Über die vielleicht etwas voreilige Aufgabe des Privaten

von Ulrich Metzmacher

Solange es menschliche Gesellschaften gibt, existiert ein Spannungsverhältnis zwischen den kollektiven Anforderungen an den Einzelnen und dessen selbstbestimmten Behauptungen gegenüber seinem sozialen Umfeld. Individuum und Gesellschaft bilden gleichwohl zwei Pole, die nicht voneinander zu trennen sind. Ohne soziale Einbindung ist keine individuelle Entwicklung denkbar, aber eine Gesellschaft ohne Individuen ebenso wenig. Der freie Einzelne ist nur vergesellschaftet vorstellbar. Dies ist kein Widerspruch.

Die Kategorie der Öffentlichkeit bildet die Ebene, auf der sich Individuum und Gesellschaft begegnen. Jürgen Habermas hat 1962 in seiner Habilitationsschrift zum Strukturwandel der Öffentlichkeit deutlich gemacht, wie diese Kategorie historisch einem stetigen Wandel unterworfen ist. Parallel haben sich die Vorstellungen von Privatheit verändert. Seit der Renaissance stellt die Dichotomie von öffentlichem und privatem Raum ein Grundmerkmal des bürgerlichen Lebens dar. In der Öffentlichkeit werden alle Dinge behandelt, die von kollektiver Bedeutung sind, das Private hingegen wird als Schutz- und Rückzugsraum verstanden, der sorgfältig vor den Blicken der Anderen abgeschottet wird. Dass dieses dichotome Konstrukt zu keiner Zeit frei war von Verklärung, ist hinlänglich bekannt. Privatheit und Familie können nicht losgelöst von gesellschaftlichen Prägungen und Beeinflussungen verstanden werden. Bis in das Alltagsleben hinein finden soziale Transferprozesse aus dem öffentlichen Raum in das Private statt. Erlebnisse etwa aus der Konsum- und Arbeitswelt können massiv den vermeintlichen Schutz der eigenen vier Wände durchdringen. Umgekehrt wird die Gesellschaft nicht zuletzt stabilisiert, indem das Private bestimmte Kompensationsleistungen zur Funktionalisierung des Einzelnen, in der Vergangenheit insbesondere des Mannes, erbringt.

Öffentlichkeit und Privatheit determinieren sich wechselseitig stärker, als eine nur oberflächliche Betrachtung erkennen lässt. Das Ganze ist im Übrigen eine Geschichte gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Dies tangiert sowohl politische wie ökonomische Strukturen, aber historisch eben auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Das öffentlich geprägte männliche Imponiergehabe einschließlich einiger autoritärer, auch aggressiver Auswüchse transformiert sich ins Private.

Die feministische Forschung seit den sechziger Jahren sowie die sich im Anschluss entwickelnden Gendertheorien haben deutlich gemacht, dass im Bürgertum der vergangenen Jahrhunderte der öffentliche Raum überwiegend männlich dominiert war. Das Leitbild der Familie lebte von einer klaren geschlechtsspezifischen Zuordnung der Funktionen. Alle öffentlichen Angelegenheiten wurden von Männern verhandelt, die innere Organisation des Haushalts bildete die weibliche Domäne. Obwohl es zu allen Zeiten Frauen gab, die dieses Leitbildes durchbrachen, befand sich zum Ende des 19. Jahrhunderts das klassische Familienmodell auf dem ideologischen Höhepunkt. Danach begann sein langsamer Niedergang.

