Objektiv. Eigenschaften und Nebenwirkungen

Veröffentlicht: 2019 (zuerst 2017) 
Autor: Ulrich Metzmacher
Version: 2.0

Die Auffassung, gute Fotografien seien eher mit Festbrennweiten als mit Zoomobjektiven zu erzielen, wird nicht selten als elitärer Standpunkt betrachtet. Aber ist vielleicht doch etwas dran an der These? Und, wenn ja, durch welche Eigenschaften und Nebenwirkungen zeichnen sich beide Objektivtypen aus? Wie beeinflussen sie das Sehen und Gestalten? Auch subjektive Vorlieben spielen eine Rolle. So bevorzugen wir an manchen Tagen, nicht nur aus sachlichen Gründen, eine handfeste Spiegelreflex- oder gar Mittelformatkamera, bei anderen Gelegenheiten hingegen Messsucher- oder Systemkameras. Auch das Smartphone darf zum Einsatz kommen. Alle Techniken bieten, je nach Aufgabenstellung, Vor- und Nachteile. Gleiches gilt für die Objektivwahl. Mal bevorzugen wir das Zoom, mal das klassische Objektiv mit fester Brennweite. Für die Wahl der richtigen Technik gibt es bei vielen Anwendungen keine festen Gesetze. Und dennoch weisen die Objektivtypen einige Unterschiede auf, die man kennen sollte.

Die beständige Reflexion des eigenen Seins und Handelns ist weder im Alltag noch beim Fotografieren sinnvoll. Ein Übermaß an Selbstkontrolle steht dem spontanen und intuitiven Erfassen einer Situation im Wege, und je mehr man bestimmte Handlungen automatisiert, ohne im Detail über sie nachdenken zu müssen, umso zügiger und unverkrampfter kann gehandelt werden. Wer einmal das Gitarrespielen erlernt hat, der kennt die Anfängerschwierigkeiten mit den beiden Händen. Sind jedoch nach fleißigem Üben die Griffe in das Vorbewusste eingedrungen, ist das Sortieren der Finger nicht mehr nötig und das flüssige Spiel hat begonnen. Man darf davon ausgehen, dass Vergleichbares auch für das Fotografieren gilt. Während bei der Landschaftsaufnahme und der Portraitserie im Studio durchaus Zeit vergehen darf, bis die korrekten Einstellungen und der richtige Bildausschnitt gefunden sind, ist dies bei der schnellen Fotografie nicht der Fall. Diese lebt von der entscheidenden Sekunde. Zeit für lange Überlegungen gibt es nicht, denn es sind flüchtige Phänomene, die sich nur kurz zeigen und dann auch schon wieder vorüber sind. Im glücklichen Fall erfasst man solche Situationen intuitiv und ahnt, dass es eine gute Aufnahme geworden ist.

Nur wenige Fotografien weisen einen nachhaltigen Charakter auf, der in Erinnerung bleibt. Aber es gibt sie, die überzeugend komponierten Bilder und die ultimativen Schnappschüsse. Verantwortlich, gerade bei den Letzteren, ist nahezu immer ein Mix aus eingeübter Technik, automatisierten Handlungsabläufen, einem intuitiven Gefühl für die Bildgestaltung, dem Instinkt für den richtigen Augenblick und, nicht zu vergessen, auch Glück. Geplantes, Geübtes und Intuitives treffen im Augenblick der Aufnahme zusammen. Wird ein Zoomobjektiv eingesetzt, kommt eine weitere Variable hinzu. Während bei der Festbrennweite eine der wichtigsten Festlegungen, nämlich die Wahl des objektivabhängigen Bildwinkels, im Vorfeld getroffen wurde, wird er beim Zoom häufig erst kurz vor dem Auslösen festgelegt. Dieser Unterschied kann für die Bildgestaltung entscheidend werden.

