Wolfgang Tillmans in der Tate Modern

von Ulrich Metzmacher

„I had to completely re-learn how to make pictures.“ So fasste Tillmans einmal die Herausforderungen zusammen, die sich durch die digitale Fotografie ergaben. Er selbst hat sich systematisch erst relativ spät mit ihr beschäftigt und unmittelbar verstanden, dass es nicht nur um die Berücksichtigung neuer technikbedingter Aspekte ging. Wer sich mit den Entstehungsbedingungen des fotografischen Bildes befasst, kommt um die Auseinandersetzung mit den Folgen dieses gravierenden technologischen Paradigmenwechsels nicht herum.

Für den Hobbyknipser mag es ziemlich egal sein, dass in den letzten Jahrzehnten der analoge Film durch den digitalen Sensor abgelöst wurde. Tillmans erinnert mit der Formulierung to make pictures jedoch daran, dass durch den Prozess der Digitalisierung Dinge berührt sind, die uns auffordern, grundsätzlich über den Informationsgehalt eines Bildes nachzudenken. Denn es handelt sich, es muss daran erinnert werden, beim fotografischen Gestalten um einen aktiven Prozess des Machens, um nichts sonst. Eine Fotografie ist kein Abziehbild der uns umgebenden Realität, sondern Ergebnis einer bestimmten Sichtweise auf diese. Und digitale Bilder sind darüber hinaus von ihrer Substanz her anders als analoge.

Die Londoner Tate Modern widmet Tillmans gegenwärtig eine große Einzelausstellung, die in mehr als einem Dutzend Räumen einen Querschnitt seines Werkes aus den Jahren 2003 bis heute zeigt. Das geht von subkulturellen Szenefotografien über Portraits und Abstraktes aus der „Freischwimmer“-Serie bis hin zu einigem inzwischen ikonografisch Gewordenen wie etwa das an Rodins Denker erinnernde „Anders pulling splinter from his foot“ aus dem Jahr 2004. Beispiele für Tillmans Video- und Musikprojekte sind ebenfalls vertreten. Das Ganze changiert - mal als Bild, mal als Installation - zwischen Lifestyle, Subkultur und großformatiger Museumskunst. Fotografisch wird so das multidimensionale Lebensgefühl einer Generation ausgedrückt, das eben nicht mit einem einzigen Stilmittel erfasst werden kann. Das wirkt auf den ersten Blick subjektiv, hinterlässt am Ende aber auch einen dokumentierenden, zeitadäquaten Eindruck. Manches sieht aus wie spontan entstanden, nahezu beiläufig und ohne großen technischen Aufwand. Andere, nicht nur abstrakte Bilder sind hingegen erkennbar das Ergebnis exakter Planung oder, ganz im Gegenteil, ein zufallsgetriggertes Produkt. Wie schon László Moholy-Nagy zu einer ganz anderen Zeit, zeigt Wolfgang Tillmans Bilder, die ohne Einsatz der Kamera und allein durch Belichtung von Fotopapier in der Dunkelkammer entstanden sind. Reproduziertes wie Fotokopien, Collagearbeiten und auch ein Querschnitt seiner Buchpublikationen sind ebenfalls Bestandteile der Ausstellung. Das Ganze in der Tillmans-typischen Anordnung, ausgelegt in Vitrinen und arrangiert an den Raumwänden.

Wolfgang Tillmans versteht seine Ausstellungen als Installationen, und man spürt, dass er selbst die Hängung der Bilder bestimmt hat. Da gibt es die kleinformatigen Fotografien, die mit Klebestreifen direkt an der Wand befestigt sind, oder die großen Werke, die, ebenfalls rahmenlos, nur mit Klemmen ihren Halt finden. Stets geht es um das Gesamtfeeling, das sich durch das Environment der einzelnen Räume beim Betrachter einstellt. Die Bilder sind auf diese bestimmte Weise einzig in der Ausstellungssituation miteinander vereint, nach Ende der Veranstaltung ist alles vorbei. Das erinnert ein wenig auch an eine temporäre Performance und ist, natürlich, als Botschaft zu verstehen.

Tillmans unterscheidet sich von anderen Großfotografen wie Gursky oder Struth, weil er immer wieder das Subkulturelle, auch Politische jenseits der Kunstfotografie zeigt. Aber das auf den ersten Blick subversiv Erscheinende ist am Ende auch zu einem typischen Stilmittel geworden, dem Tillmans seinen – nicht zuletzt kommerziellen – Erfolg verdankt. Das ist ja im Übrigen nichts Schlimmes. Nur naive Gemüter können heutzutage weiterhin ein Bild der Kunst pflegen, das sich ausschließlich aus hochgeistigen, verwertungsfernen Motiven speist. Die gezielt gestaltete Anti-Kunst in Tillmans Kunst ist vielmehr so etwas wie episches Theater, das den Betrachter immer wieder daran erinnert, dass er es mit Fotografien, nicht jedoch mit der wirklichen Realität draußen vor dem Museum zu tun hat.

