Gerhard Richters Reflexion und Gestaltung von Realität

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Die Besinnung auf die bildmäßig ausgerichtete Fotografie ist ein wiederkehrendes Thema der vergangenen Jahre. Nostalgie ist dabei jedoch meist nicht angesagt. Eher geht es um Fragen einer handwerklich und künstlerisch ambitionierten Umsetzung ästhetischer Prinzipien und deren Abgrenzung zum fotografischen Massengeschehen. Daneben spielt der Diskurs zum Wesen und zum Stellenwert des fotografischen Bildes nach allen postmodernen Irrungen und Wirrungen eine Rolle, der man kaum ausweichen kann. Fotoausstellungen spiegeln häufig beide Aspekte wider.

Kürzlich haben wir uns im Blogbeitrag zur Ausstellung Analog und Schwarzweiß: Fotografie in Westdeutschland 1945 – 2000 aus der Sammlung Schupmann in der Kunsthalle Erfurt von der dort gezeigten Hochkunst analoger und schwarzweißer Fotografie beeindruckt gezeigt. Gleiches galt für die Parallelausstellung Sebastian Pütz: Vor einem Bild, ebenfalls in der Kunsthalle Erfurt. Hier ging es um die Frage nach dem Realitätsgehalt des fotografischen Bildes. Eine gewisse Fortsetzung findet beides nun in der Ausstellung The Moment is Eternity – Works from the Olbricht Collection im me Collectors Room in Berlin. Auch hier werden Werke einer privaten Sammlung gezeigt, überwiegend Fotografien, aber auch anderes. Im Vergleich zur Erfurter Ausstellung stellt sich die Zusammenstellung deshalb ein wenig heterogener dar. Einige Aquarelle, Pastelle, Kupferstiche und Ölgemälde von Otto Dix, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner oder Albrecht Dürer werden umrahmt von Fotografien mit einer großen stilistischen Bandbreite. Diese reicht von Eadweard Muybridge, August Sander über Henri Cartier-Bresson, Otto Steinert, Lisette Model, Lee Friedlander, Diane Arbus, Helmut Newton und Joel Meyerowitz bis zu André Gelpke, Rineke Dijkstra, Juergen Teller, Thomas Ruff, Cindy Sherman und Wolfgang Tillmans. Die Liste ist unvollständig. Deutlich wird jedoch, dass man sich für einen relativ breiten Ansatz entschieden hat. Das Schwarzweiß der klassischen Kunstfotografie wird durch Farbfotografien ergänzt, neben Silbergelatineabzügen gibt es C-Prints und Inkjet Prints. Auf diese Weise ist eine Ausstellung entstanden, die quer durch die Fotografiegeschichte zwar eine Reihe sehenswerter Bilder zeigt, dabei jedoch ein wenig beliebig bleibt.

Gerhard Richter, vom Kunstkompass der Zeitschrift Capital gerade erneut als Klassenbester der wichtigsten Gegenwartskünstler bestätigt, ist im me Collectors Room mit drei Werken vertreten. Einmal mit dem für ihn typischen, fotorealistischen Offsetdruck Betty aus dem Jahr 1991, dann mit der Cibachrome-Fotografie Ema (Akt auf einer Treppe) von 1992 und schließlich 48 Portraits als Barytfotografien aus dem Jahr 1998. Richter selbst hat sich mehrfach zu seinem Verständnis der Fotografie geäußert und auf die Frage nach seiner Einstellung zur Realität darauf hingewiesen, dass er nicht dieser misstraue, von der er ja so gut wie nichts wisse, sondern dem Bild von Realität, das uns unsere Sinne vermitteln und das unvollkommen ist. Entsprechend frei ist er in seinem Gesamtwerk stets mit dem Einsatz der fotografischen Sichtweise umgegangen. Da gibt es das nach einer Vorlage gemalte fotorealistische Bild ebenso wie die übermalte und auch die reine Fotografie. Gemeinsam ist ihnen in der Regel eine gewisse Unschärfe, dem Markenzeichen Richters. Fotorealismus bedeutet für ihn eben nicht das knackscharfe Bild mit vermeintlich dokumentarischem, passiv widerspiegelndem Realitätsanspruch. Insbesondere die Unschärfen erinnern stets an den nur relativen Wahrheitsgehalt eines Bildes.

Bei der Cibachrome-Fotografie Ema (Akt auf einer Treppe) handelt es sich um die in den Maßen nur leicht abweichende Reproduktion des gleichnamigen Ölgemäldes Gerhard Richters aus dem Jahr 1966, das seinerseits auf einer fotografischen Vorlage basiert. Durch den mehrfachen Formwandel von der Fotografie zum Ölbild und dann wieder zur Fotografie wird der Realitätsbezug soweit dekonstruiert, dass der Betrachter gar nicht umhin kommt, sich auf den Aspekt der freien Gestaltung des Bildes zu konzentrieren. Da mag etwas noch so realistisch aussehen, es ist nicht die Realität. Ähnlich stellt es bei den im me Collectors Room gezeigten 48 Portraits dar, bei denen es sich um fotografische Reproduktionen von schwarzweißgrauen Gemälden bekannter, ausschließlich männlicher Persönlichkeiten handelt, die Richter für die Biennale 1972 nach Vorlagen aus Enzyklopädien und Lexika anfertigte. Bezüglich des Bildformats, bei der Verteilung der Grautöne sowie bei der Kopfhaltung hat Richter eine konsequente Homogenisierung vorgenommen, so dass die Abgebildeten bei aller Unterschiedlichkeit als Vertreter einer gemeinsamen Kaste erscheinen. Wie Ema spielen auch die 48 Portraits mit dem Formwandel zwischen Fotografie und Gemälde und zwingen damit zur Auseinandersetzung mit der Realitätsfrage.

Ideologiekritik, Bildkritik und Technikkritik sind gerade in digitalen Zeiten so bedeutsam wie niemals zuvor. Und darüber hinaus darf man neben allen Zwischenformen davon ausgehen, dass es eine künstlerisch ambitionierte und eine alltägliche Massenfotografie gibt. Beide sind grundverschieden. Die Abgrenzung mag ein schwieriges und heikles Thema sein, der ambitionierten Fotografie ist jedoch nicht damit geholfen, alle Differenzen kleinzureden und damit letztlich die Ansprüche an die Fotografie zu nivellieren.

Die Ausstellung im me Collectors Room vermittelt einen Eindruck davon, welche Formen der künstlerischen Fotografie zur Verfügung stehen. The Moment is Eternity – Works from the Olbricht Collection lohnt deshalb einen Besuch und ist noch bis zum 1. April 2019 in Berlin zu sehen. Die Zusammenstellung der vielen bekannten und prototypischen Fotografien zeigt einen, wenn auch etwas zufällig erscheinenden, Querschnitt dieses technischen Mediums ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die Beschäftigung mit Gerhard Richter hat in besonderer Weise gefallen.

 

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