Das Private ist politisch. Mit dieser Ansage machten SDS-Studentinnen 1968 deutlich, dass viele ihrer männlichen Genossen weiterhin geprägt waren von traditionellen Geschlechtsrollenvorstellungen. Antiautoritäre Forderungen richteten diese zwar vehement auf Wirtschaft, Politik und öffentliche Institutionen, ebenso radikal jedoch wurden von ihnen eine Reihe klassischer Geschlechtsrollenstereotype aus eigenem Interesse von der Kritik ausgenommen. Selbst die sexuelle Befreiung der sechziger Jahre stellt sich in mancherlei Hinsicht als eine männlich geprägte Strategie dar, die trotz viel antiautoritärem Wortgeklingel insbesondere die eigene Freiheit vor Augen hatte. Die linke Selbstkritik hat lange gebraucht, bis es zur Aufarbeitung dieser wenig ruhmreichen Befreiungsstrategie kam. Die Pädophiliedebatte nach dem Odenwaldskandal hat dem Ganzen eine weitere üble Dimension hinzugefügt.

Es waren Künstlerinnen, die in den siebziger Jahren mit ihren Werken und Aktionen dem vermeintlich Privaten seinen Ideologieschleier nahmen. Was für manchen wie Voyeurismus aussah, war durch und durch politisch, nicht zuletzt geschlechterpolitisch, inspiriert. Nan Goldin öffnete ihr Privatleben bis hin zu den intimsten Ereignissen und zeigte schließlich ein Selbstportrait mit blauem Auge, das ihr von einem Lover zugefügt worden war. Andere Fotografinnen und Videokünstlerinnen, später auch Männer, gingen einen ähnlichen Weg. Stets ging es darum, mit Hilfe des Bildes die vermeintlichen Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum einzureißen, um so zu zeigen, dass es diese in Wahrheit gar nicht gibt.

Für die traditionellen künstlerischen Ausdrucksformen war die Hinwendung zu den privaten, auch intimen Themen nicht neu. Literatur, Theater, Malerei und auch der Kinofilm zogen schon immer einen großen Teil ihrer Stoffe aus diesem Themenbereich, insbesondere der Begegnung der Geschlechter. Aber das alles war eben artifiziell, künstliche Kunst. Der Leser und Betrachter konnte sich selbst zwar hier und dort wiedererkennen, aber es blieb stets ein Schutzschild vorhanden: Es war ja nur ausgedacht, was man da lesen oder sehen konnte. Die Fotografie, später auch das Video, hatte hier von vorneherein einen anderen Charakter. Das fotografische Bild zeigt etwas, von dem man vermuten darf, dass es im Augenblick der Aufnahme eine Entsprechung im Realen hatte. Dies gilt zumindest für die klassische Fotografie. Bei der digitalen Variante kann man schon nicht mehr sicher sein, was das Bild eigentlich wirklich zeigt. Inszenierte Fotografien wie die von Sindy Sherman lassen wir hier im Übrigen unberücksichtigt. Diese verdienen eine eigene Betrachtung.

Solange die klassische Fotografie ausschließlich normenkonform eingesetzt wurde, wies sie kein Störpotential auf. Überwiegend handelte es sich um Aufnahmen, die den traditionellen Geschlechtsrollenleitbildern entsprachen und diese stützten. Die Repräsentationsbilder konnten deshalb ohne weiteres sowohl privat gezeigt wie auch im öffentlichen Raum vorgestellt werden. Sie waren ja ungefährlich. Oder aber es handelte sich um heimliche, privat angefertigte Bilder, auch mit sexuellem Inhalt, die es zu allen Zeiten gab. Diese blieben natürlich unter Verschluss und durften auf keinen Fall dem Licht der Öffentlichkeit ausgesetzt werden. Einen Sonderfall bildeten die künstlerischen oder auch pornografischen Aktaufnahmen. Aber sie waren ja nicht wirklich privat, sondern entstanden für die Ausstellung, die Fotozeitschrift oder den Handel mit einschlägigen Bildchen. Von ihrem Entstehen im 19. Jahrhundert bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hielt sich die Fotografie an diese Spielregeln: Moralgerechte Aufnahmen für die Öffentlichkeit, heimliche Bilder fürs Private, mehr oder weniger künstlerische bzw. künstliche Bilder für ausgewählte Zwecke im exterritorialen Bereich zwischen öffentlichem und privatem Raum.