 

Allzeit bereit

Auf den ersten Blick spricht vieles für den Vorteil des Zoomobjektivs. Es bietet maximale Flexibilität, da der Bildausschnitt innerhalb einer bestimmten Bandbreite ohne Veränderung des eigenen Standortes angepasst werden kann. Darüber hinaus freut sich der Rücken, wenn er nicht durch eine Tasche voller Objektive belastet wird. Insbesondere bei der Sport- oder Tierfotografie bietet ein lichtstarkes, dann allerdings auch gewichtiges Telezoom unbestrittene Vorteile, da es oft schnell gehen muss. Jeder Objektivwechsel kann da schon einer zu viel sein. Ähnliches scheint auf den ersten Blick für die Reportagefotografie zu gelten. Wer im dichten Gedränge mit einem Zoom unterwegs ist, braucht sich bei Voreinstellung der passenden Blende nicht viel Gedanken um die Tiefenschärfe zu machen und kann sich auf die Wahl der Brennweite konzentrieren. Die Automatik erledigt den Rest. In manchen Situationen mag sich diese Variabilität allerdings auch als Nachteil erweisen, denn es ist keinesfalls sicher, dass der optimale Bildausschnitt zügig gefunden wird. Das Ergebnis ist ein langweiliges Bild ohne erkennbares Gestaltungsprinzip. Ein Zoom verleitet nun einmal zur Bequemlichkeit und zum Ersetzen bildgestaltender Überlegungen durch das Drehen am Objektivring. Das Konzeptionelle bleibt auf der Strecke und die Auswirkungen der Bildwinkelveränderung werden nicht ausreichend reflektiert. Darüber hinaus besteht die Gefahr der Unschlüssigkeit. Während des Blicks durch den Sucher wird die Brennweite verändert, mal rückt das Motiv näher, mal ist es ferner, es gibt hier eine attraktive Perspektive, dort eine, und am Ende ist unklar, für welche Variante man sich entscheiden soll. Gewonnen ist nichts, und die Qual der Wahl hat zur verpassten Aufnahme geführt.

Wird statt des Zooms mit einer Festbrennweite gearbeitet, stellt sich zwar gleichermaßen die Frage nach dem richtigen Bildausschnitt, aber der Aufnahmewinkel ist bereits definiert und kann ohne Objektivwechsel nicht verändert werden. Soll das Motiv größer oder kleiner wiedergegeben werden, müssen die Füße benutzt werden. Wird dies berücksichtigt und ist der Standort richtig gewählt, ist die Festbrennweite am Ende schneller als das Zoom mit seiner potentiell zeitraubenden Auswahlmöglichkeit. Henri Cartier-Bresson oder Robert Capa waren sich der Eigenschaften ihres Objektivs völlig bewusst und konnten die feste Brennweite intuitiv einsetzen. Automatiken gab es noch nicht. Entfernungsbereich, Verschlusszeit und Blende meist voreingestellt, nahmen sie die wichtigen Motivelemente unmittelbar wahr, warteten auf den richtigen Augenblick und lösten dann konzentriert als Ausdruck einer zen-mäßigen Beziehung zwischen ihnen und dem Motiv aus. War das Bild trotzdem nicht gelungen, so mochte das, wie Capa meinte, daran gelegen haben, dass man nicht nahe genug dran war. Ein Zoom hätte das Problem jedoch auch nicht gelöst, weil seine Indifferenz dem Gebrauch der Kamera als einem verlängerten Auge auf grundsätzliche Weise im Wege steht. Genau darum geht es jedoch, der Herstellung einer organischen Beziehung zwischen Fotograf und Kamera.

Für die Straßenfotografie ist statt voluminöser Technik mit riesigem Equipment eine unauffällige Kamera besser geeignet. Mit ihr wird man meist als harmloser Knipser eingestuft, dem keine Beachtung geschenkt wird. So ist es sogar sinnvoll, auf die Streulichtblende zu verzichten, weil durch diese die Kamera auffälliger wird. Den gleichen Effekt ruft das, in der Regel größere, Zoom hervor. Die schnelle Straßenfotografie ist deshalb schon immer eine Domäne der kleineren Festbrennweite gewesen. Fotografiert man ohne Blick durch den Sucher aus der Hüfte, ist sowieso ausschließlich diese geeignet. Man ahnt allerdings nur, was sich im Bild befindet, und muss ein Gefühl dafür entwickelt haben, welchen brennweitenbedingten Bildwinkel das gerade genutzte Objektiv aufweist. Und dabei macht es durchaus einen Unterschied, ob ein 24-mm oder ein 50-mm Objektiv verwendet wird. Fotografiert man jedoch eine Zeit lang mit ein und demselben Objektiv, so verbessert sich das Gespür für dessen Bildwinkel. Unstrittig ist, dass ein Zoomobjektiv für das Fotografieren aus der Hüfte überhaupt nicht geeignet ist, da man kein Empfinden für die gerade eingestellte Brennweite hat. Das Tri-Elmar von Leica hat diese Problematik im Übrigen berücksichtigt und stellt einen Kompromiss dar, denn es vereint drei fest einstellbare Weitwinkelbrennweiten, ist jedoch kein Zoom im klassischen Sinn.

