Serielle Fotografie

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Neben dem Einzelbild, das in einer temporären Exklusivbeziehung zum Betrachter steht, lassen sich Fotografien auch in Serien zusammenfassen. Dies mag der Ordnung dienen oder Ausdruck einer künstlerischen Idee sein. Gemeinsam ist ihnen, dass das einzelne Bild nun im Dienste eines übergeordneten Gedankens steht und als Solitär zurücktritt. Auch kommunizieren die Bilder nicht mehr allein mit dem Betrachter, sondern weisen Beziehungen untereinander auf.

So zeigte schon im 19. Jahrhundert Eadweard Muybridge mit schnellen Reihenaufnahmen die exakte Beinstellung der verschiedenen Phasen eines galoppierenden Pferdes und animierte damit den Kunstmaler zu größerer Naturtreue bei der Bewegungsdarstellung. Auch in der Völkerkunde, der Medizin oder bei der Polizeiarbeit wurden schon früh fotografische Serien eingesetzt. Ob es um anthropologische Rassendarstellungen ging, um die Dokumentation von Krankheitsbildern, psychiatrische Auffälligkeitstypen oder die kriminologische Fotografie mit der standardisierten Wiederholung von Frontal- und Profilansichten, stets ging es darum, Ordnungssysteme zu schaffen. Ähnlichkeit und Differenz bildeten die strukturbestimmenden Merkmale. Ziel war die Herstellung einer Systematik und nicht selten auch die Betonung der Macht des Definierenden. Die Bedeutung konkreter Bildserien kann deshalb immer nur unter Berücksichtigung der jeweiligen Kontexte verstanden werden. Insbesondere gilt dies, wenn sie für vermeintlich wissenschaftliche oder Herrschaftszwecke eingesetzt werden.

Neben der Chronofotografie und den Klassifizierungsbildern wurde die Idee der Serie zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts auch von der kunstaffinen Fotografie aufgenommen. So bildeten die Wolkenbilder von Alfred Stieglitz eine frühe Konzeptform des Seriellen. Sie zeigen Himmelsausschnitte mit unterschiedlichen Wolkenstrukturen, aber keine Landschaften oder Gegenstände, die dem Betrachter eine Orientierung geben könnten. Durch das Fehlen des Horizontes bleibt selbst das Oben und Unten offen. Aber da es um Stimmungen geht und nicht um dokumentarische Aspekte, hat das herkömmliche Koordinatensystem sowieso keine Funktion. Die Fotografien sind als abstrakte Bilder zu sehen, die Assoziationen auslösen, ohne sich vollständig zu erklären. Sie weisen, bedingt durch die fotografische Technik, zwar einen Wirklichkeitsbezug auf, oszillieren aber lediglich um das Wolkenthema. Zwingende Gedanken an konkrete Himmelswolken rufen sie nicht hervor. Der Betrachter kann ins Träumen geraten und seiner Phantasie einen wolkigen, freien Lauf lassen. Nicht umsonst gab Stieglitz der Reihe den Titel Äquivalente.

Serielles erscheint in unterschiedlichen Formationen, jedoch mit einer inhärenten Gemeinsamkeit. Ob als chronofotografische Ablaufdarstellung wie bei Muybridge, Klassifizierungssystem, Zusammenfassung thematisch zusammengehörender Aufnahmen oder als Konzeptkunst, in allen Fällen wird deutlich, dass dem einzelnen Bild jenseits der eigenen Botschaft eine Funktion als Element einer übergeordneten Idee zukommt. Die Serie bildet eine Entität eigener Art. Beim Betrachter finden die subjektiv wahrgenommenen Beziehungen zwischen den Elementen ebenso Eingang in die Deutung wie die Beschäftigung mit der Frage, welche Absicht bei der Entscheidung für die Serie an sich und genau diese Anordnung der Elemente zugrunde gelegen haben mag. In manchen Fällen fällt die Antwort nicht schwer. August Sanders idealtypische Portraits sind nicht nur Ergebnis akribischer Sammelleidenschaft, sondern Dokumente der Gesellschaftsstruktur ihrer Zeit. Ebenso stellen Bernd und Hilla Bechers Serien mit Relikten der untergehenden Industriearchitektur einen Beitrag zur Kulturanthropologie dar. Andererseits können sie im Kontext eines erweiterten Kunstverständnisses als Skulpturen aufgefasst werden. Die Verleihung des Goldenen Löwen bei der Biennale 1990 hat dies bestätigt. Cindy Sherman schließlich kreierte durch inszenierte Selbstportraits eine Typologie weiblicher Rollenmuster, die vor allem in ihrer Gesamtheit wirkt. So unterschiedlich die Serien von Sander, den Bechers und Sherman auch sind, gemeinsam ist ihnen, dass dem Betrachter eine über das singuläre Bild hinausgehende Botschaft vermittelt wird.

Der voranstehende Text ist, leicht überarbeitet, dem Achten Kapitel der Gedanken zum fotografischen Bildentnommen.

 

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