Wegbereiter der Fotografie

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Im 18. Jahrhunderts nutzte man die Entdeckung der Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen, um Schattenabdrücke von Pflanzen und anderen Gegenständen anzufertigen, indem man diese auf eine präparierte Trägerfläche legte und eine Zeitlang dem Licht aussetzte. Ergebnis waren Umrissbilder, die zunächst noch flüchtig waren, da sie sich nicht fixieren ließen. Dies sollte den späteren Pionieren der Fotografie vorbehalten bleiben, denen es mit ihren objektivbestückten Kameras gelang, freie Raumaufnahmen anzufertigen.

Diese Bilder benötigten keinen direkten Kontakt der Gegenstände mit der lichtempfindlichen Schicht des Aufnahmematerials, und im Übrigen wurden sie nun chemisch fixierbar und waren anschließend dauerhaft konserviert. Aber soweit war man im 18. Jahrhundert noch nicht. Die flüchtigen Abdrücke jener Zeit waren lediglich als Silhouettenvorlage für Schattenzeichnungen und Scherenschnitte geeignet. Pflanzen jeglicher Art waren beliebte Motive, da sich ihre filigrane Struktur in besonderer Weise wirkungsvoll darstellen ließ.

Als man im Geleitzug der Fotografie in der Lage war, Kontaktkopien direkt zu fixieren, ohne sie per Hand in eine Schattenzeichnung übersetzen zu müssen, wurde deren besondere Eigenschaft als Eins-zu-Eins-Schatten erst richtig bewusst. Die meist gepressten Pflanzen hatten auf dem Bild einen exakten Abdruck hinterlassen. Dieser war identisch mit der Kontaktfläche von Pflanze und Untergrund. Es handelte sich somit um eine einzigartige Erscheinungsform des Schattens, von dem zunächst erst einmal nichts zu sehen war. Er blieb unter dem Objekt verborgen. Erst nach Entfernung des Gegenstands und Fixierung des Bildes wurde seine vorangegangene Existenz nachträglich als Abdruck belegt.

Technologisch und als Konzept handelt es sich bei Schattenrissen und den frühen Fotogrammen um Vorläufererscheinungen der Fotografie. Schon bei ihnen ging es um die Frage, wie sich Dinge bildlich konservieren ließen, um sie in Erinnerung behalten oder besser studieren zu können. Licht und Schatten spielten dabei entscheidende Rollen. Gleichwohl gibt es Unterschiede zwischen dem Fotogramm und einer Fotografie. Die Eins-zu-Eins-Abdrucktechnik des Fotogramms führt zu einem phänomenologisch anderen Ergebnis als die Aufnahme durch das Kameraobjektiv. Eine Fotografie ist, technisch bedingt, durch den Brennpunkt des Objektivs geprägt, während es sich beim Fotogramm um eine perspektivfreie Draufsicht handelt. Die das Bild hervorrufenden Lichtführungen sind deshalb gänzlich unterschiedlich.

Fotogrammkünstler des Zwanzigsten Jahrhunderts wie Christian Schad, Man Ray oder László Moholy-Nagy betonten, dass Schattenbilder nichts mit Fotografie zu tun hätten. Mit dieser habe man lediglich den Gebrauch lichtempfindlichen Materials gemein. Gleichwohl hielt dies Moholy-Nagy nicht davon ab, innerhalb der verschiedenen Möglichkeiten des Neuen Sehens dem Fotogramm als besondere Form des Abstrakten Sehens den höchsten Rang einzuräumen. Es handele sich, so Moholy-Nagy, beim Fotogramm gar um den eigentlichen Schlüssel zur Fotografie, da hier die Funktionen von Licht und Schatten bewusster werden als bei der Bildgestaltung mit der Kamera.

Fotogramme als Kontaktkopien von Objekten kennen im Gegensatz zu den meisten Fotografien oftmals kein Oben und kein Unten. Die Betrachtungsrichtung ist prinzipiell frei. Auch in anderer Hinsicht stellten sich die Fotogrammkünstler der Zwanziger Jahre in bewusste Opposition zur präzisen Eindeutigkeit der Fotografie. Sie beleuchteten dreidimensionale, teils durchsichtige, teils bewegliche oder reflektierende Objekte diffus oder mit mehreren Lichtquellen, so dass ihre Fotogramme einen abstrakten Charakter mit bewusst in Kauf genommenen Unschärfebereichen und ohne jegliche Erkennbarkeit der Materialien und Gegenstände erhielten. Diese Fotogramme unterschieden sich damit nicht nur von der gegenständlichen Fotografie, sondern ebenso von den Blümchenabdrücken aus dem 18. Jahrhundert.

 

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