Wolfgang Tillmans hat stets eine gewisse Distanz zum Markt der Kunstspekulanten gepflegt, und nur so konnte sich ein Ruf subkultureller Authentizität entwickeln. Darüber hinaus wirkt alles durch die Pluralität der Bildsprachen explizit theoriefern. Folgerichtig hat ihm die ZEIT einmal attestiert, nie Mitglied einer Diskurssekte gewesen zu sein. Jedenfalls passt es zum nachpostmodernen Zeitgeist, eher pragmatisch, bunt und anscheinend beliebig mit den Dingen umzugehen als übermäßig verkopft, was bei manch anderen doch schnell rigide oder letztlich verklemmt daherkommt. Tillmans scheut es erkennbar nicht, mal als subversiver Wilder, mal als künstlerischer Avantgardist und mal als kommerziell Interessierter wahrgenommen zu werden. Für manchen mag das in der Tat wie Beliebigkeit aussehen. Ich sehe das nicht so. Wolfgang Tillmans erscheint mir als jemand, der in einer Zeit ohne letzte Wahrheiten dem Betrachter die Freiheit lässt, sich selbst ein Bild zu machen, und der seine Ausstellungen eher als impressionistische Angebote denn als Missionswerke versteht. Gleichwohl bleibt er selbst nicht meinungslos. Ob es die Stellungnahmen zum Brexit seiner Wahlheimat Großbritannien sind oder seine Beteiligung an verschiedenen Kampagnen, es ist alles andere als beliebig, was uns Tillmans anbietet.

Das gilt, meine ich, nicht zuletzt auch für sein Verständnis des Charakters der Fotografie als Medium. Bereits der erste Bildbeitrag nach den einführenden Vorworttexten des Ausstellungskatalogs bringt dies ohne Worte auf den Punkt, egal, ob er das selbst nun so beabsichtigt hat oder nicht. Tillmans mag sich zwar öffentlich von den Theoretikern ein Stück entfernt gehalten haben, aber das bedeutet ja nicht, dass auch der externe Blick die theoretische Reflexion vermeiden muss.

Es handelt sich bei dem genannten Bild im Ausstellungskatalog um eine klassische, mit der Kamera erstellte Schwarzweißfotografie, die anlässlich der 53. Biennale in Venedig im Jahr 2009 entstanden ist. Sie zeigt, nebeneinanderhängend, vier von Tillmans markanten Lighter-Objekten. Das sind, häufig monochrom gehaltene, gegenstandslose Bilder, die in einer geschlossenen Plexiglasbox hängen und deren Oberfläche durch Faltungen oder unregelmäßige Knicke die plane Fläche des zweidimensionalen Bildes aufgebrochen haben.

Die Katalogabbildung erinnert somit erstens daran, dass sie als Fotografie eine zweidimensionale schwarzweiße Darstellung einer dreidimensionalen farbigen Ursprungsrealität ist. Zweitens handelt es sich bei den Lightern selbst nicht um klassische, mit der Kamera erstellte Fotografien, sondern um Objekte, die, vergleichbar analogen Fotogrammen, direkt auf dem Papier entstanden sind. Drittens schließlich wird durch die Faltung der Lighter-Bilder die Raumdimension zurückerobert, die ansonsten sowohl bei der Fotografie wie auch bei der Belichtung des Fotopapiers auf Null gesetzt wird. Plötzlich ist die Räumlichkeit wieder existent, was durch die Plexiglasbox unterstrichen wird. Das Lighter-Objekt ist auf diese Weise mehr als ein klassisches Bild, das an der Wand hängt. Es ragt in den Raum und ist dadurch zur Skulptur geworden. Alle diese Aspekte verweisen auf diskursive Themen, die sich auf den Charakter der Fotografie beziehen. Ähnlich wie etwa Andreas Gursky, wenn auch auf eine gänzlich andere Weise, zwingt uns Wolfgang Tillmans so zur Beschäftigung mit der Frage, was denn eigentlich das Wesen eines fotografischen Bildes ausmacht, insbesondere im digitalen Zeitalter. Das Ganze ist eine großartige Ausstellung, übrigens konzipiert noch in der Zeit von Chris Dercon als Direktor der Tate Modern, der auch für den Ausstellungskatalog mitverantwortlich zeichnet.

Deshalb nebenbei: Natürlich hat Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne, entgegen allen Lordsiegelbewahrern, die am Rosa-Luxemburg-Platz am liebsten alles hübsch weiter so hätten wie bisher, eine Chance verdient, nicht nur aufgrund der grandiosen Ausstellung in London und seiner Zeit als Direktor der Tate Modern. So wie das Verständnis der Fotografie in einem beständigen Fluss bleibt, wird sich auch das Theater immer wieder neu erfinden. Stillstand wird es, selbst an der Volksbühne, nicht geben können. Liebe Theaterfreunde, seid nicht so ängstlich!

Empfehlung: Wer keine Gelegenheit hat, die Ausstellung zu besuchen (noch bis zum 11. Juni an der Themse), dem sei der Katalog „Wolfgang Tillmans: 2017“ empfohlen oder auch das in London und New York erschienene Phaidon Buch „Wolfgang Tillmans“, das seit dem Jahr 2014 in einer erweiterten Neuausgabe vorliegt. Die Website www.tillmans.co.uk bietet ebenfalls einen guten Überblick über das Werk.

Zurück