Auch wenn es nicht um die unmittelbare und spontane Reaktion geht wie bei der Straßenfotografie, sondern um das gestaltende Fotografieren, weist die Festbrennweite Vorteile auf. Man arbeitet mit ihr zwar meist langsamer und das Motiv muss in vielen Fällen umrundet werden, bis die richtige Perspektive gefunden ist. Die Bildgestaltung findet so eine stärkere Beachtung als bei der Verwendung eines Zooms. Der Effekt potenziert sich, wenn analog fotografiert wird. Einen Negativfilm mit 36 Aufnahmen wird man sich sorgfältig einteilen, während auf der digitalen Speicherkarte große Datenmengen festgehalten werden können und so das ungehemmte Auslösen gefördert wird. Kostet ja nichts, und der Ausschuss kann ohne Probleme gelöscht werden.

Eine erste Zwischenbilanz fällt ambivalent aus. Unter dem Gesichtspunkt der Schnelligkeit bietet die Festbrennweite im Nahbereich unbestrittene Vorteile. Viel Zeit zur Bildgestaltung ist häufig nicht vorhanden, und die Wahl der passenden Brennweite würde beim Zoom eine zusätzliche Verzögerung bedeuten. Der Schnelligkeitsvorteil relativiert sich hingegen beim gestaltenden Fotografieren statischer Motive. Mitunter wird für die Wahl des passenden Aufnahmestandpunktes mit der Festbrennweite mehr Zeit benötigt als bei der Verwendung eines Zooms.

 

Physische und optische Distanz

Das Objektiv mit Festbrennweite trägt zum bewussten Gestalten bei, da sich der Fotograf aktiv in Beziehung zum Motiv setzen und gegebenenfalls bis zum Erreichen des optimalen Aufnahmestandpunktes seine Position verändern muss. Bei der Verwendung eines Zooms bleibt die reale Entfernung zum Objekt hingegen konstant. Die Distanz wird durch Drehen am Brennweitenring lediglich optisch vergrößert oder verkleinert. Beide Vorgehensweisen haben unterschiedliche Auswirkungen auf das mentale Geschehen im Kopf des Fotografen.

Zwischenbemerkung: Unsere Überlegungen gelten für die analoge Fotografie ohne Einschränkung. Nutzt man hingegen mit einer digitalen Kamera nicht deren Sucher, sondern den rückwärtigen Monitor, gelten andere Bedingungen. Wir konzentrieren uns im Folgenden auf die klassische Verwendung des Suchers, egal ob analog oder digital. Für die Fotografie mit dem Smartphone gelten ohnehin andere Bedingungen.

Festbrennweiten weisen eine stabile Synchronität der physischen und optischen Distanz zwischen Motiv und Fotograf auf. Entfernt er sich vom Objekt, wird dieses kleiner abgebildet, nähert er sich, wird es größer. Was wir von Kindheit an im Rahmen unserer visuellen Sozialisation erlernt haben, deckt sich mit dieser Erfahrung. Je näher wir einem Gegenstand sind, umso größer erscheint er uns. Da beim Fotografieren mit der Festbrennweite ein konstantes Verhältnis von physischer und optischer Entfernung besteht, verfügt der Fotograf jederzeit, auch beim Blick durch den Kamerasucher, über eine kognitive Vorstellung von der realen Größe der Objekte. Diese Vorstellung bildet sich, indem das Motiv zunächst ohne Kamera betrachtet wird und so ein Wissen bezüglich seiner Größe und Entfernung entsteht. Wenn dann zur Gestaltung des Bildausschnitts der Sucher genutzt wird, steht als kognitiver Maßstab das zuvor gespeicherte Realbild zur Verfügung. Wird die Brennweite durch einen Wechsel des Objektivs verändert, schaltet das Gehirn auf die neue Situation um. Zunächst erfolgt wieder der Blick auf das Motiv, dann durch den Sucher, diesmal jedoch aufgrund der neuen Brennweite mit einem anderen Bildausschnitt und dennoch der zuvor gebildeten kognitiven Repräsentanz der Realität. Betrachtet man die gesamte Prozesskette, so baut sich beim Objektivwechsel zunächst eine interne Wahrnehmungsformel bei der Nutzung der ersten Brennweite auf, anschließend erfolgt eine Neutralisierung und schließlich entwickelt sich bei der Verwendung der zweiten Brennweite eine neue Formel. Es handelt sich um einen klar strukturierten Prozess mit abgegrenzten Phasen.

