Charleston

von Ulrich Metzmacher

Die Hafenstadt in South Carolina bietet einen erholsamen Kontrast zum vorangegangenem, etwas nüchternen Atlanta im Bundesstaat Georgia. Teile des alten Stadtkerns weisen eine Homogenität der Südstaatenarchitektur auf, die im Zuge der Neugestaltung nach dem Erdbeben von 1886 in nur wenigen Jahren entstanden ist. Charleston wirkt seitdem als eine historische Stadt voller Gebäude, die mit dorischen Säulen und griechisch anmutenden Giebeln herrschaftlich nachgestalten, was für die Südstaaten vor dem Sezessionskrieg typisch gewesen war.

Die Rekonstruktion der Stadt im ausgehenden 19. Jahrhundert scheint vom Erinnerungswillen an die gute alte Zeit vor dem Bürgerkrieg und vielleicht auch vom Trauma der Niederlage des abtrünnigen Südens geprägt. Wobei sich die einzelnen Quartiere durchaus unterscheiden. Da gibt es die imposanten Südstaatenvillen in Harleston Village auf großzügigen Grundstücken, dann die aufwändig restaurierten Stadthäuser im Bereich South of Broad und im ältesten Teil Charlestons schließlich Straßen mit kleineren Reihenhäusern, die an englische Städte erinnern, auch wenn sich die Gegend French Quarter nennt. Wer in diesen Ecken wohnt, kann jedenfalls nicht ganz arm sein. Davon zeugen die Innenausstatter und Antiquitätengeschäfte in der King Street. Vieles, was dort angeboten wird, wirkt zwar ein wenig kitschig und überladen, ist jedoch offenbar begehrt und wird, wie ein Hinweis an einer der Schaufensterscheiben verrät, containerweise aus Old Europe herbeigeschafft. Funktionalismus oder gar Bauhausstil sucht man vergebens, eher sind es Utensilien aus dem Neunzehnten oder Nachgemachtes aus dem Zwanzigsten Jahrhundert, denen man begegnet, und vor allem eine Menge Empireadaptionen. Man liebt es klassisch oder jedenfalls das, was man dafür hält.

Weniger upperclass als die Villen und imposanten Stadthäuser wirken die vielen typischen Holzbauten nördlich vom historischen Zentrum. Weiter östlich finden sich dann auch einfache Häuser. Aber irgendwo, so dachten wir beim Durchstreifen Charlestons schon die ganze Zeit, müssen ja schließlich diejenigen wohnen, von denen die wohlhabenden Ecken der Stadt versorgt und gepflegt werden. Und schließlich sind da auch noch das traditionsreiche College of Charleston sowie die Medical University of South Carolina mit ihren Studierenden, die zum angenehmen Alltagsleben einer normalen amerikanischen Stadt jenseits der touristischen Ecken beitragen.

Im Jahr 1994 wurde Amerika vom Anschlag eines weißen Nationalisten auf eine Baptistenkirche in Charleston erschüttert, die neun Afroamerikanern das Leben kostete. Die landesweiten Reaktionen ließen erahnen, dass einige der Spannungen, die zum Abspaltungsversuch des Südens im 19. Jahrhundert geführt hatten, auch heute noch latent spürbar sind. Einige klammheimliche und auch offen rassistische Verständniserklärungen hinsichtlich der Tat zeugten davon. Es schloss sich eine hitzige Diskussion bezüglich der historischen Kriegsfahne der Konföderierten mit dem blauen Diagonalkreuz auf rotem Grund an, die, wie auch vom Attentäter selbst, von rechten Nationalisten nicht selten als zentrales Symbol der alten Südstaatenmentalität verstanden wird. Nach dem Anschlag wurde die Flagge aus öffentlichen Gebäuden South Carolinas verbannt. Selbst im Charleston Museum, das sich der Geschichte der Stadt und des Südens widmet, ist die Konföderiertenfahne nicht mehr zu sehen. Im Übrigen hatten wir den Eindruck, dass sich die Ausstellungsmacher etwas schwer taten mit der Darstellung des Sezessionskrieges. Zwar wird die Zeit der Sklaverei anhand allerlei medialer Darstellungsformen einer kritischen Betrachtung unterzogen, aber der Abspaltungsversuch des Südens wirkt in Anbetracht der Gesamtschau des Museums mit nur wenigen Exponaten und Erläuterungen ein wenig unterbelichtet. Eine tiefergehende Aufarbeitung der rassistischen Südstaatenpolitik gegenüber den Gleichheitsbestrebungen Abraham Lincolns haben wir jedenfalls vermisst. Man denkt sich seinen Teil und vermutet ambivalente Gefühle.

Der neugebaute kleine Provinzbahnhof an der Strecke, die Miami mit New York verbindet, liegt etwas außerhalb in North Charleston und ist nur mit dem Taxi zu erreichen. Wir verlassen den Süden von hier mit dem Amtrak-Zug in Richtung Washington. Beeindruckend schon beim Warten die Vorbeifahrt unendlich langer Güterzüge mit doppelstöckiger Containerbeladung und kräftiger Lokomotivbespannung. Das wirkt verkehrstechnisch modern, ist allerdings alles mit Diesel betrieben.

Der Amtrak-Zug ist komfortreich und bequem mit viel Beinfreiheit. So wünscht man sich das, aber in den USA ist eben alles ein wenig großzügiger dimensioniert. Er bringt uns in achtstündiger Fahrt Richtung Norden, quer durch die beiden Carolinas und den Bundesstaat Virginia in die Hauptstadt Washington. Wie bei einer Busfahrt über Land blickt man währenddessen aus dem Fenster auf viel amerikanische Normalität. Es geht durch beeindruckende Natur mit endlosen Wäldern, landwirtschaftlich genutzte Flächen und ausgedehnte Sumpfgebiete in den Flussregionen. Interessant der Blick auf die Städte, oder besser Städtchen, mit Trailerparks und vielen einfachen Holzhäusern sowie Orte, deren Glanzzeit erkennbar vorüber ist. Heruntergekommene Häuser, vernagelte Geschäfte und nur noch wenig Gewerbe. Das sieht nicht selten verarmt aus. Dann jedoch wieder, einige Meilen weiter, aufgeräumte und einnehmende Städtchen. Ein spannendes Land, das Aufmerksamkeit erfordert. Mit der Zugfahrt allein wird man der Region wohl nicht gerecht. Und dennoch, sie hinterlässt bleibende Eindrücke. Mit der Annäherung an Washington nimmt der aus dem Abteilfenster erkennbare Wohlstand im Übrigen zu. Wo die Macht ist, ist eben auch mehr Geld.

 

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