Die Vorderseite der Rückseite der Vorderseite

von

Kürzlich traf ich bei einem Besuch im Sprengel-Museum in Hannover auf die Arbeiten der Künstlerin Petra Kaltenmorgen, die sich mit den Übergängen zwischen Fotografie, Installation und Objektkunst befasst. Sie lotet dabei die Möglichkeiten des zweidimensionalen fotografischen Bildes aus, ohne dass man das Fehlen der dritten Dimension als Defizit versteht. Ganz im Gegenteil, gerade die Reduktion des Raumes auf die Fläche lädt zum Nachdenken über die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten des Realen sowie das Wesen des fotografischen Bildes ein.

Was geschieht, wenn man eine Kaffeetasse ablichtet, das Bild dann auf eine MDF-Platte aufzieht und anschließend an mehreren Stellen mit Bohrlöchern versieht? Ist das nun eine Fotografie oder eine Skulptur? Auf jeden Fall handelt es sich um ein Objekt, bei welchem der Fotografie, deren klassisches Merkmal die flächige Zweidimensionalität darstellt, in Gestalt der Platte sowie der Bohrlöcher eine dritte Dimension hinzugefügt wurde. Handelt es sich bei dem Werk trotzdem noch um eine Fotografie? Wir lassen die Frage erst einmal im Raum stehen. Bemerkenswert auch, dass die Arbeit auf den ersten Blick unbetitelt bleibt. Genauer, sie trägt den Titel „o.T.“ und ist dadurch im Prinzip eben doch nicht unbetitelt. Es sind diese Ebenenverschränkungen auf der gestalterischen wie der sprachlichen Ebene, durch die Kaltenmorgens Werke ihre Unbestimmtheit fernab des flachen Eindeutigen erhalten.

Wir werden unwillkürlich zu einer Stellungnahme aufgefordert, welchen Unterschied es zwischen der Kaffeetasse mit den Bohrlöchern und einem, ansonsten gleichen, Bild ohne diesen Eingriff gäbe. Ein nüchterner Betrachter würde der Frage vielleicht ausweichen und antworten, dass es sich um eine auf MDF aufgezogene Fotografie handelt, die mit Löchern versehen wurde, aber auch ohne diese würde es sich immer noch um eine Fotografie handeln. Eine solche Nominalbeschreibung lässt die eigentliche Substanz des Werkes jedoch unberücksichtigt. Das Bildnis der Mona Lisa wird auch niemand mit dem Hinweis beschreiben, dass es sich um einen mit bunten Ölfarben versehenen textilen Maluntergrund handelt. Nein, die Fotografie der Kaffeetasse bildet zusammen mit der Platte und den Bohrlöchern ein ganzheitliches Objekt, das sich nicht auf eines der Bestandteile reduzieren lässt. Man kann das Werk deshalb als eine dreidimensionale Skulptur auffassen. Diese Feststellung wird, vermute ich, Zustimmung finden. Aber noch einmal: Wie wäre es, wenn es die Bohrlöcher nicht gäbe? Würden wir dann nicht ohne zu zögern sagen, es handelt sich um eine Fotografie? Skulptur oder Fotografie, Petra Kaltenmorgens Arbeiten spielen auf intelligente Weise mit dieser Frage.

Ähnlich mehrdeutig sind die großformatigen Bilder der Serie Rückseiten. Sie zeigen die üblicherweise verborgen bleibenden Rückansichten von Keilrahmen, die mit schwarzem Nessel bespannt sind. Strukturen ergeben sich durch die hölzerne Kreuzbeleistung sowie verschiedenfarbige Wollfäden, die von der Vorderseite des Bildes durch die Leinwand gezogen und auf der Rückseite mit Klebestreifen fixiert wurden. Durch die Ablichtung wird diese Rückseite des Objektes nun zur Vorderseite einer Fotografie, die wiederum den Titel Rückseite trägt. Betrachten wir ausschließlich diese Fotografie, bleibt unklar, was die Vorderseite der Leinwand zeigt. Spielt das Holzkreuz auf schwarzem Grund mit dem Thema des religiösen Bilderverbotes? Soll uns etwas verborgen bleiben, das wir nicht sehen dürfen? Unsere Gedanken werden durch die spätere Lektüre des Buches zur Ausstellung sowie die Webseite der Künstlerin wieder in eine profane Richtung gelenkt. Die Vorderseite zumindest eines der Bilder zeigt nichts weiter als strahlenförmig aufgestickte Wollfäden, deren Enden wir ja bereits von der Rückansicht kennen.

Das Ganze spielt mit dem Topos unterschiedlicher Bildwirklichkeiten. Erstens ist da die Fotografie. Diese stellt, wir erinnern daran, das eigentliche Werk dar. Zweitens haben wir als Inhalt der Fotografie die Rückseite einer Leinwand mit fixierten Wollfäden. Drittens machen wir uns Gedanken bezüglich der Vorderseite der Leinwand, bis uns die Auflösung zeigt, dass auf dieser die Wollfäden in einer sternförmigen Ordnung aufgestickt sind. Das ist raffiniert gemacht. Wie bei der Kaffeetasse spielen auch die vier Bilder der Reihe Rückseiten mit der Dimensionsverschränkung von Fotografie und Skulptur sowie dem Fragilen von dem, was wir Realität nennen.

Drittes Beispiel: Die Fotografien einer Serie dunkel aufgenommener, nahezu monochromer Blumenstillleben mit dem Titel Slow Waltz weisen an mehreren Stellen kleine Punkte in Rot, Grün und Magenta auf. Diese Lichtspuren erinnern an defekte Sensorpixel einer Digitalkamera. Erst durch die spätere Recherche wird dann deutlich, dass es sich um gezielt eingesetztes Laserlicht handelt. Das Ganze wird als FineArt-Print auf Alu-Dibond präsentiert und ist Teil der Auseinandersetzung Kaltenmorgens mit dem Thema Licht. Die Fortsetzung findet sich bei ihren Fotografien von Brillengläsern, Haarbüscheln, Blumen oder Zeitungsausrissen, die auf hellem Grund arrangiert sind und, trotz der unterschiedlichen Technik, an Fotogramme von László Moholy-Nagy erinnern, der sich wie kein anderer mit den gestalterischen Möglichkeiten des Lichtes beschäftigt hat. Petra Kaltenmorgen knüpft in gewisser Weise hier an und führt die Fotografie in das 21. Jahrhundert. Neben der bereits von Moholy-Nagy vorgenommenen Auflösung der Grenzziehungen zwischen Fotografie, Skulptur und Installation geht Kaltenmorgen einen Schritt weiter und bezieht auch die Reflexion bezüglich der Wirklichkeit des Bildes in ihre Arbeiten mit ein.

Mehr als ein Zufall sicherlich, dass in unmittelbarer Nähe zu den Werken von Petra Kaltenmorgen im Sprengel-Museum Bilder von Moholy-Nagy, El Lissitzky und natürlich Kurt Schwitters zu sehen sind. Dadurch wird einmal mehr deutlich, wie stark die zeitgenössische Fotografie von den Avantgardisten der Zwanziger Jahre beeinflusst worden ist.

Die Ausstellung Stand der Dinge ist am vergangenen Wochenende zu Ende gegangen. Wer keine Gelegenheit zum Besuch hatte, dem seien das vorzügliche Begleitbuch von René Zechlin oder die Webseite der Künstlerin empfohlen, die einen sehr guten Überblick über das reichhaltige Werk gibt.

Zurück