Starke Kontraste in Hamburg

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In den Deichtorhallen und im Bucerius Kunst Forum werden gegenwärtig zwei Fotoausstellungen geboten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einmal ist da Michael Wolf mit Life in Cities und schon seit längerer Zeit zu sehen, jedoch nur noch bis Anfang 2019, Anton Corbijn mit THE LIVING AND THE DEAD. Auf dem Weg von der einen zur anderen Location durchquert man im Übrigen den Weihnachtsmarkt, auch das ein interessanter Effekt.

Bei der Schau in den Deichtorhallen handelt es sich um eine Produktion des Museums für Fotografie in Den Haag, die Michael Wolf in einer großen Einzelausstellung vorstellt und damit auch einem breiteren Fotokunst-Publikum bekannt macht. Die Aufnahmen für Life in Cities sind überwiegend in Asien entstanden, einige auch in Chicago, Paris und Bottrop.

Hier, im Ruhrgebiet, beginnt die Präsentation der Werkschau Wolfs, der in den siebziger Jahren an der Folkwangschule in Essen seine Ausbildung absolvierte. Eher kleinformatige Schwarzweißfotografien einer Stadt im Strukturwandel verweisen auf einen engagierten sozialdokumentarischen Blick. Die technische Perfektion der Aufnahmen mit klassischen Tonwertabstufungen lässt im Übrigen den Einfluss des Lehrers Otto Steinert erkennen. Aber die Serie aus Bottrop-Ebel bleibt für die Ausstellung untypisch. Nach dem Schwarzweiß aus dem Ruhrgebiet folgen in den weiteren Abteilungen ausschließlich Farbfotografien sowie einige dreidimensionale Installationen aus dem Rest der Welt.

Auf der Website von Michael Wolf können unter verschiedenen Rubriken zahlreiche der in den Deichtorhallen gezeigten Werkserien angeschaut werden. Wir müssen deshalb hier nicht alles beschreiben und können uns auf Anmerkungen beschränken. Die Serien The Transparent City aus Chicago und Architecture of Density aus Hongkong zeigen formell strenge, oftmals flächig angelegte Aufnahmen ohne perspektivische Tiefe, dafür mit vollständiger Schärfe, die mitunter fast abstrakt wirken und manchmal durch ihren Detailreichtum mit Überraschungseffekten an Gursky erinnern. So werden etwa die Großansichten der Chicagoer Wolkenkratzer durch kleinformatige Ausschnittvergrößerungen ergänzt, die kenntlich machen, dass hinter den gleichförmigen Fassaden das Leben von menschlichen Individuen stattfindet. Dennoch wird die kühle Nüchternheit der Totalansichten Wolfs damit nicht relativiert. Es sieht ein wenig aus wie Kulturkritik mit dem Zeigefinger und berührt nicht wirklich. Oh, diese furchtbaren Bauten der Industriegesellschaft! Da sind uns die Hongkonger Abstraktionen schon lieber. Hier kann der Betrachter selbst entscheiden, ob er sich an der formalen Gestaltung erfreuen oder lieber kritische Gedanken zum Verschwinden des Individuums hegen möchte.

In der Serie Informal Solutions werden die Bemühungen der Bewohner Hongkongs um kleine individuelle Alltagsausbrüche jenseits des Genormten deutlich. Die Menschen selbst sind zwar auf den Fotografien nicht zu sehen, dafür Artefakte wie der Wischmop, der eine Tür versperrt, oder die zufällig zu Skulpturen arrangierten Gegenstände auf der Straße. Die Wandinstallationen Hong Kong Coat Hangers sowie Bastard Chairs zeigen Ähnliches. Stets geht es um Improvisiertes, Geflicktes und Ungerades aus dem Alltag und damit einen Gegenentwurf zum glatt Betonierten, Gläsernen und Rechtwinkligen der Hochhausarchitektur.

In den Serien Street View und 100 x 100 werden dann schließlich auch Menschen gezeigt, entweder als zufällige Objekte der Google-Kamera, deren Internetangebot Wolf sich zunutze gemacht hat, oder in ihren nur wenige Quadratmeter großen Wohnzimmern, die mit einem streng einheitlichen Standard fotografiert wurden. Ergänzt werden die Personendarstellungen durch die Serie Tokyo Compression, die sehr eindrucksvoll schemenhafte Portraits leidender Fahrgäste hinter beschlagenen Scheiben der vollgedrängten U-Bahn zeigt.

Ein völlig anderes Genre wird in Cheung Chau Sunrises bedient. Eine ganze Wand der Ausstellungshalle ist ausschließlich mit ordentlich horizontal und vertikal geordneten Bildern von Sonnenuntergängen bestückt. Der Ausstellungstafel ist zu entnehmen, dass Wolff diese Aufnahmen jeden Morgen zu einer bestimmten Uhrzeit über Jahre hinweg vom Dach seines Wohnhauses gemacht hat. Ob wir das nun als mutiges Ignorieren des Kitschgenres verstehen müssen, wie der Ausstellungskommentar meint, kann offenbleiben. Interessanter erscheint uns das Gefühl, dass an vielen Stellen der Schau eine urbane Großstadtkritik formuliert wird, die auf die Rigidität des Immergleichen hinweist und gleichzeitig selbst mit sehr konsequenter Regelhaftigkeit ans Werk geht. Jeden Morgen auf das Hausdach zu steigen und den Sonnenaufgang zu fotografieren, erfordert schon eine stabile Selbstdisziplin. Vielleicht spielt ja auch die einstmals in Essen seriell konditionierte DNA eine gewissen Rolle.

