Sehen, was wir zu sehen gelernt haben (2)

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Alle Objekte dieser Welt lassen sich phänomenologisch, das heißt plausibel und ihrem evidenten Anschein nach, innerhalb eines Raumes mit drei Koordinaten beschreiben, so etwa der Schrank von IKEA mit Höhe, Breite und Tiefe. Die Fotografie des gleichen Schrankes im Katalog weist dann allerdings nur noch zwei Ausdehnungen auf, eine Höhe und eine Breite. Die Tiefe ist verschwunden, das Bild des Schrankes stellt eine reine Fläche dar.

Trotz dieses Unterschieds haben wir in der Regel keine Schwierigkeit, im IKEA-Kaufhaus mit dem Katalog in der Hand genau den Schrank zu finden, den wir uns zuvor ausgesucht hatten. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang: Ein Schrank aus gepressten Holzspänen und einigen Metallteilen wird als übereinstimmend mit einer bunten Abbildung auf einer Papierseite inmitten vieler anderer bunter Gegenstände erkannt. Solche Identitätsfeststellungen sind nicht selbstverständlich. Zum Erkennen des Schrankes bedarf es erstens der Fähigkeit zum Sehen an sich und zweitens des Bilderverstehens.

Ein Kind baut nach und nach eine kognitive Repräsentanz seiner Umwelt auf, nicht zuletzt, indem es die Beschaffenheit und Eigenschaften der Gegenstände im wahrsten Sinne des Wortes begreift. Es wächst in eine Welt hinein und lernt, sich in dieser zu bewegen und mit ihr umzugehen. Von der kognitiven Psychologie wurde die Entwicklung des Sehvermögens in den ersten Lebensmonaten ausführlich beschrieben. Dabei ist auf der einen Seite der enge Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung und zunehmenden Verknüpfung der Nervenfasern zu erkennen, andererseits aber auch die Verbindung mit dem allgemeinen Fortschreiten der Entwicklung. Während die Pupillen des Kindes nach der Geburt zunächst lediglich grobe Lichtreize wahrnehmen, haben sich nach drei Monaten erste Fähigkeiten des Kontrastsehens ausgebildet. Einige Zeit später setzt das Unterscheidungsvermögen zwischen nah und fern ein und die Entwicklung des räumlichen Sehens beginnt. In diese Phase fällt auch die Ausdifferenzierung des Farbensehens. Abgeschlossen ist die Ausreifung des Sehvermögens im Wesentlichen mit etwa sechs Jahren. Parallel zu diesem Prozess vollziehen sich die Schritte der allgemeinen kognitiven Entwicklung. Die Personen und Dinge der kindlichen Umwelt werden nicht nur voneinander unterschieden, sondern es wird auch deren Bedeutung erfasst. Hier kommt die Gesellschaft ins Spiel, zunächst überwiegend in Gestalt der unmittelbaren Bezugspersonen. Gleichzeitig lernt das Kind, zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden, und es entwickelt eine Idee davon, dass die Objekte existent bleiben, auch wenn sie sich nicht mehr im Blickfeld befinden. Hier begründet sich im Übrigen die Bedeutung des Versteckspiels für die kindliche Intelligenzentwicklung. Weiterhin kommt dem Gebrauch der Hand eine wichtige Funktion zu, da mit ihrer Hilfe Gegenstände in der räumlichen Verortung verändert und so die Folgen des eigenen Handelns getestet werden. Der hinzukommende Spracherwerb ermöglicht es, zwischen einem Symbol als Repräsentant der Objekte und dem Objekt selbst zu unterscheiden. Sprache ist die Voraussetzung nicht nur für Kommunikation, sondern auch für die Herstellung von gedanklichen Beziehungen zwischen den Dingen auf der Symbolebene. Schließlich leitet das Kind aus selbstformulierten Annahmen Schlussfolgerungen ab, um diese auszutesten. Etwa mit dem zwölften Lebensjahr ist das logische Denken entwickelt. Heranwachsende können nun Probleme abstrakt analysieren, mathematische Operationen vornehmen und komplexere Hypothesen aufstellen. Theoretisch jedenfalls. Wenn das grundlegende Lernpotential in den ersten Lebensjahren nicht ausgeschöpft wurde, kann das Versäumte später nur schwer oder gar nicht mehr nachgeholt werden.

Das Licht wird von Rezeptoren in der Netzhaut registriert und in elektrische Impulse umgewandelt. Nach der Strukturierung dieser Informationen werden sie in den dafür zuständigen Hirnregionen mit anderen Informationen zusammengeführt, mit vorhandenen Daten abgeglichen und schließlich als visuelles Bild mit einer kognitiven Bedeutung, einem Sinn, versehen. Erst dieser gesamte Verarbeitungsprozess kann als Sehen bezeichnet werden. Parallel entwickelt sich die Fähigkeit zur räumlichen Wahrnehmung. Die Einschätzung eines weit entfernten Objektes als real größenkonstant gegenüber einem gleichen, jedoch näheren, ist Ergebnis einer Abstraktionsleistung. Ebenso wird ein sich drehendes Objekt als körperkonstant bewertet, obwohl sich seine Oberflächenansichten permanent verändern. Ist dies einmal begriffen, wird es aufgrund der aufgebauten kognitiven Repräsentanz eines Objektes möglich, die Informationen eines zweidimensionalen Bildes, etwa einer Fotografie, zurückzuübersetzen und gedanklich mit einem realen, ursprünglich dreidimensionalen Objekt in Verbindung zu bringen. Ein Kind ist deshalb erst ab einem bestimmten Alter in der Lage, ein Bild oder eine Fotografie zu verstehen.

Untersuchungen zeigen, dass Angehörige fernab lebender indigener Kulturen, die erstmals mit fotografischen Bildern in Berührung kommen, deren Wirklichkeitsbezug zunächst häufig nicht erkennen. Erst nach Hinweisen auf bestimmte Einzelheiten wird ein Zusammenhang zwischen dem Bild und der realen Umgebung entdeckt. Im der uns vertrauten Kultur findet dieser Lernprozess in der Kindheit anhand von Bilderbüchern statt. Bilderlernen heißt nichts anderes als Herstellen von Beziehungen zwischen zweidimensionalen Abbildungen und den Dingen des dreidimensionalen Raumes. Die abgebildeten und die wirklichen Objekte erhalten einen gemeinsamen Sinn, der in der Regel durch ein Sprachsymbol ausgedrückt wird. Der Ball im Bilderbuch, der reale Ball im Kinderzimmer und das Wort Ball gehören zusammen. Nur auf dieser Basis werden Fotografien verstehbar. Auch die Wiedererkennung des Schrankes von IKEA wäre sonst nicht leistbar.

Der voranstehende Text ist dem Elften Kapitel der Gedanken zum fotografischen Bild entnommen.

 

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