Eines der umfangreichsten Bauprojekte im Berlin der Nachkriegszeit war neben der Stalinallee im Ostteil (später Karl-Marx-Allee) die Neukonzeption des Hansaviertels im Westen. Beide Ansätze spiegeln unterschiedliche architektonische Paradigmen wider. Waren die Bauten der Stalinallee eine Mischung aus sozialistischem Klassizismus nach sowjetischem Vorbild und preußischem Schinkelstil, wurde das Hansaviertel als prototypisch für das Neue Bauen der Moderne konzipiert.

Den Rahmen bildete die Interbau 1957. Das weitgehend kriegszerstörte Areal sollte unter Verzicht auf die Wiederherstellung der ursprünglichen Straßenrandbebauung vollkommen neugestaltet werden. Eingeladen waren mehr als 50 Architekten, unter ihnen Walter Gropius, Alvar Aalto, Egon Eiermann, Oscar Niemeyer, Max Taut oder Werner Düttmann.

Die schließlich realisierte Planung mit insgesamt über 1200 Wohnungen umfasste Hochhäuser, Wohnzeilen, kleinere Einzelbauten, ein Einkaufszentrum sowie eine Bibliothek und zwei Kirchen, alles in Anlehnung an die Idee der aufgelockerten Stadt und verbunden durch ausgedehnte Grünflächen. Hinzu kam, etwas später fertiggestellt, die Akademie der Künste mit dem angeschlossenen Studio für elektronische Musik, dieses im markanten Spitzdachbau.

Durchstreift man das Hansaviertel, wirkt die urbane Quartiersqualität auch heute überzeugend. Individuell gestaltete Bauten, interessante architektonische Detaillösungen, die Mischung aus Hochhäusern, Zeilengebäuden und kleineren Einzelbauten sowie die Akademie und die Bibliothek, nicht zuletzt das Grün des Tiergartenbiotops wirken in ihrer Gesamtheit sozial verträglich und ästhetisch attraktiv.

Dass hier und dort Sanierungsbedarfe erkennbar sind und das Einkaufszentrum mit seinem integrierten U-Bahnhof einen etwas ramponierten Charakter aufweist, ist den Verwertungslogiken der Immobilieneigentümer und den sozialen Problembedingungen der Stadt geschuldet. Die das Gesamtensemble prägende Gestaltungsidee wird hierdurch nicht in Frage gestellt. Das Hansaviertel ist ein funktionierender urbaner Ort.

Detaillierte Sichten auf das Konzept der Interbau 1957 und das Hansaviertel bietet mit vielen Informationen und Bildbeispielen die Website Hansaviertel Berlin.

Die hier gezeigten eigenen Fotografien sind in diesem Jahr entstanden. Ohne Anspruch auf erschöpfende Wiedergabe der pluralen Architektur bilden sie einen impressionistischen Mix zur Idee Hansaviertel.

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Das Hansaviertel