Farbfotografie mit Tiefenwirkung

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Die Retrospektive Joel Meyerowitz. Why Color? hat vor drei Jahren im C/O Berlin die Ausnahmestellung des inzwischen über achtzigjährigen New Yorker Fotografen eindrucksvoll unterstrichen. Entgegen dem Trend der künstlerischen Fotografie in den 60er Jahren arbeitete er damals überwiegend mit dem Farbfilm, um so der schwarzweißgrauen Tonwertreduktion eine leuchtende Welt gegenüberzustellen. Der Alltag der Straße biete, so seine Begründung, jede Menge überraschender Momente, die durch ihre farbliche Wiedergabe eine besondere Lebendigkeit erhalten.

In einem Gespräch mit Jim Casper hat Meyerowitz seine Gedanken zur Fotografie näher ausgeführt. Einige dieser im Magazin LensCulture veröffentlichten Überlegungen sind im Folgenden in freier Form zusammengefasst. Zu empfehlen ist aufgrund seiner Lebendigkeit sowie der beeindruckend optimistischen Grundausstrahlung jedoch die Lektüre des Interviews selbst, das von LensCulture auch als Audiofile angeboten wird.

Das Wesen der Fotografie besteht darin, so Meyerowitz, aus dem stetigen Fluss des Geschehens Interessantes herauszufiltern und zu fixieren. Dies ist per se ein subjektiver Vorgang. In einem Bild realisiert sich deshalb stets der Standpunkt des Fotografen. Es ist ein Dokument seiner Beziehung zur Wirklichkeit. Damit ist letztlich die Identitätsfrage berührt. Fotografieren eröffnet Möglichkeiten der Selbsterfahrung und Weiterentwicklung. Soweit die Perspektive des Fotografen. Gleichzeitig weist jedes Bild einen offenen Charakter auf, da es von anderen Betrachtern vor dem Hintergrund der jeweils eigenen Erfahrungen gedeutet wird.

Bei der Straßenfotografie handelt es sich von Natur aus um eine, auch körperlich, aktive Angelegenheit. Gleichzeitig fördert sie die geistige Wachsamkeit. Planen kann man zwar vieles, aber eben nicht das Ergebnis, denn die Dinge auf der Straße entwickeln sich meist auf ungeahnte Weise. Meyerowitz faszinieren solche Momente. Eine angemessene fotografische Strategie kann deshalb nur darin bestehen, für das Geschehen und den Fortgang der Dinge offen zu sein.

Das Gespräch zwischen Casper und Meyerowitz fand in Zeiten coronabedingter Einschränkungen statt. Das damit verbundene Gefühl einer diffusen Bedrohung erinnert beide an die mentalen Auswirkungen von 9/11, dem Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 2001. Meyerowitz verknüpft diese Zeit mit besonderen Erinnerungen. Nach dem Willen des damalige New Yorker Bürgermeisters, Rudy Giuliani, sollten Bilddokumente der eingestürzten Twintowers verhindert werden, um keine Ikonen der Zerstörung entstehen zu lassen. Meyerowitz fand dennoch Mittel und Wege, um am Ground Zero zu fotografieren. Viele der heute bekannten Aufnahmen der Trümmerberge und der Aufräumarbeiten sind von ihm. Im Gespräch schildert Meyerowitz Näheres zum Entstehen dieser Bilder. Bis heute hat er im Übrigen infolge der ausgetretenen Giftstoffe mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Dennoch, so im Interview seine Aufforderung: Gehen Sie raus, schützen Sie sich und erledigen Sie die Dinge, die Ihnen als Fotograf wichtig erscheinen!

Eine längere Passage des Interviews befasst sich mit der Verbreitung des Smartphones. Die Straßenfotografie hat sich mit dessen Aufkommen spürbar verändert. Gemeint ist nicht die Tatsache, dass nun unablässig fotografiert wird, sondern die Wahrnehmung, dass sich die Menschen im öffentlichen Raum anders bewegen als früher. Während auf älteren Fotografien zu sehen ist, wie sich die Blicke der Menschen nicht selten auf gemeinsame Ziele richten oder einen interpersonellen Kontakt suchen, zeigen aktuelle Aufnahmen auffallend häufig telefonierende Menschen, die individualisiert mit ihrem Smartphon beschäftigt sind. Die visuelle Struktur der Öffentlichkeit ist eine andere geworden.

Unabhängig von solchen zeittypischen Erscheinungen werden im Interview einige technische Rahmenbedingungen der Straßenfotografie erörtert. Für Meyerowitz spielen insbesondere die Lichtverhältnisse eine wichtige Rolle. Oftmals bestimmen diese die Planung seiner fotografischen Touren durch die Häuserschluchten Manhattans, denn das strenge Straßenraster lässt Voraussagen zu, wann bestimmte Orte im direkten Sonnenlicht liegen. So ist zwar zum Beispiel die Fifth Avenue mit ihrer Nord-Süd-Ausrichtung lange Zeiten des Tages relativ hell. Sucht man jedoch gezielt das Gegen- oder das Rückenlicht, das Meyerowitz oft bevorzugt, bleiben dafür nur bestimmte Stunden. In diesen sind dann jedoch diffizile Lichtverhältnisse sowie starke Kontraste zu erwarten. Damit wird eine sorgfältige Belichtung unumgänglich. Keine einfache Herausforderung. Die übliche Empfindlichkeit eines Farbfilms lag in den frühen 60er Jahren im Übrigen bei gerade einmal 25 ASA. Kameras mit Belichtungsautomatik, ganz zu schweigen vom Autofokus, gab es noch nicht. Meyerowitz wusste als Folge jahrelanger Praxis jedoch meist intuitiv, welche Blende und Verschlusszeit zu wählen ist. Im Übrigen war die Vorabeinstellung der Kameraparameter bei der Arbeit mit der Leica die Regel.

Der Nachahmung von Vorbildern steht Meyerowitz skeptisch gegenüber. Natürlich kann man den Versuch unternehmen, wie andere bekannte Fotografen zu arbeiten, aber die Bilder werden dann nie Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein. Vielmehr geht es darum, aus dem Inneren heraus seine Erfahrungen durch das Auge der Kamera widerzuspiegeln und weiterzugeben. Und abschließend: I’m not a negative person. I’m not scathingly ironic. I tend to just love human nature and nature itself and the opportunity to pass along the experience through the camera’s eye.

Das vollständige Interview mit Joel Meyerowitz kann online im Magazin LensCulture nachgelesen werden. Dieses zeigt auch eine Reihe seiner Fotografien.

Einige biografische Informationen, die anlässlich der Retrospektive vor drei Jahren zusammengestellt wurden, sind der Website des C/O Berlin zu entnehmen. Einen Eindruck seiner fotografischen Vielseitigkeit über die New Yorker Straßenmotive hinaus bietet die Howard Greenberg Gallery.

 

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