Der Einsatz der Fotografie für die Herstellung ungestellter privater, also authentischer Bilder und deren anschließende Vorführung im öffentlichen Bereich sprengte dann die bisher geltenden Gesetze. Nun ging es nicht mehr lediglich um Phantasien, die unter dem Es-ist-(fast)-alles-erlaubt-Schutzschild der Kunst oder der Pornografie entstanden, sondern es handelte sich um reales Bildmaterial, das den bis dahin abgeschotteten Privatraum verlassen hatte. Dieser war nun schrankenlos öffentlich geworden.

Der Einsatz der Fotografie zur Entschleierung des zuvor Verborgenen hat vor etwa fünfzig Jahren begonnen. Seitdem hat sich viel verändert. Mit dem Aufkommen der internetbasierten Social Media Kanäle und der massenhaften Fotografie mit dem Smartphone haben sich die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre noch einmal drastisch verändert bzw. partiell aufgelöst. Was mit den Gedanken von Jürgen Habermas zum Strukturwandel der Öffentlichkeit zu Beginn der sechziger Jahre und dem feministischen Das Private ist politisch am Ende desselben Jahrzehnts begonnen hatte, zeigt heute seine Fortsetzung in einer Form, an die vor fünfzig Jahren niemand denken konnte, die aber im Gegensatz zu den früheren Debatten vollkommen entpolitisiert erscheint. Da wird gepostet, was das Zeug hält, ohne dass dies reflektiert wird oder gar mit einem kritischen politischen Impuls erfolgt. Die Beweggründe scheinen andere zu sein. Einer der wichtigsten ist die verzweifelte Suche nach Anerkennung.

Alle privaten individuellen Social Media Präsentationen erfolgen mit dem Ziel, von möglichst vielen Nutzern konsumiert und im besten Fall mit Gefällt versehen zu werden. Kommerzielle Social Media Kampagnen lassen wir jetzt einmal unberücksichtigt. Bei diesen geht es letztlich immer um Absatzsteigerung. Alle privaten Posts hingegen rufen nach Anerkennung. Man will wahrgenommen werden und, wettbewerblich betrachtet, bei den Likes möglichst weit vorne liegen. Das Private unterwirft sich auf diese Weise vollständig der öffentlichen Normierung, und die Fixierung auf die Kollektivität ist in dieser gesteigerten Form ein historisch neues Phänomen. Zwar hat etwa die Mode, gerade in Verbindung mit spezifischen subkulturellen Symbolen, schon immer die Funktion gehabt, aus der Menge der Masse hervorzustechen, um positiv aufzufallen, aber das alles waren reichlich harmlose Mittel im Vergleich zu den heute öffentlich gemachten Intimitäten jeglicher Art. Erklären lässt sich das nur durch eine Schwächung des Individuums, das um jeden Preis, koste es, was es wolle, Hinweise darauf benötigt, dass es von möglichst vielen geliked wird, dies verstanden als Synonym für gemocht. Der Preis liegt in der Aufgabe des noch als privat zu bezeichnenden Freiheitsraumes. Wer alles von sich ins Netz stellt, läuft Gefahr, am Ende in der eigenen Selbstwahrnehmung auch nicht viel mehr zu sein als das, was im Netz steht. Dies ist jedoch eine latent störanfällige Angelegenheit. Die vollkommene Fixierung auf das kollektive öffentliche Lob wäre im Übrigen das beste Mittel, um immun zu werden gegenüber jeglichen eigenen Widerstandsgedanken hinsichtlich der normativen Zumutungen der Gesellschaft. Der Social Media Hype fördert, so betrachtet, die Affirmation des Bestehenden.

Aber vielleicht ist das zu pessimistisch gesehen und die Medienkompetenz ist allgemein stärker entwickelt, als es manchmal scheint. Solange die im Netz eingestellten privaten Bilder mit einem letzten Rest distanzierender Ironie präsentiert werden, besteht ja noch Hoffnung. Hin und wieder ist dann auch ein gewisses subversives Potential zu erahnen. Das Private ist schließlich weiterhin politisch.

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