Fotografie Neu Denken kann im Netz abgerufen werden unter: http://fotografieneudenken.de/podcasts oder überall, wo es Podcasts gibt.

Näheres findet sich auch auf der Website von Andy Scholz: http://andyscholz.com.

Informationen zum Festival Fotografischer Bilder Regensburg stehen zur Verfügung unter: https://festival-fotografischer-bilder.de/.

Eine der letzten Folgen des Podcasts Fotografie Neu Denken hat ein Gespräch zum Inhalt, in dem es um die Grundgedanken und den Ansatz von fotosinn geht. Zu diesem Podcast geht es hier.

 

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