Beim Zoomen entfällt die durch den Objektivwechsel bedingte Unterbrechung der internen Verarbeitung. Hier bleibt die reale Distanz zwischen Fotograf und Motiv konstant, es ändert sich jedoch ohne zwischengeschaltete Neutralisierung die im Sucher wahrgenommene Entfernung. Die für Objektive mit fester Brennweite typische Synchronisierung von optischer und physischer Entfernung hebt sich beim Zoomobjektiv somit auf. Zwar weiß das Gehirn, dass sich bei der dynamischen Veränderung der Brennweite nicht auch die Wirklichkeit verändert, wenn im Sucher die Gegenstände kleiner oder größer werden, dennoch entsteht eine kognitive Dissonanz. Im Vergleich zum Fotografieren mit der Festbrennweite wird das Bewusstsein für die tatsächliche Distanz zum Objekt geschwächt.

Durch Zoomen verändert sich der Bildwinkel des im Sucher Gezeigten. Dieser ist bei der Weitwinkeleinstellung deutlich größer als bei der Telebrennweite. Die vertraute Zentralperspektive führt lediglich beim Normalobjektiv, das ungefähr dem Blickwinkel des menschlichen Sehens entspricht, zu einer proportional natürlichen Abbildung der Objekte. Während dies beim Wechsel zweier Objektive mit Festbrennweite unmittelbar bewusst wird, findet die Veränderung beim Zoom schleichend statt und wird weniger reflektiert wahrgenommen. Beim Zoomen von 20 auf 50 mm ändert sich, bezogen auf das Kleinbildformat, der Bildwinkel von 95 auf 48 Grad und halbiert sich damit. Die Änderung von 200 auf 400 mm bringt zwar ebenfalls eine Verdoppelung der Brennweite mit sich, in diesem Fall beträgt die Differenz des Bildwinkels jedoch gerade einmal sechs Grad. Die Brennweitenveränderung vom Weitwinkel- in den Normalbereich hat deshalb erhebliche Folgen für die Bildanmutung, während selbst starke Veränderungen im Telebereich vergleichsweise geringe Auswirkungen mit sich bringen.

Für die Gestaltung bedeutet dies, dass der Wahrnehmungsmodus des Fotografen beim Telezoom nicht grundlegend verändert werden muss, um ihn der jeweiligen Brennweite anzupassen. Die Verwendung von Zoomobjektiven im Standardbereich von etwa 24 bis 70 mm stellt hingegen höhere mentale Anforderungen. Hier bringt das Drehen am Zoomring deutlich unterschiedliche Bildwirkungen von nach außen fliegenden Ecken bis zur leichten Telewirkung mit sich, so dass es mit einem einzigen kognitiven Modus der Bildgestaltung nicht getan ist. Mehr noch, in der Regel wird bei Verwendung eines Zooms nicht explizit reflektiert, dass unterschiedliche Bildwinkel auch unterschiedliche Anforderungen hinsichtlich der Bildkomposition mit sich bringen. Beim Weitwinkelobjektiv steht die Raumwirkung im Vordergrund, beim Tele die Flächenwirkung. Problematisch sind deshalb Ultrazooms mit ihrem Extremunterschied zwischen Weitwinkeleinstellung und maximaler Telebrennweite. Allzu schnell führt es zu kognitiver Unruhe, wenn die Sicht auf die Welt kurzerhand mit einer raschen Drehbewegung von der Raumflucht zur Raumverdichtung verschoben wird.

Reine Telezooms sind aufgrund der engen Bildwinkeldifferenzen weniger kritisch, da bei allen Brennweiteneinstellungen der gleiche mentale Modus zur Anwendung kommt. Vergleichbares gilt für reine Weitwinkelzooms. Deren Bildwinkelunterschiede zwischen den Extremeinstellungen sind zwar erheblich, aber ihr Sichtfeld ist durchgängig größer als das des menschlichen Blickes. Die Fliehkräfte sind lediglich mehr oder weniger stark ausgeprägt.