Eine andere Kontrastreihe zum Leben inmitten der modernen Großstadtarchitektur bildet die Serie Paris Rooftops, in der Dächer und Seitenwände alter Häuser mit der langen Brennweite und der kleinen Blende so aufgenommen wurden, dass sich auch hier nahezu abstrakte Flächenbilder ohne Tiefenwirkung ergeben, jedoch mit einer wesentlich organischeren, wenn man so will, sympathischeren Wirkung als bei den Aufnahmen der Serie Architecture of Density. Wir mögen halt die alten Häuser mehr als die neuen.

Den Mittelpunkt der Ausstellung in den Deichtorhallen bildet die riesige Installation The Real Toy Story, die zigtausend Plastikspielzeugteile aus China mit Fotografien von Fabrikarbeiterinnen in Beziehung setzt und allein durch die Dimension des Werkes an der Wand und ihre erschlagende Buntheit beeindruckt. Vieles, was für die Arbeiten Michael Wolfs typisch erscheint, fließt hier zusammen, und die Ausstellungstafel fasst als charakteristisches Ziel zusammen das obsessive Sammeln, das Erkennen der Symbolkraft des Alltäglichen, die Kombination von makro- und Mikroperspektive und schließlich die Fähigkeit, anhand eines spezifischen Themas oder einer Perspektive die breiteren Entwicklungen des urbanen Lebens zu dokumentieren. Einverstanden, so kann man es sehen!

Und weiter geht es, auf zum Bucerius Kunst Forum am Rathausmarkt. Nach dem analytisch Scharfen und Ordentlichen der Deichtorhallen wartet nun als komplettes Gegenstück die expressive und häufig leicht unscharfe Welt des Anton Corbijn auf uns. Schon ganz sinnvoll, wenn man da auf dem Weg von der einen zur anderen Location über den Weihnachtsmarkt schlendert, dessen Atmosphäre weder etwas mit Wolf noch mit Corbijn zu tun hat. Die Eindrücke, die man eben noch von der Ausstellung im Kopf hatte, verschwinden hier ganz schnell zwischen Glühwein- und Bratwurstdämpfen. Das Hirn wird neutralisiert und vorbereitet auf die nächste Schau. Gut so!

Die Ausstellung THE LIVING AND THE DEAD läuft bereits seit Mitte des Jahres. Wer sie bislang noch nicht gesehen hat, sollte die Gelegenheit schnell nutzen und insbesondere eine Kombination mit dem Besuch der Deichtorhallen einplanen. Anton Corbijn zeigt sich hier nicht nur als Chronist der Rockkultur und Portraitfotograf der Helden auf der Bühne, sondern ebenso, wie ein kurzes Video deutlich macht, als Marketing-Guru, der den Stars erst zu ihrem Image verhilft und fotografisch mitunter das gekonnt zum Ausdruck bringt, was diese selbst noch gar nicht so recht wussten.

Die Fotografien Corbijns sind Legende und müssen nicht vorgestellt werden. Mick Jagger als Lady aus bester Gesellschaft, Tom Waits als einsamer Wolf oder die mysteriöse Sinéad O`Connor sind nur Beispiele. Weniger bekannt sind die in der ersten Etage gezeigten Fotografien aus den Serien Cemeteries und insbesondere a. somebody, die Corbijn in verschiedenen geschauspielerten Rollen zeigt, ohne dass dabei der Eindruck von Theaterimitation entsteht. Eher ist es das Gefühl, dass Corbijn mit Hilfe von Maskeraden und Utensilien aus dem Fundus sowohl die Persönlichkeit der Idole seiner Jugendzeit erforscht wie er sich auch selbst eigenen Obsessionen und Phantasien stellt.

Fazit beider Ausstellungen: Life in Cities ist ein gelungenes Stück rationaler Fotografie, die an den reflexiv orientierten Verstand mit ein wenig Gesellschaftskritik appelliert, das Gemüt dabei aber nicht wirklich berührt. THE LIVING AND THE DEAD hingegen ist von den Entstehungsbedingungen her nicht weniger rational, da absolut professionell, trifft jedoch vom Ergebnis her mitten ins Herz. Beides zusammen spiegelt die enorme Bandbreite fotografischer Ausdrucksmöglichkeiten wider. Es gibt nun einmal nicht die Fotografie. Die Ausstellung in den Deichtorhallen ist noch bis zum 3. März 2019 zu sehen, die im Bucerius Kunst Forum nur noch bis zum 6. Januar 2019. Und dann ist da noch der Weihnachtsmarkt.

 

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