Vom Reiz am eigenen Bild bis zu dessen Verbot

von Ulrich Metzmacher

Vieles spricht dafür, dass der Mensch das einzige Lebewesen mit einer Vorstellung von sich selbst ist und Gedanken darüber anstellt, wie andere ihn wahrnehmen. Bemerkenswert dabei, dass ein Spiegelbild nicht zeigt, wie diese anderen uns sehen, sondern, nomen est omen, spiegelverkehrt. Da beide Gesichtshälften in der Regel nicht identisch ausgeprägt sind und wir selten einen symmetrischen Mittelscheitel tragen, sehen uns andere nicht so, wie es das eigene Bild im Spiegel suggeriert.

Ganz anders eine Fotografie. Da wir auf ihr seitenrichtig abgebildet sind, nehmen wir uns weniger vertraut wahr als beim morgendlichen Blick in den Spiegel. Das weckt schon einmal besonderes Interesse, nicht zuletzt, weil wir nun die Sichtweise eines fiktiven Gegenüber einnehmen und dessen Bild von uns nachvollziehen können. Das geschieht in der Regel unbewusst und abstrahiert im Übrigen davon, dass der andere alles durch einen Subjektivitätsfilter betrachtet, den wir nicht kennen. Aber darum geht es nicht. Entscheidend ist die Phantasie, wie uns andere sehen, nicht deren tatsächliche Wahrnehmung.

Wichtiger noch als die Gedanken um die vermutete Sicht des fiktiven Gegenüber ist jedoch der Wunsch, auf eine bestimmte Weise gesehen zu werden. Wie schön ist es, wenn uns eine Fotografie bestätigt, dass wir dem eigenen Idealbild entsprechen. Und schon sind wir in der Welt der Schauspielerei. Da wird beim Auftauchen einer Kamera gelächelt und gekünstelt, was das Zeug hält, oder es wird die betont entschlossene/finstere/gelangweilte Pose eingenommen. Hauptsache, die Präsentation passt zum angestrebten Image. Da alle das Spiel kennen, werden die hunderttausend Schnappschüsse und Selfies meist nicht überbewertet und bleiben in der Regel belanglos. Wir sind schon zufrieden, wenn es nicht allzu peinlich geworden ist. Andere jedoch, nun wird es interessanter, fürchten das eigene Bild so sehr, dass sie jedem auf sie gerichteten Objektiv aus dem Weg gehen oder das Fotografiertwerden kategorisch untersagen.

Die Imaginationskraft statischer Bilder ist eine Macht. Dies war schon seit Jahrhunderten, lange vor der Fotografie, bekannt. Aufgrund der Möglichkeit ihrer endlosen Betrachtung können sich Vorstellungen über das Wesen der Abgebildeten entwickeln, die sich verselbständigen und in Form von Überzeugungen schließlich verfestigen. Die auf diese Weise konnotierten Bilder führen dann zu potentiellen Vorurteilen und Erwartungen. Fotografien sind deshalb geeignet, komplexe Dinge, und dazu gehört die Persönlichkeit von Menschen, zu versimpeln.

Exkurs mit Perspektivwechsel: Wir leben in einer Zeit mit, sofern überhaupt vorhanden, oftmals diffusen christlichen Gottesvorstellungen. Ein intellektuell anspruchsvoller und gleichzeitig auf Transzendenz verweisender Gottesbegriff gehört nicht unbedingt zu den allgemein vertrauten Sichtweisen. Hinzu kommt, dass es nicht der Logik des modernen Wissens entspricht, Dinge lediglich glauben zu können. In früheren Zeiten war dies anders. Richten wir deshalb den Blick auf das religiöse Bilderverbot vor der Neuzeit, also die Untersagung bildlicher Darstellungen Gottes. Es ging dabei nicht um einen Wissensdiskurs nach heutigen Kriterien, sondern um Glaubensgrundsätze und Gewissheiten, die zu jener Zeit allerdings den Charakter von Wahrheiten hatten. Das Bilderverbot richtete sich gegen die Überheblichkeit derjenigen, die sich, aus Sicht dieses Glaubensdiskurses, Falsches anmaßten.

Warum Bilderverbot? Wenn der Wille, sich ein Bild von etwas zu machen gleichbedeutend damit ist, diesem Etwas einen Sinn, eine Bedeutung zuzuschreiben, so verweist die religiöse Forderung, genau dies nicht zu tun, auf die sinnüberschreitende, transzendente Eigenschaft dieses Etwas. Dessen Reduktion auf Bildliches und damit Vorstellbares würde dem Göttlichen, so die alttestamentarische, aber auch die Logik anderer nichtchristlicher Religionen, nicht gerecht werden. Göttliches als bildliche Personendarstellung zu übersetzen, abstrahiert von dessen weltüberschreitenden Eigenschaften und wird einer Vorstellung nicht gerecht, die gerade das Übermenschliche meint. Glauben ist nun einmal etwas anders als Denken. Wer sich ein Bild des Göttlichen macht, begrenzt dessen umfassende Unendlichkeit auf etwas Fassbares, Konkretes und Weltliches. Etwas Begrenztes kann aber eben nicht überzeugend für etwas Unbegrenztes stehen, das sich mit säkularer Logik erfassen ließe. Religiösem mit wissenschaftlicher Kritik nach heutigen Vorstellungen begegnen zu wollen, funktioniert deshalb im Übrigen nicht. Hier werden Diskurssysteme vermischt, die unterschiedlichen Logiken folgen.

Die Bilderstürmer der Reformationszeit folgten recht konsequent dem Verbot der Verbildlichung und forderten die Entfernung alles Abbildähnlichen aus den Kirchen. Luther selbst nahm die Angelegenheit lockerer und akzeptierte zumindest einige pädagogische Gründe für die Verwendung religiöser Bildnisse. Sie schienen ihm als Zeugnis und als Zeichen durchaus erlaubt. Den radikalen Ikonoklasten hingegen ging das zu weit beziehungsweise nicht weit genug. Für sie hatte das alttestamentarische Verbot unbedingte Gültigkeit. Man kann darüber streiten, ob dies ein seltsames voraufklärerisches Ding war oder ob die radikalen Bilderstürmer nicht in gewisser Weise, im Kontext der eigenen Logik, richtig lagen. Wird Gott gar als weißbärtiger alter Mann gezeigt, kann man sich jedenfalls nicht mehr so schnell von einem personifizierten, menschenähnlichen Verständnis lösen. Ob dies überzeugt, darf außerhalb des Kindergottesdienstes in der Tat bezweifelt werden.

Diese Gedanken sind in mancherlei Hinsicht gar nicht so weit entfernt von den, nun allerdings unreligiösen, säkularen Motiven derjenigen, die sich dem Fotografiertwerden verweigern und damit ausschließen wollen, dass ein Bildnis von ihnen entsteht. Instinktiv weichen sie so der statischen Reduktion aus und meiden die Gefahr der Festlegung auf einen, vielleicht zufällig entstandenen, Typus. Das mag man ängstlich finden oder auch weise.

 

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