Der Rückstoß der Kamera

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Der Regisseur Wim Wenders ist nicht nur als Meister der Filmkunst bekannt, sondern hat sich auch als Fotograf einen Namen gemacht. Davon zeugt eine Reihe von Fotobüchern, die im Laufe der Jahre entstanden sind. Überwiegend sind es Bilder von Reisen, die wie nebenbei aufgenommen wirken, aber in der Gesamtheit den Charakter einer Chronik bekommen. In sparsamen lyrischen Worten beschreibt Wenders darüber hinaus seine Einstellung gegenüber der Fotografie, etwa in dem Fotobuch Einmal.

Fotografieren ist stets ein Akt in zwei Richtungen, nach vorne und nach hinten. Zum einen wird das Objekt vor der Kamera erfasst und auf den Bildträger gebannt, dann aber verrät uns das Bild auch etwas über den Fotografen und seine Einstellung zu dem aufgenommenen Objekt. Es ist seine Haltung, psychologisch wie moralisch, die sich in der Fotografie wiederspiegelt. Die Kamera ist damit ein Instrument, das nach vorne ein Bild schießt und nach hinten einen Schattenriss aus der Seele des Fotografen festhält. Es werden nicht nur die Dinge vor der Kamera fixiert, sondern gleichzeitig offenbart sich der auf sie gerichtete Wunsch des Fotografen. Dies ist wie ein Rückstoß, der im Augenblick der Aufnahme seine Wirkung entfaltet.

Wird durch eine Fotografie die Zeit festgehalten? Wenders verneint dies. Im Gegenteil, jede Aufnahme beweist, dass die Zeit unaufhaltsam voranschreitet, und sie erinnert uns damit auch an unsere Sterblichkeit. Mancher will das allerdings nicht wahrhaben. Die Gefahr des Fotografierens liege deshalb in seiner Maßlosigkeit und Angeberei, die häufiger anzutreffen seien als eine nachdenkliche Einstellung. Nur bei einer demütigen Haltung jedoch eröffnet die Kamera eine Chance zur Begegnung mit der Welt, die dem aufmerksamen Beobachter dann ihre Geschichten erzählt.

Das Fotobuch Einmal von Wim Wenders ist bei Schirmer/Mosel erschienen.

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