Zoomobjektive fördern eine Haltung, sich als Zentrum der Welt zu begreifen und diese so herbeizuzaubern, wie man sie gerne hätte. Einmal am Objektiv gedreht, und die Umgebung ist, ohne dass man sich selbst bewegen muss, auf das gewünschte Format gebracht. Bei der Festbrennweite ist der Respekt vor dem Motiv ausgeprägter. Man nähert sich diesem oder bleibt in größerer Entfernung, je nachdem, was die Bildidee oder die Situation verlangt. Darüber hinaus korrespondiert die Erfahrung der Synchronität von optischer und physischer Entfernung zwischen dem Fotografen und seinem Objekt mit dem Wissen um die eigene, aber auch die der fremden Fluchtdistanz.

In der Regel verspüren wir recht genau, welche Nähe zu anderen Menschen als sozial adäquat empfunden wird. Umgekehrt haben wir ein instinktives Gefühl für nicht mehr angemessene Nähe. Will man deshalb in der ungefährlichen Distanz, vielleicht sogar unentdeckt bleiben, neigt man zur Verwendung eines Teleobjektivs. Und auch das Zoomobjektiv verleitet dazu, die etwas längere Brennweite zu nutzen, weil so das Fotografieren gemütlicher ist. Sucht man hingegen mit einer Normalbrennweite oder dem Weitwinkelobjektiv die direkte Begegnung, so verlässt man den eigenen Wohlfühlbereich und testet sich sowie seine Umwelt. Man nimmt in Kauf, in das Distanzfeld der Menschen vor der Kamera einzudringen, und riskiert, dass es unbequem wird. Aber so entstehen häufig die interessanteren Bilder. Die kurze Brennweite ist für die Abbildung atmosphärisch dichter Situationen durch die Nähe zum Motiv nun einmal besser geeignet.

 

Raumkonzept versus Flächengestaltung

Der fotografische Blick greift aus der Menge der möglichen Wirklichkeitssichten eine bestimmte Variante heraus, um genau diese als Bild festzuhalten. Stets handelt es sich dabei um einen kontingenten Prozess, da die Entscheidung auch zugunsten einer anderen Variante hätte ausfallen können. Die Wirklichkeit spiegelt sich eben nicht neutral auf dem Film oder dem Sensor wider, sondern es können durch die Wahl der Brennweite, die Verwendung spezifischer Blenden- und Verschlusszeiten, durch die Setzung des Schärfepunktes, durch Weißabgleich und Kontraststeuerung sowie eine Reihe weiterer Einstellmöglichkeiten von einem einzigen Aufnahmestandpunkt nahezu unendlich viele verschiedene Aufnahmen gemacht werden. Fotografie hat deshalb nicht viel mit Objektivität zu tun. Hinzu kommt, dass beim Fotografieren eine dreidimensionale Wirklichkeit in eine zweidimensionale Fläche verwandelt wird. Das Bild ist immer eine Konstruktion und Ergebnis eines aktiven Gestaltungsprozesses.

Der Betätigung des Kameraauslösers geht ein Prozess des Suchens und Sehens voraus. Motive sind nicht einfach da, sondern sie müssen entdeckt und auf eine bestimmte Weise im Sucher angeordnet werden. Noch vor der eigentlichen Gestaltung findet die Festlegung statt, was überhaupt fotografiert werden soll. Um durch die unendliche Komplexität der möglichen Wirklichkeitsbilder nicht überfordert zu werden, nimmt man in der Regel eine Eingrenzung auf bestimmte Motive, Genres oder Szenen vor. So kann man vorzugsweise Straßenszenen mit Menschen aufnehmen, oder man entscheidet sich, ausschließlich farbintensive abstrakte Motive zu fotografieren. Die Konzentration auf nur eine der Möglichkeiten ist sinnvoll, weil kaum beides gleichzeitig geht. Genauso schwierig ist es, parallel in Schwarzweiß und Farbe zu fotografieren. Die Gestaltungsprinzipien sind unterschiedlich, und die Umgebung lässt sich nicht mit einem Schwarzweißblick und im gleichen Moment mit einem Farbraster scannen.

