Von Blow Up bis zum Weinstein-Syndrom

von Ulrich Metzmacher

Das Swinging London der Sechziger Jahre mit Carneby Street, Minirock und Hippiemusik diente als Kulisse für Michelangelo Antonionis Blow Up, Gewinner des Filmpreises 1966 in Cannes. Erzählt wird die mysteriös bleibende Geschichte eines Fotografen, der Zeuge eines vermeintlichen Mordes wird. Allerlei Krimihaftes, ein Konzert der Yardbirds mit Jeff Beck und Jimmy Page sowie eine kornverrauschte Fotografie bilden Eckpunkte des Plots.

Darüber hinaus kreiert der Film das Image eines Fotografen, der selbst zum sexy Popstar mit Playboyallüren wird. Ob als Vorbild dabei nun der Vogue-Fotograf David Bailey diente oder doch eher Michael Cooper, guter Freund der Rolling Stones und auch verantwortlich für das Cover von Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band der Beatles, ist nebensächlich. Der von beiden verkörperte Typus des Pop-Fotografen inmitten einer Subkultur von Sex and Drugs and Rock´n Roll ist jedoch aufschlussreich. Die Rolle vermischt die befreienden Botschaften des Ausbruchs aus der konventionellen Nachkriegsgesellschaft voller Autoritätsgläubigkeiten und Verklemmtheiten aller Art mit am Ende doch wieder sattsam bekannten Geschlechterstereotypen. Der Popstar, ob nun auf der Bühne mit der Gitarre oder im Studio mit der Kamera, ist in der Regel ein Mann. Seine Gerätschaften, beim Fotografen die Kamera mit dem beeindruckenden Objektiv, müssen gar nicht als Phallussysmbole gedeutet werden, um das Bemühen zu erkennen, aus der eigenen dominanten Position heraus den komplementären Ort der Frau zu definieren. Sie ist Groupie oder Model und nicht selten bilden sich auf dieser asymmetrischen Ausgangsbasis dann auch die Regeln für die sexuelle Begegnung.

Nun soll das gar nicht unbedingt heißen, dass die weibliche Rolle in diesem Setting stets durch passive oder gar Opfermerkmale gekennzeichnet ist. Wer am Ende wen an der Leine führt, mag im Einzelfall durchaus eine offene Frage sein. Aber es ging in Antonionis Film und auch in der Realität um die kollektiv wirkenden Rollenklischees, und die waren nun einmal ziemlich klar. Der Popfotograf folgte dem Muster des Bühnenstars, nur war es eben statt des Instruments oder Mikrofons der große schwarze Apparat, der symbolisch die Geschlechterwelten vor und hinter der Kamera trennte. Dass eine solche Konstellation Auswirkungen auf die Rollendarstellungen von Frauen und Männern hat, liegt auf der Hand. Und ebenso klar ist, dass asymmetrische Beziehungen immer auch die Gefahr beinhalten, dass sich aus abstrakter Macht konkreter Zwang oder gar Gewalt entwickeln können. Das muss natürlich nicht sein, aber das Potential zum Missbrauch ist strukturell angelegt.

Noch ein Film. Auf der Welle der sexuellen Libertinage schaffte es in den Siebziger Jahren ein weiterer Fotograf in die Magazine und schließlich auch in das Kino. Die Rede ist von David Hamiltons weichgespülten Softpornos, in denen er seine nabokovhaften Männerphantasien auslebte. Die „Nymphen“, so nannte er selbst die jungen Mädchen, die sich für ihn vor der Kamera auszogen, bildeten eine kitschige, wie der SPIEGEL es nannte, Lolita-Ästhetik, die allerdings nichts mehr mit Kunst zu tun hatte und eindeutig sexueller Natur war. Hätte es sich nicht um Minderjährige gehandelt, wäre dagegen ja grundsätzlich nichts einzuwenden, aber aus heutiger Sicht changiert das Ganze am Rande der Pädophilie oder hat die Grenze zu ihr bereits überschritten. Vor wenigen Jahren schließlich wurden Missbrauchsvorwürfe von Frauen bekannt, die als junge Mädchen von Hamilton fotografiert worden waren. Dieser schied im Jahr 2016 aus dem Leben, bevor es zu einer Klärung kam.

