Von Platon zu Susan Sontag

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Die Frage nach dem Wesen des fotografischen Bildes ist so alt wie die Fotografie selbst. Und die nach dem Verhältnis von Abbild und Wirklichkeit sogar noch wesentlich älter. Sie führt zurück bis zu Platon, dessen Höhlengleichnis gleichermaßen zum Diskurs über grundlegende philosophische Erkenntnisfragen einlädt wie auch zur Begründung einer ersten Bildtheorie. Darüber hinaus geht es um moralische Urteile.

Kann das künstlerische Bild einen positiven Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung und sozialen Befriedung leisten? Platon verneinte dies. Nachbildende Kunst und Moral hätten nichts miteinander zu tun. Kunst vermag lediglich niedere Instinkte anzusprechen, höhere geistige Reflexionsprozesse werden durch sie nicht befördert. Aber schon sein Schüler Aristoteles sah dies entschieden anders, indem er auf das kathartische Potential hinwies. Dramatische Bühnenszenen können, so seine Überzeugung, nicht nur Konflikte darstellen, sondern gleichzeitig Lösungsansätze offerieren, die das Verhaltensrepertoire des Betrachters im Sinne einer charakterlichen Entwicklung erweitern.

Kann Fotografie wahr sein und zur Schaffung einer besseren Welt beitragen? Oder handelt es sich bei ihr um ein Schein- und Showgeschäft ohne ethische Relevanz? In der Geschichte der Fotografie und ihrer Rezeption zeigt sich, dass die erkenntnistheoretischen und ethischen Fragestellungen der Antike auch unter neuen Bedingungen Bestand haben. So eröffnet Susan Sontag ihren Band Über Fotografie im Jahr 1977 mit Anmerkungen zu Platons Höhlengleichnis und leitet dann über zur Kritik des zeitgenössischen Umgangs mit dem fotografischen Bild. Ähnlich wie auch bei der Interpretation der Schatten an der Höhlenwand verbindet sich, so ihre Grundthese, das Alltagsverständnis von Fotografien häufig mit der Zuschreibung eines unhinterfragten Realitätscharakters. Die Begegnung mit der Welt draußen vor der Höhle (vor der Kamera) wird überhaupt nicht gesucht, sondern als wirklich gilt, was die Schatten (die Fotografien) zeigen. Der durchschnittliche Konsument von Bildern hat sich darin eingerichtet, das Vorgeführte als real zu betrachten. An Verunsicherungen ist er nicht interessiert. Er nimmt die Welt hin, wie es das Kamerabild zeigt. Dies gilt als Beweis, dass eine Begebenheit so stattgefunden hat, wie es der kurze Augenblick der Aufnahme als Schnitt aus dem stetigen Strom des Geschehens suggeriert. Ob die Fotografie Bestandteil einer manipulativen Strategie sein könnte, wird in der Regel nicht geprüft. Und ob eine bestimmte Momentaufnahme repräsentativ für die Gesamtszene ist, spielt ebenfalls keine Rolle.

Im Essayband Das Leiden anderer betrachten hat sich Susan Sontag 2003 dann noch eindringlicher mit der moralischen Wirkungskraft der Fotografie befasst. Insbesondere am Beispiel der Kriegsberichterstattung geht sie der Frage nach, ob Bilder nachhaltig aufrütteln können. In beiden Werken Sontags geht es um den Realitätscharakter von Fotografien. Handelt es sich um flüchtige Konstrukte, die einen zweifelhaften Wirklichkeitsbezug aufweisen und einen oberflächlichen Sensationsvoyeurismus befriedigen, oder kann der hervorgerufene Realitätsschock beim Betrachter eine nachhaltige, aufklärerische Wirkung auslösen?

Beim vorstehenden Text handelt es sich um einen Auszug aus dem fotosinn-Essay Höhlenbilder, der nun in der vollständig überarbeiteten Version 2.0 vorliegt.

 

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