Neben der Motivfestlegung stellt sich die Stilfrage. Wird ein abstrakter, grafisch anmutender oder technizistischer Stil angestrebt, folgt daraus ein anderes Vorgehen als bei der dokumentierenden Reportagefotografie. Zwischen Abstraktion und Dokumentation, Farbigkeit und Tonwertreduktion oder zwischen Kleinbildschnelligkeit und aufwändiger Studiofotografie liegen Welten. Darüber hinaus geht es um die Frage, ob das Bild eine räumliche Tiefe illusionieren soll und deshalb Wert auf perspektivische Wirkung zu legen ist oder ob die aus der abstrakten Malerei bekannten, flächig orientierten Gestaltungsregeln im Vordergrund stehen.

Soll eine Fotografie den Eindruck räumlicher Tiefe vermitteln, muss die dritte Dimension suggeriert werden. Das kann durch die klassische Bildaufteilung in Vorder-, Mittel- und Hintergrund, differenzierte Licht- und Schattenwirkungen oder, nicht zuletzt, durch zentralperspektivische Fluchtlinien geschehen. Je kürzer die Brennweite des Objektivs und je größer sein Bildwinkel, umso intensiver wird der Blick entlang der Fluchtlinien in die Tiefe gezogen. Weitwinkelobjektive stehen deshalb von ihrem Charakter her für die Gestaltung räumlich orientierter Aufnahmen. Bei ihnen werden die Gegenstände der verschiedenen Bildebenen aufgrund des großen Bildwinkels klar von vorne nach hinten gestaffelt und es ergibt sich eine Tiefenillusionierung. Ganz anders die Wirkung von Teleobjektiven. Hier werden die Gegenstände optisch verdichtet, die Raumwirkung zieht sich zusammen, und je länger die Brennweite, umso schwieriger wird die Abschätzung der realen Entfernung zwischen den räumlich gestaffelten Bildelementen. Bei Teleaufnahmen in der afrikanischen Savanne kann zum Beispiel kaum beurteilt werden, ob sich zwischen dem Löwen und dem dahinter stehenden Baum eine Distanz von fünfzig oder von zweihundert Metern auftut. Da perspektivische Fluchtlinien als haltgebende Elemente entfallen, werden hier andere Strukturierungen wichtig. Bei dem zur Fläche verdichteten Raum entwirft der Fotograf das Bild eher in einer Weise, wie sie dem Maler von der Arbeit an der Staffelei vertraut ist.

Raumorientierter Blick und flächenbezogene Bildaufteilung stehen sich idealtypisch gegenüber, auch wenn es im fotografischen Alltag Misch- und Zwischenformen gibt. Besonders deutlich werden die Unterschiede bei den zugrunde liegenden mentalen Prozessen, denn der fotografische Blick betrachtet die Wirklichkeit entweder unter einer räumlichen oder einer flächigen Perspektive. Am Ende werden im Übrigen aber meist genau solche Bilder entdeckt, die man gesucht hat. Es handelt sich um einen sich selbst verstärkender Prozess, der seinen Ausgangspunkt bei der Erwartungshaltung des Fotografen nimmt. Man sieht primär das, was man sehen möchte. Die Wahl der Brennweite ist deshalb keine triviale Angelegenheit. Weitwinkelobjektive stehen für Raumwirkung, Teleobjektive erfordern eine stärkere Beachtung der Flächenkomposition.

 

Die Lust am Subjektiven

Sofern nicht professionelle Auftragsfotografie betrieben wird, darf davon ausgegangen werden, dass sich die Themenstellungen je nach Lust und Laune ändern. Mal reizt die dynamische Straßenfotografie, mal ist es eher das wohlüberlegte oder inszenierte Fotografieren von Landschaften oder Stillleben. Entsprechend unterschiedlich ist die Technik. Bei der spontanen Straßenfotografie ist die kleine Kamera mit Festbrennweite angesagt, bei der durchdachten Bildgestaltung kann es hingegen durchaus das Zoom sein, wenn man sich die Zeit nimmt, dessen Eigenschaften zu berücksichtigen. Daneben spielen weitere Faktoren eine Rolle. Trotz des technischen Charakters handelt es sich beim Fotografieren um einen sinnlichen Vorgang, denn die Kamera zeichnet sich neben dem Gebrauchswert durch ihr Design und haptische Qualitäten aus. Sie ist nicht nur neutrales Werkzeug, sondern kann uns im positiven Fall sympathisch sein. Umgekehrt gibt es Kameras, die wir weniger mögen. Gleiches gilt für Objektive. Darüber hinaus müssen die Vorlieben nicht einmal jeden Tag die gleichen sein.

