Veränderung und Identität

von Ulrich Metzmacher

Bei der visuellen Wahrnehmung werden beständig Interpretationsleistungen erbracht. Eingehende Informationen werden mit gespeicherten Erfahrungen abgeglichen und Variationen intelligent berücksichtigt. Die Gegenstände und Prozesse erhalten auf diese Weise einen Sinn. Obwohl alles einem beständigen Wandel unterworfen ist, nehmen wir in vertrauter Umgebung die Dinge deshalb meist so wahr, dass wir ihre Bedeutung verstehen.

Veränderungen können in extremer Langsamkeit stattfinden, so wie das Faulen des Apfels oder das Rosten des Eisengitters. In beiden Fällen handelt es sich um stetige Vorgänge, deren statische Wahrnehmung eine Fiktion ist. Selbst bei einem mit kürzester Verschlussgeschwindigkeit aufgenommenen Bild hat sich der Gegenstand während der Belichtung molekular verändert. Das Faulen und das Rosten kennen keine Pause. Wir haben es jedoch gelernt, ein Objekt als mit sich selbst identisch zu betrachten, auch wenn es, jedenfalls in gewissen Grenzen, seine Substanz verändert oder sich im Raum bewegt. Gleiches gilt, wenn wir es aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und sich das Objekt in neuer Erscheinung präsentiert. Nur für den stets gleich runden Ball trifft dies nicht zu. Aber das ist ein Sonderfall. Alle anderen Objekte verändern bei Bewegung ihre sichtbare Gestalt, bleiben aber dennoch mit sich identisch. Für die Wahrnehmung von Personen gilt im Übrigen das gleiche. Tante Erna kann sich mal im Profil von linke, dann von schräg rechts oder vorne zeigen, sie kann sich auch vollkommen neu einkleiden und ihrer Frisur einen lila Schimmer verpassen, wir werden sie dennoch mit großer Wahrscheinlichkeit als Tante Erna erkennen.

Ein Kind erlernt das hinter diesen Phänomenen stehende Konstanz- und Identitätsgesetz in den ersten Lebensjahren. Nach und nach formt sich eine kognitive Repräsentanz der Umwelt. Das Kind entwickelt die Fähigkeit, von den Erscheinungen zu abstrahieren und die Eigenschaften der Dinge zu verstehen. Wenn stabile Schemata aufgebaut sind, genügt schließlich die Wahrnehmung eines nur kleinen Teils, um die Bedeutung des Ganzen zu erfassen. Die gleiche kognitive Leistung wird beim Betrachten einer Fotografie eingesetzt. Wir erkennen einen dreidimensionalen farbigen Gegenstand wieder, selbst wenn er zweidimensional in Schwarzweiß abgebildet ist, noch dazu halb von anderen Dingen verdeckt wird und aufgrund schneller Bewegung unscharf erscheint. Das ist eine grandiose Leistung des Gehirns, die bereits im Kindesalter antrainiert wird. Noch vor wenigen Jahrzehnten stellte man bei isoliert lebenden Stammesangehörigen, denen das Medium Fotografie nicht vertraut war und deren Kinder keine entsprechende Deutungskompetenz entwickeln konnten, eine weitgehende Unfähigkeit zum Verstehen von Bildern fest. Selbst die eigenen Familienangehörigen wurden auf Fotografien nicht erkannt.

Man steigt nie zweimal in denselben Fluss, da sich dieser in ständiger Bewegung befindet; oder mit Konfuzius: Als der Meister einst an einem Fluss stand, sprach er: So fließt alles, dahin – rastlos, Tag und Nacht. Sind unter diesen Umständen Fotografien eines Flusses denkbar, die nacheinander aufgenommen wurden und dennoch als identisch betrachtet werden können? Die Aufnahmen sehen schließlich gleich aus. Die Antwort erscheint zunächst eindeutig. Die Fotografien bilden aufgrund des fließenden Wassers unterschiedliche Wirklichkeiten ab und sind deshalb nicht identisch. Hat sich zwischen beiden Aufnahmen eine Wolke vor die Sonne geschoben, sind sogar die Lichtverhältnisse und damit auch die Ergebnisse sichtbar verschieden. Hier ist die Sache klar, aber bei gleichem Licht wird man dazu neigen, die Fotografien als identisch anzusehen. In gewisser Weise ist das ja auch richtig. Beide Bilder gleichen sich aufs Haar.

Die Logik und die Physik sind die eine Seite, die Phänomenologie und der Lebensalltag eine andere. In einer kontingenten Welt ist der Mensch nur handlungsfähig, wenn bestimmte Dinge als konstant und mit sich selbst identisch betrachtet werden, auch wenn sich ihr Erscheinungsbild verändert. In gleicher Weise sind Fotografien Konstrukte und keine objektiven Abbildungen einer eindeutigen Wirklichkeit. Sie sind Zeichen einer Welt, aber nicht die Welt selbst. Deshalb dürfen wir alltagspraktisch davon ausgehen, dass es sich bei den zwei Fotografien des Flusses um identische Bilder handelt. Die Grundlagen ihrer Konstruktion sind identisch. Ebenso ist der vom Betrachter geformte Sinn identisch. Das Fließen des Wassers und die Logik der Physik spielen bei dieser Sicht auf die Dinge keine Rolle. Schließlich hängt es vom jeweiligen Diskurssystem ab, wie wir eine Sache beurteilen. Schon Henri Bergson hatte darauf hingewiesen, dass die Bilder der Materie in das Bild der Wissenschaft (Science) eingehen können oder in das individuelle Bewusstsein (Conscience). Wir müssen uns beim Fotografieren im Alltag deshalb keine Gedanken hinsichtlich erkenntnistheoretischer Fragen oder gar des Charakters der Wirklichkeit machen. Das ist auch gut so.

 

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