Und die Schlossherren schweigen

von Ulrich Metzmacher

In Europa halten die Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd an. Viele Menschen gehen auf die Straße, historische Statuen von Unterstützern des Sklavenhandels werden auch hier in Frage gestellt oder gestürzt, die Feuilletons der Zeitungen befassen sich mit dem offenen und latenten Rassismus. Nur die Vertreter des Humboldt Forums, das sich die Bearbeitung des deutschen Kolonialismus und seiner Folgen auf die Fahnen geschrieben hat, schweigen. Man ist dort offenbar an mentale Grenzen geraten und in erster Linie mit der Schlossbaustelle sowie mit dem goldenen Kreuz auf dem Dach der Attrappe beschäftigt.

Frederick Douglass, um 1880 (Fotograf unbekannt)

Dass es auch anders geht, belegen für die Welt der Fotografie eine Reihe von Reaktionen in den Vereinigten Staaten. Sowohl das International Center of Photography ICP wie auch die Aperture Foundation in New York zeigen in diesen Tagen programmatisch, wie eine Auseinandersetzung mit dem komplizierten kulturellen Erbe aussehen kann und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Gegenwartsfotografie ergeben.

Das ICP justiert in einem Statement of Action sein Selbstverständnis neu. Vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass Bilder die Welt verändern können, wird deren Rolle als Katalysatoren für sozialen Wandel in den Fokus genommen. Daraus ergeben sich Anforderungen an die eigene Organisation, die sowohl Fotografen und Fotojournalisten ausbildet wie auch als Sammlerin von Fotodokumenten und als wirkmächtiger Veranstalter auftritt. Vor diesem Hintergrund wurde vom ICP eine Initiative für Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion ins Leben gerufen, um die eigenen Aktivitäten weiter kritisch zu hinterfragen. So sollen künftig Themen wie der Schutz der Protestierenden, deren Privatsphäre, Fragen der Gesichtserkennung sowie der Umgang mit Metadaten von Demonstrationsbildern vertiefend erörtert werden. Eine Verfolgung der Aktivitäten des ICP anhand seiner Website dürfte in den nächsten Wochen interessant bleiben.

Ähnlich präsentiert sich Aperture. Kürzlich wandte sich die Stiftung in einem Newsletter an das Publikum, in dem ebenfalls die Rolle der Kunst als Unterstützerin gesellschaftlicher Veränderungen betont und die eigene Bereitschaft hervorgehoben werden, den Stimmen und Bildern afroamerikanischer Autorinnen/Fotografinnen und Autoren/Fotografen künftig mehr Raum zu geben. Darüber hinaus bekundet man Solidarität mit der Black Lives Matter Bewegung und bietet als freien Download die Publikation Vision & Justice: A Civic Curriculum an, die auf eine Tagung am Radcliffe Institute der Harvard University im Jahr 2019 zurückgeht. Beleuchtet wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Rolle der Fotografie, wie sie sich aus der Begegnung der weißen amerikanischen Mehrheitskultur mit der afroamerikanischen Parallelrealität entwickelt hat. Da finden sich Belege für euroamerikanische Herrschaftsansprüche und Dominanzphantasien ebenso wie frühe Versuche, dem afroamerikanischen Kulturerbe mit seiner eigenen Subjektivität Rechnung zu tragen.

Der an den Anfang gestellte Textbeitrag in Vision & Justice nimmt Bezug auf den, wie man behaupten darf, ersten, zumindest impliziten, afroamerikanischen Fototheoretiker des 19. Jahrhunderts. Im Beitrag Frederick Douglass´s Camera Obscura von Henry Louis Gates, Jr. wird gezeigt, wie dem, im übertragenen Sinne, gesellschaftlichen Bild, aber eben auch dem real fotografischen, bei der Widerspiegelung sozialer Wirklichkeit und dem Versuch, diese zu verändern, eine besondere Rolle zukommt. Douglass selbst hat es auf den Punkt gebracht: Poets, prophets, and reformers are all picture-makers - and this ability is the secret of their power and of their achievements. They see what ought to be by the reflection of what is, and endeavor to remove the contradiction.

Douglass gilt als einer der politisch wirkungsvollsten Afroamerikaner des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1845, noch vor dem von sklavenhaltenden Plantagenbesitzern im Süden angezettelten und bis heute offenbar traumatisierenden Bürgerkrieg, erschien sein Buch Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave. Als Redner und Schriftsteller setzte er sich, auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei, für die rechtliche und reale Gleichberechtigung der afroamerikanischen Bevölkerung ein. Nach seinem Tod erfuhr Douglass, ungeachtet des weiterhin vorhandenen strukturellen und damit realen Rassismus, zahlreiche Würdigungen in Filmen, Romanen sowie in Gestalt von Statuen, etwa in der Emancipation Hall in Washington. Seine programmatischen Texte sind bis heute relevant. Überhaupt ist es angeraten, sich zum Verständnis des amerikanischen Rassismus noch einmal mit der Geschichte der Vereinigten Staaten zu befassen, etwa anhand von Jill Lepores vorzüglichem, bei C.H.Beck erschienen, Diese Wahrheiten.

