Wahrhaftigkeit in der dokumentarischen Fotografie

von Ulrich Metzmacher

Als Ergänzung zum letzten Blogbeitrag soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, wie sich unter Zuhilfenahme des Sinnbegriffs die mit dokumentarischem Anspruch antretende Fotografie von anderen, freieren Formen abgrenzen lässt. Hieraus mag sich eine Definition ergeben, die das Spezifische dieses Genres betont. Wahrhaftigkeit wird dabei vom schwierigen Begriff Wahrheit zu unterscheiden sein.

Fotografie, insbesondere ihre digitale Variante, weist grundsätzlich ein vergleichbar offenes Kreativitätspotential auf, wie es anderen künstlerischen Ausdrucksformen zu eigen ist. Sie tritt in Form der Dokumentarfotografie jedoch auch mit dem Anspruch an, Wirklichkeit festhalten zu wollen. Eine streng objektive, das heißt allgemeingültige Abbildung realer Ereignisse oder Dinge ist mit der Kamera aber nicht möglich. Das muss jetzt nicht noch einmal näher ausgeführt werden. Jeder Abbildung ist per se eine perspektivische Angelegenheit. Anders geht es nicht. Gleichwohl muss trotz dieser Erkenntnis der Anspruch einer wahrhaftigen Fotografie nicht aufgegeben werden. So treten Agenturen wie Magnum mit dem Versprechen größtmöglicher Vertrauenswürdigkeit an. Wie kann das gehen?

Stuart Franklin hat in The Documentary Impulse die Ansprüche an eine authentische Fotografie zusammengefasst. In einem früheren Blogbeitrag wurde das näher erläutert. Nach Franklin soll eine Dokumentarfotografie nicht gestellt sein, die Abgebildeten dürfen nicht bezahlt werden, es dürfen keine irreführenden Bildunterschriften oder andere Formen einer Falschdarstellung Verwendung finden und schließlich sollen keine Pixel hinzugefügt oder entfernt werden. Jedoch selbst jenseits solcher Interventionen ist eine Fotografie, ebenso wie das, was wir Realität nennen, stets ein Konstrukt und Ergebnis vorangegangener kulturgebundener Lernerfahrungen. Stuart Franklin zeigt darüber hinaus, dass eine reine Fotografie nicht zuletzt aufgrund der sozialen, ethischen sowie ästhetischen Vorprägungen des Fotografen gar nicht vorstellbar ist. Dennoch verzichtet er nicht auf die Kategorie des Dokumentarischen. Den oben aufgeführten Forderungen an ein authentisches und wahrhaftiges Bild wollen wir deshalb eine weitere Überlegung hinzufügen.

Dokumentarisch ist eine Fotografie dann, wenn ihr Sinngehalt für den Betrachter unmittelbar evident ist oder in Verbindung mit einem Bildtext evident gemacht werden kann. Dass dies nur in einem gemeinsamen Kulturraum von Fotograf und Betrachter möglich ist, erscheint logisch. Im vorangegangenen Blogbeitrag haben wir das gezeigt. Man darf davon ausgehen, dass eine Fotografie verstanden wird, wenn beide, Fotograf und Betrachter, ähnliche Lernerfahrungen, direkt oder indirekt, hinsichtlich der im Bild gezeigten Objekte oder Ereignisse gemacht haben. In der globalisierten Welt wird das zwar immer wahrscheinlicher. Und trotzdem, man sollte nicht unterschätzen, dass bereits unser Wissen über andere Kulturen und Gesellschaften weitgehend medial geprägt ist! Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wir können die Fotografie einer fernen Weltgegend deuten, weil wir aufgrund früherer Bilder, aber nicht unbedingt in Folge direkter eigener Erfahrungen, eine Vorstellung vom dortigen Leben entwickelt haben. Das wirkt potentiell verzerrend. Als Korrekturhilfe kann gegebenenfalls eine erläuternde Bildunterschrift dienen. Naivität ist aber auch hier nicht angesagt.

Ein Bildtext sollte Wahrheitskriterien entsprechen. Wie bei der Fotografie gibt es dabei keine absolute Objektivität, aber wahrhaftig kann ein Text dennoch sein, wenn Autor und Rezipient den gleichen Zeichenvorrat nutzen und der Textersteller gutwillig eine intersubjektive Sinnübereinstimmung anstrebt. Kurz und wohl etwas verständlicher: Der Autor muss es ehrlich meinen. Ist dies gegeben, bietet der Bildtext eine wichtige Voraussetzung für das Gegenteil einer manipulativen Unterschrift. Gleichwohl dürfen wir nicht vergessen, dass die Geschichte der Bildreportage voll ist von Beispielen, bei denen Fotografien ohne Mitwirken des Fotografen oder der Fotografin von der Redaktion mit Erläuterungen versehen werden, die nicht einer inhaltlich adäquaten Illustration des Bildes dienen, sondern den merkantilen Zielen eines Sensationsjournalismus folgen, dem es in erster Linie um Aufmerksamkeit und Auflage geht. Für viele Bildjournalisten ist das nicht selten ein Problem.

Einige der hier genannten Kategorien wie Wahrhaftigkeit, Authentizität oder Ehrlichkeit mögen sich vielleicht ein wenig altmodisch anhören. Letztlich jedoch handelt es sich um Begleitsynonyme für einen relativen Wahrheitsbegriff, der in einer Welt ohne absolute Objektivität das Maximale dessen darstellt, was im Sozialen an Verständigung zwischen den Subjekten möglich erscheint. Gute Dokumentarfotografie ist sich dessen bewusst.

 

Zurück