Subversive Kunst in spießigen Zeiten

von Ulrich Metzmacher

Wer in der nächsten Zeit Gelegenheit hat, das Museum der bildenden Künste in Leipzig zu besuchen, sollte sich nicht nur die Fotografien von August Sander ansehen, wie kürzlich an dieser Stelle empfohlen, sondern unbedingt auch einige der übrigen Ausstellungsabteilungen. Neben Arno Rink und Gil Schlesinger, die neben anderen einen besonderen Eindruck hinterlassen haben, wird anhand einer raumfüllenden Installation mit Werken Klaus Hähner-Springmühls gezeigt, wie sich im Schatten des repressiven und ultrakonservativen Kultursystems der DDR eine avantgardistische Alternative entwickelt hatte, die den Mächtigen im höchsten Maße suspekt war.

Die Ausstellung zu Hähner-Springmühl (1950 – 2006), einem der aktivsten Künstler der oppositionellen Szene in der DDR, trägt den Namen Kandidat und setzt sich zusammen aus einer Reihe überwiegend wild gemalter Bilder, mehreren Tableaus mit Schwarzweißfotografien von Atelierereignissen und Performances sowie großflächig angeordneten Zitaten der Staatssicherheitsbehörden, die etwas von der orwellschen Dimension des damaligen Überwachungs- und Repressionssystems erahnen lassen. Das Werk selbst sowie die ebenfalls kraftvollen Fotografien bilden zu den bürokratischen Formulierungsungetümen der Stasi-Akten einen Kontrast, wie man ihn sich kaum stärker vorstellen kann. Hier die freie Kunst, die sich nicht zwingen lässt, dort der Staat mit Spießbürgern an der Spitze, denen genau dies gegen den angstbesessenen Strich ging.

Es folgen einige Textauszüge aus den Überwachungsakten:

Negativ-feindliche Kräfte orientieren sich an Hähner-Springmühl, sie sehen in seiner künstlerischen Äußerung eine Protesthandlung zur soz. Gesellschaftsordnung.

Zielstellung der OPK (Operative Personenkontrolle) besteht in der Aufklärung seiner ideologischen Wirksamkeit, des Charakters und der Zielstellung seiner Verbindungen zu neg.-feindlichen Personen aus dem kulturellen Bereich.... Der H.-Sp. ist von den erkannten neg.-feindl. Personen zu isolieren und in seiner Wirksamkeit einzuschränken. Durch offensive operative Kontrollmaßnahmen ist vorbeugend zu verhindern, daß er im feindlichen Sinne wirksam wird.

Das Ziel der Maßnahme besteht darin, Unsicherheit beim Kandidaten und seines Umfeldes zu verbreiten bzw. auszulösen.

Und dem Abschlussbericht zur OPK „Kandidat“ ist zu entnehmen: Die Einleitung der OPK erfolgte, da H.-Springmühl eine ablehnende bis negative Einstellung zur sozialistischen Gesellschaftsordnung und besonders gegenüber der sozialistischen Kulturpolitik der DDR vertrat. Er gehörte als Grafiker ohne künstlerische Qualität und gesellschaftliche Anerkennung einer Gruppierung negativ-feindlicher Personen aus dem künstlerischen Nachwuchsbereich an.... Sein finanzielles Einkommen ermöglicht ihm lediglich ein bescheidenes Leben, ohne Luxus, den er strikt ablehnt.

In den Schlusspassagen wird die ganze Lächerlichkeit dieses ängstlich auf unbedingte und geisttötende Ordnung bedachten Systems deutlich. Aber lustig war das Ganze natürlich nicht. Es verdient deshalb größten Respekt, wie sich in einem Umfeld, das im Unterschied zum damaligen westdeutschen System überhaupt kein kulturelles, aber eben auch kein intellektuelles Verständnis für ein Anything goes kannte, eine Nische entwickeln konnte, die subversiv von Innen wirkte, immer verknüpft mit der Gratwanderung zwischen Knast und der Frage Aushalten oder Ausreiseantrag.

Aber auch das selbstgefällige Denken der alten Bundesrepublik gehört auf den Prüfstand. Das gerne gepflegte Bild einer Liberalität, die nach westlicher Selbsteinschätzung autarke freie Menschen zur Folge hatte, zu der die östliche Rigidität einen Kontrast bildete, der nichts anderes als repressiv veranlagte Persönlichkeiten hervorzubringen in der Lage war, ist relativierungsbedürftig. So gab es auch im alten Westen jede Menge Ich-schwacher, autoritätshöriger Mitläufer, wie umgekehrt der Osten eine Reihe widerstandsfähiger, Ich-starker Abweichler vom offiziell Erwarteten hervorbrachte. Spätestens die Revolution von 1989 hat gezeigt, dass eine west-östliche Schwarzweißzeichnung hinsichtlich der vorherrschenden Mentalitäten nicht viel taugt.

In der alten Bundesrepublik war es seit den sechziger Jahren kein gefährliches Kunststück mehr, unbotmäßige Kunst zu präsentieren. Ganz im Gegenteil, wer sich nicht in Opposition zum gesellschaftlichen Mehrheitsgeschmack stellte und nicht nach Kräften provozierte, konnte als Künstler eigentlich gleich wieder einpacken. Anders in der DDR. Mit dem primitiven sozialistischen Realismus der fünfziger Jahre waren zwar nun keine Lorbeeren mehr zu gewinnen und insbesondere die Leipziger Schule testete in der Malerei wiederholt die Grenzen des gerade noch Erlaubten aus, aber das ganze System beruhte auf dem Grundsatz, dass als Künstler nur staatlich alimentiert wurde, wer sich ausreichend konform verhielt. Wer diesen Regeln nicht folgte, dem blieb nur die Randexistenz mit einem bescheidenen Leben ohne Luxus, wie es der Stasi-Bericht zutreffend formulierte. Während sich die westlichen Avantgardisten aufgrund der Mechanismen des Kunstbetriebs finanzieller Erfolge erfreuen durften, blieb es in der DDR für die meisten bei der staatlich verordneten Marginalität mit entsprechend prekären Folgen. Nur wenigen der Unbotmäßigen gelang es, Kontakte zum westlichen Kunstmarkt zu knüpfen und bereits vor dem Fall der Mauer auf bessere Zeiten zu hoffen.

Die Ausstellung Kandidat im Museum für bildende Künste in Leipzig ist noch bis zum 10.02.2019 zu sehen. Nicht zuletzt aufgrund der vielen dokumentarisch angelegten, dabei jedoch als einheitliches Konzept wirkenden Fotografien ist ein Besuch zu empfehlen, zumal man die ganze Installation als ein gelungenes Gesamtkunstwerk betrachten darf. Die Schau sollte im Übrigen auch einmal in Hamburg, Düsseldorf oder München gezeigt werden, um dort dem gesättigten Publikum ein historisch glaubwürdiges, authentisches DDR-Kunstfeeling aus der avantgardistischen Nebenwelt mit allen seinen Schattenseiten zu vermitteln.

 

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