Vom Löschen unerheblicher Bilder

von Ulrich Metzmacher

Wer kennt das nicht, da hat man eine Aufnahme gemacht und ahnt sofort, das könnte etwas geworden sein. Oder man sieht bei der Bearbeitung am Monitor ohne langes Überlegen, dass sich aus dem Bild etwas machen lässt. Manchmal sind es jedoch auch Aufnahmen, bei denen sich erst nach und nach ein positives Gefühl aufbaut. Mitunter vergeht sogar ziemlich viel Zeit, bis man zu einer Fotografie zurückkehrt und von ihr gefesselt ist.

Hat sich eine solche Faszination aufgebaut, steht die Frage nach dem Warum im Raum. Nicht selten ist es ein kleines Detail, das vielleicht sogar wie nebensächlich den Reiz ausmacht. Roland Barthes hat diesen Moment als Entdeckung des punctums einer Fotografie bezeichnet. Man kann sich noch so lange mit dem studium eines Bildes befassen und es nach allen Regeln der Kunst analysieren, wenn sich nichts Berührendes zeigt, wird man das Bild beiseitelegen und zum nächsten übergehen. Das schließt zwar nicht aus, dass auch das studium zu der Einschätzung führt, es handele sich um eine gefällige oder sogar gute Aufnahme mit gekonnter Berücksichtigung aller Gestaltungsregeln, aber ohne punctum will sich dennoch kein Getroffensein, keine Berührung einstellen.

Roland Barthes hat bezweifelt, dass sich bei der Aufnahme ein punctum aktiv herbeiführen lässt, und betonte den notwendigerweise authentischen Charakter des Zufälligen. Wird etwas inszeniert, das dann wie zufällig erscheinen soll, ahnt der Betrachter die manipulative Absicht und wendet sich ab. Die noch so perfekte Werbefotografie berührt uns deshalb so gut wie nie. Wir wollen nicht wie ein Schaf zu etwas hingetrieben werden. Andererseits sind wir angetan, wenn uns aus freien Stücken ein überzeugend authentisch erscheinendes Detail in besonderer Weise anrührt.

Es ist etwas Irrationales, das solche Fotografien auszeichnet. Diese Eigenschaft haftet jedoch nicht dem Bild selbst an. Sie formt sich erst in der Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Betrachter. Die Wahrnehmung eines punctums ist deshalb, genau genommen, eine subjektive Angelegenheit. Etwas, das uns selbst berührt, mag für andere auch nach intensivem studium nichts weiter als ein nebensächliches Detail bleiben. Damit müssen wir uns abfinden. Wahrheit, selbst Wahrhaftigkeit gibt es beim Fotografieren eben nicht automatisch.

Eine dem punctum verwandte Erfahrung hat der Fotograf Wolfgang Tillmans beschrieben. Er wendet bei Ausstellungsvorbereitungen meist längere Zeit dafür auf, die richtige Anordnung seiner Bilder im Raum und an den Wänden herauszufinden. Da gibt es, typisch für Tillmans, die großen Fotografien und die vielen kleinen, aber alles hat am Ende seinen richtigen Platz. Das einzelne Werk tritt hinter das Ganze zurück und der Ausstellungsraum ähnelt einer Installation, bei der alles miteinander sinnhaft zusammenfindet. Der Weg bis zu diesem Zustand gestaltet sich für Tillmans wie eine Performance, die Zeit benötigt, bis der richtige Moment plötzlich da ist.

Zwar handelt es sich bei dieser Erfahrung um etwas anderes als das punctum von Roland Barthes, und dennoch, den meisten von uns ist das Gefühl vertraut, wenn plötzlich alles stimmig ist. Um diesen Moment geht es. Heureka! Das Überraschende, plötzlich Berührende stellt sich dabei nicht selten als Kernpunkt der Bildwirkung dar.

Es ist wohl keine schlechte Empfehlung, ein Bild solange liegen zu lassen, bis man zu einer stabilen Beurteilung gelangt, ob es zu etwas taugt. Mitunter kann sich zwar die Einschätzung auch später noch ändern, und plötzlich, vielleicht erst wesentlich später, entdecken wir ein Detail, das wir zuvor übersehen haben. Aber das bleibt die Ausnahme. Wenn sich ein Gefühl der Berührung oder zumindest einer gelungenen Bildgestaltung partout nicht einstellen will, gibt es nur noch die Entscheidung zwischen dem Archivordner oder der Delete-Taste.

Das Löschen unerheblich erscheinender Bilddateien ist im Prinzip keine schlechte Entscheidung. Selbst wenn eine Aufnahme einmal zu flink in den Papierkorb gewandert sein sollte, na und? Aus dem Auge, aus dem Sinn. Das ist weniger dramatisch als die Gefahr, langsam, aber unvermeidlich, von abertausenden überflüssigen Bildern zugemüllt zu werden, die unsere Festplatte und die eigene Aufnahmefähigkeit an Kapazitätsgrenzen führen. Haben wir lieber Geduld und konzentrieren uns auf das Erscheinen eines punctums. Wo aber am Ende wirklich nichts ist, kann auch nicht werden. Weg damit! Punkt.

 

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