Dass sich unter dem Deckmantel der sexuellen Befreiung neue Formen geschlechts- und generationsorientierter Machtverhältnisse entwickelten, ist hinlänglich bekannt. Das fängt bei der vermeintlich freien Sexualität im Kommuneleben der Sechziger Jahre an und endet nicht bei den Skandalen um die Odenwaldschule nach der Jahrtausendwende. Die Beispiele sind prototypisch und es ist kein Vorurteil, dass vorwiegend Männer ihre Interessen und Handlungen mit theoretischen Freiheitskonstrukten ummäntelten, um so das potentiell Asymmetrische der sexuellen Ambitionen der Beteiligten unkenntlich zu machen.

Zurück zur Fotografie. Ist Hamilton nun Vergangenheit, weil heute so etwas schlichtweg nicht mehr durchginge? Ich bin mir da nicht sicher. Auch wenn aufgrund der hartnäckig, hauptsächlich von feministischer Seite, geforderten Debatte bezüglich der Zulässigkeit bestimmter öffentlich propagierter Frauenbilder die Sensibilität größer geworden ist, bleibt der Sexismusvorwurf gegenüber Teilen der Werbebranche bestehen. So hat sich in diesem Jahr das Modehaus Saint Laurent eine deftige Rüge der Werbeaufsicht eingehandelt, und die Kampagne StopBildSexism zeigt anhand zahlreicher entsprechender Pressedarstellungen die ungebrochene Aktualität der Thematik. Ebenso mag die Pädophiliediskussion der vergangenen Jahre eine Sensibilität hinsichtlich des Zulässigen in der bildlichen Darstellung befördert haben, aber man muss auch hier skeptisch sein, ob dieser Aspekt damit erledigt ist.

Nehmen wir den hochgerühmten Bildband Genesis von Sebastiao Salgado. Da gibt es nicht nur eine Reihe phantastischer Naturaufnahmen, sondern auch Kinder und ziemlich junge Erwachsene im Amazonasurwald. Die Bilder erinnern an die Völkerkunde der Kolonialzeit, als man ungeachtet der europäischen Prüderie fleißig die Aufnahmen unbekleideter Eingeborener jeglichen Alters studierte. Auch erinnern sie an Leni Riefenstahl oder an FKK-Blättchen der Fünfziger Jahre. Natürlich alles vollkommen harmlos. Die Aufnahmen Salgados weisen keinen offensichtlich erkennbaren sexuellen Charakter auf und insofern gibt es einen Unterschied zu den Bildern Hamiltons. Und dennoch, bei Salgado wird etwas als zulässig hingenommen, was bei der Abbildung unbekleideter europäischstämmiger Menschen jugendlichen Alters inzwischen tabuisiert wäre.

Sprechen wir uns jetzt hier für Prüderie oder gar Zensur aus? Noch einmal, es geht um die Frage der bildlichen Propagierung bestimmter Geschlechtsrollen im öffentlichen Darstellungskontext und die Frage ihrer symmetrischen oder eben asymmetrischen Aufladung, etwa in der Werbung, aber nicht um Verbote der Darstellung des Körpers an sich, auch nicht um ein Pornografieverbot. In der Kunst einschließlich der Fotografie bleibt vieles zulässig. Entscheidend ist der Kontext, der erkennbar sein muss. Es macht einen gravierenden Unterschied, ob eine Fotografie ein vermeintliches Realitätsversprechen abgibt, so wie es die Werbung zumindest indirekt tut, oder ob es sich um ein künstlerisches Werk handelt, bei dem der Betrachter die Distanz sozusagen mit in die Reflexion einbezieht.

Diese Unterscheidung mag nicht immer leicht fallen und sie ist auch nicht unproblematisch. Zu Recht gibt es tabuisierte Phantasien, und auch die Kunst darf nur fast alles. Aber gerade deshalb ist die Verantwortung des Akteurs hinter der Kamera groß. Einer adäquaten, also erkennbaren Kontextualisierung des Abgebildeten gerecht zu werden, wird nämlich nur dann gelingen, wenn auch die innere Haltung authentisch entwickelt ist. Wer als Mann mit dem Weinstein-Syndrom befallen ist, wird genau dies nicht leisten können. Aber selbst bei weniger ausgeprägten Formen ist eine Reflexion des eigenen fotografischen Handelns dringend zu empfehlen.

 

Zurück