Architektur als Instrument der Macht

von Ulrich Metzmacher

Das mehr als einen Kilometer lange, bogenförmige Hauptgebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof strahlt beim Blick vom südöstlich gelegenen Rollfeld auf die offenen Hangars pure Funktionalität aus und darüber hinaus trotz seines gewaltigen Ausmaßes eine nahezu elegante, zivile Harmlosigkeit. Aus der Entfernung wirkt das Ganze kraftvoll, aber keineswegs aggressiv. Machtarchitektur? Nicht einmal ein Gefühl von Gigantomanie will sich da einstellen. Dies ändert sich grundlegend beim Ortswechsel.

Schattenseite

Nähert man sich dem Gebäudekomplex von Nordwesten, zeigt der Koloss sein anderes Gesicht, die Schattenseite. Die Mittelachse des Flughafengebäudes ist bei ihrer Verlängerung zu dem nach Plänen von Schinkel 1821 auf dem Gipfel des nahegelegenen Kreuzbergs geschaffenen Nationaldenkmal zur Erinnerung an die in den sogenannten Befreiungskriegen Gefallenen ausgerichtet. Wenig mehr als hundert Jahre später wurde das Areal zum Schauplatz völkischer Sonnenwendfeiern. Und so war es kein Zufall, dass Ernst Sagebiel, der von Hitler für die Planung und den Bau des neuen Flughafens Tempelhof ausgewählte Architekt, als Treuebeweis zu den nationalsozialistischen Phantasmen den Masterplan für das Projekt räumlich am Kreuzberger Symbol orientierte und beide Orte damit ideologisch verknüpfte. Architektur im Auftrag eben.

Der Entwurf für den Weltflughafen datiert auf das Jahr 1934, mit dem Bau wurde 1936 begonnen. Neben dem zivilen Teil stand von vorneherein die militärische Nutzung im Vordergrund. Schließlich finanzierte Görings Reichsluftfahrtministerium das Ganze. Bis 1939 wurde ein Teil des Vorhabens realisiert. In den Kriegsjahren dienten die bis dahin errichteten Gebäudeteile sowie unterirdische Nutzflächen nicht nur der Luftwaffe, sondern auch für die Rüstungsproduktion. Der Einsatz von Zwangsarbeitern ist belegt. Einen Flugbetrieb gab es bis Kriegsende ausschließlich unter militärischen Vorzeichen.

Nach der Luftbrücke 1948/49 sowie dem Bau der Berliner Mauer 1961 erfolgte die Fertigstellung der Flughafengebäude in modifizierter Form, insbesondere hinsichtlich des für den Passagierbetrieb vorgesehenen Bereiches der Haupthalle. Fortan galt Tempelhof neben der militärischen Nutzung durch die US Air Force als Zentralflughafen für den zivilen Luftverkehr zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet. Einige Jahre nach dem Mauerfall wurde der Betrieb eingestellt und nach Tegel verlagert. Seitdem wird über die künftige Nutzung des Areals sowie des Gebäudekomplexes diskutiert.

Soweit die Geschichte des Flughafens in Kurzfassung. Sie ist gut dokumentiert und lässt sich in zahlreichen, im Netz abrufbaren Quellen nachverfolgen. Das Besucherzentrum mit angeschlossener Ausstellung ist ebenfalls empfehlenswert, coronabedingt allerdings momentan geschlossen.

Eine Herausforderung stellt auch in Zukunft die ambivalente Bauästhetik dar. Einerseits ist der Gesamtkomplex höchst funktional konzipiert und bildet mit seiner Modernität, wie der Architekt Norman Foster feststellte, die Mutter aller Flughäfen. Auf der anderen Seite führt kein Weg an einer Auseinandersetzung mit dem monströsen Brutalismus der Nordwestfassade vorbei. Dieser lässt sich bei einer Gesamtwürdigung des Baudenkmals Flughafen Tempelhof nicht ausklammern.

Einige Fotografien machen, losgelöst von allen Funktionalaspekten, die problematische Ästhetik der Architektur deutlich.

Die Gebäude sind geprägt durch Stilelemente, die auch bei anderen Repräsentationsbauten aus der Nazizeit zu finden sind, etwa im ehemaligen Reichsluftfahrtministerium (heute Sitz des Bundesfinanzministeriums), im Olympiastadion, im früheren Gauforum Weimar (heute Sitz von Verwaltungsbehörden des Landes Thüringen), bei den Gebäuden des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg oder der KdF-Anlage Prora. Häufig sind es Fassaden mit Natursteinverkleidungen, rigide durchgehaltene Geometrien, monotone Fensterreihen, kreuzgangähnliche Unterbauungen mit strenger Formwiederholung, die eine Orientierung an klassischen Mustern suggerieren wollen, und Insignien wie der Reichsadler, die an prominenten Gebäudestellen positioniert sind, um unmissverständlich klarzustellen, dass sie einen staatlichen Repräsentationsbau zieren.

Die einstmals eingefügten Hakenkreuze sind entfernt, der ursprüngliche Geist der Architektur hat sich dadurch jedoch nicht vollständig aufgelöst. Dazu tragen Baukörperelemente bei, die durch pure Masse beeindrucken wollen. Nicht zufällig weisen die gewaltigen Treppenhäuser, die den Gesamtbau rechts und linke des Zentralbereiches strukturieren, den Charakter von Wehrtürmen auf. Um nichts weniger als Machtdemonstration ging es. Die aggressive Monumentalität verknüpft sich mit der Botschaft, dass dem Individuum keine Bedeutung zukommt. Menschliche Kollektivmasse und machtvolle Baumasse korrespondieren. Um die Anlehnung an eine klassische Formensprache ging es Ernst Sagebiel bei der Planung für die Gebäude jedenfalls nur vordergründig. Den Stil neoklasssizistisch zu nennen, scheint deshalb unangemessen. Wenn überhaupt, wäre totalitärer Klassizismus angemessener.

 

Zurück