Wir nehmen kein Bild, wir machen es

von Ulrich Metzmacher

Gerät man in eine unübersichtliche Situation, neigt man dazu, sich vor dem weiteren Agieren erst einmal ein Bild von der Lage zu machen. Dieses aktive Machen beschreibt recht genau, um was es geht, nämlich die Strukturierung der zunächst unklaren Eindrücke, bis das Ganze einen Sinn bekommt. Dieser ergibt sich eben nicht aus dem vermeintlich objektiven Anschein einer Situation, sondern wird erst durch Zuschreibung generiert.

Wir interpretieren die Lage, machen uns ein Bild und geben dem Ganzen eine Bedeutung. Nichts anderes geschieht beim Fotografieren. Zwar kann eine Aufnahme, etwa mit dem Smartphone oder bei der schnellen Zufallsfotografie, nahezu automatisch erfolgen, in der Regel jedoch wird beim ambitionierten Fotografieren das Bild in Form von Gedanken über Ausschnitt, Brennweite, Schärfentiefe, Fokuspunkt und einige andere Parameter gestaltet. Das Bild wird nicht einfach genommen, sondern es wird gemacht.

Im Englischen beschreibt to take a picture den Vorgang des Fotografierens deshalb verkürzt. Im Deutschen ist der Ausdruck eine Aufnahme machen präziser, da in ihm der aktive Prozess des Gestaltens enthalten ist. Allerdings steckt im Begriff der Aufnahme auch hier noch ein Rest des Gedankens, es werde von der Wirklichkeit so etwas wie ein Lichtabdruck genommen. Das englischsprachige make yourself a picture ist hingegen mit dem Sinngehalt des mach Dir selbst ein Bild im Deutschen identisch. In beiden Fällen geht es darum, eine zunächst unklare Situation mit Sinn zu versehen. Das deutsche (sich) ein Bild machen ist im Englischen somit differenziert in to make a picture und to take a picture. Das Letztere ist aber, wie gesagt, dazu angetan, einen irreführenden Eindruck vom fotografischen Prozess zu erzeugen, weil es dem Bild einen Objektivitätscharakter zuzuschreiben, den es nicht hat. Eine Fotografie ist kein Abziehbildchen der Wirklichkeit. Aber auch im Englischen ist es möglich, dem Rechnung zu tragen und das aktive Gestalten im Prozess des Fotografierens auszudrücken, indem man es als to „make“ a picture bezeichnet und durch die Anführungszeichen deutlich macht, dass hier vom alltäglichen Sprachgebrauch, mit Hintersinn, abgewichen wird.

In verschiedenen fotosinn-Essays wird der Aspekt des Konstruierens von Bildern vertiefend erörtert, zum Beispiel in Raum und Fläche.

 

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