Beispielhaft zu empfehlen sind weiterhin die Lektüre eines von Aperture angebotenen Essays von Deborah Willis sowie eines Interviews von Kellie Jones mit LaToya Ruby Frazier.

Willis nimmt in ihrem Beitrag George Floyd, Gordon Parks, and the Ominous Power of Photographs Bezug auf einige der in Bildern festgehaltenen Gewaltexzesse gegen Afroamerikaner von der Zeit der frühen Bürgerrechtsbewegung bis in die Gegenwart. Deutlich wird, dass die Fotografie stets nicht nur als dokumentierendes Medium diente, sondern die durch Bilder ausgelöste Empörung zum Katalysator des Protestes wurde. Fotografinnen und Fotografen sind deshalb aufgerufen, so Willis, auch künftig die Kamera einzusetzen, um Gewalt und Ungerechtigkeiten nicht unbemerkt zu lassen und so dazu beizutragen, dass sich die Dinge nicht länger wiederholen. Deborah Willis ist Professorin und Leiterin des Department of Photography and Imaging der New York University’s Tisch School of the Arts. Die ursprüngliche Version ihres Essays erschien als Brief an die Studierenden auf der Website der Universität.

Im Aperture-Beitrag Witness: LaToya Ruby Frazier in Conversation with Kellie Jones wird unter anderem das preisgekrönte Buchprojekt The Notion of Family beleuchtet. Der Bildband erschien 2014 und wurde von der New York Times hoch gelobt. Frazier schildert am Beispiel Braddocks, einer Kleinstadt in Pennsylvania, den Zusammenhang des wirtschaftlichen Niederganges des einstmals prosperierenden Rust Belts mit dem strukturellen, aber auch alltäglichen Rassismus auf der Straße. Auswirkungen der Umweltzerstörung bis hin zur Vergiftung des Trinkwassers sind unmittelbarer Bestandteil dieser Thematik. Fraziers Fotografien sind sehr persönlich, denn sie handeln vom Leben der eigenen Familie über mehrere Generationen. Und gleichzeitig ist die Botschaft des Bildbandes eine höchst politische. Herausgefordert fühlte sich Frazier im Übrigen durch das im Jahr 2008 erschienene Buch Braddock, Allegheny County aus der Reihe Images of America, das keinen einzigen Afroamerikaner ihrer Heimatstadt zeigt. Vorbilder Fraziers, die demgegenüber schon immer das schwarze Amerika und den weißen Rassismus zum Thema hatten, waren Fotografen wie Gordon Parks, Bruce Davidson oder Danny Lyon. Das Interview mit LaToya Ruby Frazier ist empfehlenswert und regt an zur weiteren Befassung mit den Erscheinungen des fotografischen Rassismus. Als Vertiefung sei zusätzlich auch hier noch einmal auf die Beiträge der frei verfügbaren Publikation Vision & Justice: A Civic Curriculum hingewiesen.

Zum Abschluss kommen wir nicht umhin, auf die Schläfrigkeit der Verantwortlichen des Berliner Humboldt Forums im nahezu fertigen neuen Stadtschloss zurückzukommen. Man residiert da nun in der Replik der Hohenzollernresidenz und ist offenbar zufrieden, vor allem mit sich selbst.

Den Wilhelms waren im 19. Jahrhundert bekanntlich wenige Dinge so wichtig, wie Deutschlands Platz im Reigen der Kolonialmächte, wenigstens auf einer hinteren Position, zu sichern und sich eine Scheibe vom afrikanischen Kuchen abzusäbeln. Dies gelang zwar nur mit mäßiger Dauerhaftigkeit, und mit dem Untergang des Kaiserreichs verschwanden auch die Kolonien, das deutsche Afrikabild des Zwanzigsten Jahrhunderts und darüber hinaus dürfte gleichwohl durch die Nachwirkungen der kolonialen Geisteshaltung einschließlich seiner Konnotation afrikanischer Menschen beeinflusst sein.

Wir tendieren in Europa noch immer dazu, Weißsein als den unhinterfragten Ausgangspunkt der Weltbetrachtung, sozusagen als Nullpunkt zu sehen, wobei dann alle anderen Hautfarben zwangsläufig von dieser vermeintlichen Urnorm abweichen. Wenn das Humboldt Forum eine Aufgabe jenseits folkloristischer Ausstellungsinszenierungen haben soll, dann muss sie darin liegen, dies alles kritisch zu reflektieren und die kolonialen, bis heute wirksamen Konnotationen deutlich als solche zu benennen. Wer hier schweigt, verspielt seine Reputation schon jetzt. Black Lives Matter ist nicht nur eine Angelegenheit der Vereinigten Staaten von Amerika.

 

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