Die jeweilige Sympathie ist nicht selten das Ergebnis einer erfolgreichen Marketingstrategie des Kameraherstellers. Es gilt das gleiche Prinzip wie in der Mode. Wir fühlen uns von Dingen angezogen, die zur gleichen Zeit zufällig auch von anderen Menschen als attraktiv betrachtet werden. Modetrends und Vermarktungsstrategien hängen eng miteinander zusammen, und obwohl dies den meisten Menschen bewusst ist, sind sie nicht frei von einer sinnlichen Beziehung zu dem attraktiven Produkt. Dass die Sympathien mitunter nur von begrenzter Dauer sind und regelmäßig durch neue Modelle mit noch besseren Features in Frage gestellt werden, ist eine andere Geschichte. Aber gerade bei Kameras und Objektiven gelingt es den Herstellern immer wieder, das jeweils aktuelle Produkt als Meilenstein der technischen Entwicklung anzupreisen. Auch wenn es diese Verbesserungen fraglos gibt, für viele Bereiche der praktischen Alltagsfotografie, auch der ambitionierten und professionellen Fotografie, sind die jährlichen Produktzyklen im bildlichen Ergebnis kaum mehr nachvollziehbar. Einige Ausnahmen gibt es, etwa bei der Sensortechnologie, die das Fotografieren bei schlechten Lichtverhältnissen auf signifikante Weise verbessert hat. Solche Entwicklungen wird es auch in Zukunft geben.

Es gibt einen Sympathiefaktor, der primär mit den Leistungsmerkmalen einer Kamera zu tun hat, darüber hinaus aber auch eine irrationale, sinnliche Dimension aufweist. In der professionellen Praxis stehen klar die technischen Aspekte im Vordergrund. Für spezifische Einsatzzwecke in der Studio-, Werbe-, Sport- oder wissenschaftlichen Laborfotografie haben sich bestimmte Kameratypen als besonders geeignet erwiesen. Ansonsten jedoch gibt es eine große Auswahlmöglichkeit an Kameras und Objektiven, die mit annähernd gleichem Ergebnis eingesetzt werden können. Und genau an dieser Stelle kommt das subjektive Gefühl ins Spiel. Es gibt Zeiten, in denen fotografiert man bevorzugt mit einer kleinen unauffälligen Kamera und ein oder zwei Wechselobjektiven in der Jackentasche. Zu anderen Zeiten arbeitet man lieber mit dem großen Equipment. Alles ist möglich, und alles ist erlaubt. So mancher berühmte Fotograf hat schon bekannt, dass er bei Streifzügen durch die Stadt ausschließlich eine kleine Kompaktkamera nutzt, die ihm genau die Bilder ermöglicht, die er sich vorstellt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach dem Zoomobjektiv und der Festbrennweite noch einmal neu. Einige Bequemlichkeitsgründe sprechen für den Einsatz des variablen Objektivs. Deutlich ist aber auch geworden, dass die bewusste Bildgestaltung durch Festbrennweiten gefördert wird. Das Zoom macht ein wenig bequem, weil es die aktive Gestaltung einschränkt und dazu verlockt, in einen mentalen Schnappschussmodus zu verfallen. Seine Schnelligkeit mag vordergründig von Vorteil sein, aber man sieht zahlreichen Bildern das spontane Entstehen und das Fehlen einer wirklich überzeugenden Idee an. Trotzdem ist das Zoom eine tolle Sache, wenn man sich die potentiellen Nebenwirkungen vor Augen hält. Schließlich kann man das Motiv, wie ja auch mit der Festbrennweite, so lange umkreisen, bis der richtige Standort und der richtige Bildwinkel gefunden sind. Nur gibt es eben eine Variable mehr, die unter Kontrolle zu bringen ist. Eine klare, eindeutige Antwort auf die Frage nach den Vor- und Nachteilen gibt es also nicht. Aber wenn man sich unwiderruflich zwischen einem Zoomobjektiv oder zwei, drei Festbrennweiten entscheiden müsste, dann vielleicht ja doch.

 

© Ulrich Metzmacher 2019