Soziologie mit der Kamera

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Gesellschaft kann man nicht anfassen. Und obwohl sie mit ihren Normen und Sanktionen sowie ihrer ganzen Kultur von Menschen erfunden wird, bildet sie, wie schon Émile Durkheim am Ausgang des 19. Jahrhunderts festhielt, eine eigenständige Tatsache. Nachfolgende Generationen werden in das von den Vorfahren geschaffene Regelwerk hineingeboren, lernen sich in ihm zu verhalten und entwickeln es weiter.

Individuum und Gesellschaft bedingen sich wechselseitig. Ohne soziale Gemeinschaft kein sprach- und denkfähiges Individuum, ohne das Zusammenwirken Einzelner keine Gesellschaft. Spannungen sind bei diesem Beziehungsverhältnis an der Tagesordnung.

Die Soziologie versucht seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert zu verstehen, wie Gesellschaft funktioniert. Je nach dem gewählten Fokus liegt der Schwerpunkt entweder bei sozialen Strukturen und Funktionen oder bei den Handlungen des Einzelnen und seinen Interaktionsprozessen. Ihre Theorien wurden später entweder mit dem Label kollektivistisch oder individualistisch versehen. Aber eigentlich wusste die Soziologie schon immer, dass Individuum und Gesellschaft zwei Seiten derselben Medaille sind. Es handelt sich deshalb um einen methodischen Kollektivismus bzw. Individualismus, nicht jedoch um einen tatsächlichen. Auguste Comte, Émile Durkheim, Max Weber, die späteren Systemtheorien Talcott Parsons oder Niklas Luhmanns betrachteten das Ganze vom gesellschaftlichen Ausgangspol, Robert Merton etwa oder George Herbert Mead sowie alle sozialpsychologischen Theoretiker aus der Sicht des Individuums. Alles eine Frage der Perspektive, jedoch keine von richtig oder falsch.

Eine Bereicherung der Diskussion ergab sich in den 1970er Jahren durch feministische Theorien und später die Genderforschung, die quer zu den Polen Individuum und Gesellschaft die Geschlechterdimension hinzufügte, sowie die Kultursoziologie, die an alltäglichen Erscheinungsformen des Gesellschaftlichen ansetzte und gleichermaßen Kollektives wie Individuelles in den Blick nahm. Dass frühere soziologische Außenseiter wie Georg Simmel, Walter Benjamin oder Norbert Elias von der neuen Kultursoziologie in gewisser Weise als Vorreiter betrachtet wurden, verwundert nicht. Gemeinsam ist ihnen eine Konzentration auf Phänomene des Alltags, die wie von einem Flaneur wahrgenommen und essayistisch beschrieben oder systematisch als Erscheinungsformen gesellschaftlicher Regeln gedeutet werden.

Die sich seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts etablierende Visuelle Soziologie knüpft an der für moderne Gesellschaften typischen Hervorbringung unendlicher Mengen von Bildmaterial an. Dieses ermöglicht neue Sichtweisen auf das Alltagsleben. Zwar hatten sich auch aus den fotografischen Portraits des 19. Jahrhunderts, den Sammlungen August Sanders oder aus alten Familienalben Erkenntnisse hinsichtlich gesellschaftlicher Rollenanforderungen ableiten lassen, aber der gegenwärtige Massengebrauch der Fotografie eröffnet weitere, neue Möglichkeiten. Vieles von dem, was mit dem Smartphone aufgenommen und in den Sozialen Medien gepostet wird, wirkt auf den ersten Blick höchst individuell. Spätestens seit der Analyse der Gesellschaft der Singularitäten durch Andreas Reckwitz wissen wir jedoch, dass den Bildern ein kollektiver Drang zur Performance zugrunde liegt. Jeder und jede möchte sich als etwas Besonderes darstellen. So individuell, wie erhofft, sind die Ergebnisse dann eben doch nicht. Die Präsentationsmuster wiederholen sich. Die digitale Fotografie mit ihren medialen Verbreitungsmöglichkeiten hat diese Entwicklung massiv befördert.

Für die visuell orientierte Soziologie ergeben sich zwei Zugangswege zur Deutung kollektiver Prozesse. Entweder werden mit der Kamera soziale Situationen festgehalten und anschließend analysiert, oder es wird vorhandenes Bildmaterial ausgewertet. In beiden Fällen tragen Alltagsfotografien dazu bei, hierarchische Ungleichheiten, subkulturell verbreitete Verhaltensmuster und gesellschaftliche Idealbilder zu erkennen. Meist geht es um stabile Wiederholungen in Form alltäglicher Rituale, die einem vorgegebenen Skript folgen. Das Drehbuch bleibt den Ausführenden jedoch in der Regel unbewusst und wird nicht als überindividuelle Vorgabe wahrgenommen. Das Wissen um die Genormtheit des eigenen Verhaltens ist verdrängt. Systematisch analysiert, können Fotografien deshalb zum Hilfsmittel für die Kenntlichmachung des Normativen werden, hin und wieder aber auch des Bedürfnisses nach Widerstand gegen allzu Einengendes. Wer genau hinschaut, erkennt Areale des Ausbruchs mit Emotionen, Kreativität, spontanem Verhalten und Extravaganzen verschiedenster Art. Das Streben nach sinnvollem Handeln weist auf Spielräume hin, die trotz aller gesellschaftlichen Normierungen gesucht und genutzt werden.

Der voranstehende Text ist, leicht verändert, dem Dreizehnten Kapitel der Gedanken zum fotografischen Bild entnommen.

 

 

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